Algarve – Portimao: längerer Zwischenhalt, 13.10.2015 – 25.10.2015 (voraussichtlich)

 

Algarve! Hier ist es schön. Richtige Ferienlaune kommt. Es war nie unser Ziel an die Algarve zu reisen, die Winde haben es sozusagen entschieden. Und jetzt sind wir hier und geniessen es. Zumindest an den auch hier spärlichen sonnigen Tagen – El Nino, das Christkind, wirkt auch hier offenbar. Bereits kurz nach Ankunft sitzen wir im Pool mit Blick aufs Meer und Chill-Musik im Hintergrund und vielen netten Bedienungen. Marc-Anton lässt sich sogar massieren. Wir nehmen einen Drink, es ist warm. Die Einrichtung gehört zu einem Hotelkomplex und wir dürfen es als Hafenbewohner mitnutzen. Im Sommer muss es hier sehr voll sein. Jetzt haben wir den Pool fast für uns alleine. Fast dekadent, aber wir geniessen es wie richtige Touris.

 

Die Kinder nehmen Surfunterricht. Wir leihen ein Brett aus und als mehr Wind kommt, Elias sich nicht mehr getraut, darf auch ich, Nicoletta, dran. Yeah... Ich bin das letzte Mal vor über 25 Jahren auf so einem Brett mit Segel gestanden. Damals habe ich es geliebt. Auch jetzt „fägt“ es wieder. Das ist Sport! Elias kommt schnell gut zurecht. Gabriel und Toja schaffen es auch gut mit kleinerem Segel.

Dann wollen wir ein Board kaufen. Eines für alles: Stand-Up-Paddeling (SUP) und Windsurfing und zudem noch inflatable. Der Surf-Shop Besitzer Miguel hat ein fast neues Brett (Windsup von Starboard). Auch Segel, Rigg und Mast braucht es. Wir werden sehr gut beraten. Alle haben Lust auf das Board und die Kinder wollen sogar etwas Taschengeld drauf zahlen. Wir verbringen den ganzen Tag am Strand. Gabi und Toja haben besonders Freude mit dem Brett in der Brandung zu spielen. Elias ist am Windsurfen und probiert das SUP aus. Marc-Anton hat viel Spass mit dem SUP. Es soll ja so gut für den Rücken und die Gleichgewichtsmuskeln sein, da man die Tiefenmuskulatur ständig trainiert. Ach ja, vor genau einem Jahr wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Es ist schon toll, was er alles wieder kann. Sogar Windsurfen versucht er erstmalig und es klappt schon ganz gut. Hätte man ihm das vor einem Jahr prophezeit, er hätte Luftsprünge gemacht – bzw. es versucht, weil das damals überhaupt nicht ging!

 

Wir sind mit der Schule recht diszipliniert. Unterricht ist von 9:00 bis 11:00 oder 12:00. Marc-Anton unterrichtet inzwischen auch täglich. Die Kinder haben einen neuen Stundenplan ausgearbeitet, so dass immer zwei Kinder bei einem Elternteil sind und ein Kind Einzelunterricht hat beim anderen Elternteil. Wir haben hier die Freiheit, bei schönem Wetter auch davon abzuweichen. So kann der Unterricht auch aus einem neuen englischen Lied bestehen, das wir uns zuerst in Originalversion auf Youtube ansehen (z.B. „I am sailing“ von Rod Stewart), übersetzen und dann singen. Anschliessend mache ich Surfunterricht. Wir sehen uns wieder auf Youtube ein Lernvideo an, übersetzen alle unbekannten Worte und versuchen zu verstehen, wie man anluvt, abfällt, wendet und halst. Durch die Segelerfahrung fällt es allen leicht, das Prinzip beim Surfen zu verstehen. Ist ja eigentlich das Gleiche, eben nur ein wenig anders. Englischunterricht, etwas Physik und Sporttheorie haben stattgefunden, ohne dass „man es gemerkt hat“. Dann auf, auf, an den Strand...

 

Die Algarve hat diese tollen Sandstrände mit sandsteinschimmernden Felsformationen. An Land und in Wasser. Zerklüftet, zerbröckelt, zerlöchert. Schöne Formen geben dem kilometerlangen Strand eine freundliche Einteilung. Dann Hotelketten. Jetzt einsam, fast leer.


 

Portimao ist eine richtige Stadt. Da sieht man auch Portugiesen, nicht nur Deutsche und Holländer. Mit Bekannten von Marc-Antons Eltern, Hans-Ueli und Margrit, fühlen wir uns rasch sehr verbunden und fahren nach Alvor nahe bei Portimao. Das ist ein ganz entzückendes, aber sehr touristisches Städtchen. Margrit ist mit Marc-Antons Mutter langjährig befreundet. Sie haben ein Haus an der Algarve (Faro) und hatten Lust uns kennen zu lernen. Es war sehr schön, mit ihnen einen schweizerdeutschen Abend zu verbringen. Wir durften uns alle in ihr kleines Auto quetschen und nach 6 Monaten mal wieder erleben, wie schnell Landschaft an einem vorbeiflitzt, wenn man im Auto sitzt. Da sieht man richtig viel in kurzer Zeit.

Unser Hafen ist etwa 2 km von der Stadt Portimao entfernt. Wir sind mit den Kindern 2-3 mal hingelaufen. Storchennester sind ein Highlight. An vielen Orten in der Stadt sieht man bewohnte Storchennester. Auf Kaminen und sogar auf einem Hafenkran habe ich Nester entdeckt. Gibraltar liegt auf der Fluglinie der Störche, die von Europa nach Afrika wandern. Einigen gefällt es wohl an der Algarve gut genug zum Bleiben. Ob wohl auch Wetziker Störche dabei sind?

 

Das Sardinenmuseum hat uns auch gut gefallen. Dort wurden bis vor wenigen Jahren Sardinenkonserven hergestellt und verarbeitet. Mit einfachen Fliessbandkonstruktionen wurde der Fisch von den Fischkuttern in Körben in die Fabrikhalle befördert. Dort von unendlich vielen fleissigen Frauenhänden sortiert und zu Filet verarbeitet und in die Konservendosen verpackt. Die Konservendosen-Produktion fand im Nebenraum statt, hier standen viele Männer an den Maschinen. Dosenschweisser war ein hochangesehener Beruf. Die alten Fabrikhallen sind heute ein von der europäischen Kommission mit einem namhaften Preis ausgezeichnetes Museum. Lebensgrosse Gipsfiguren stellen die Arbeitsprozesse sehr anschaulich dar. Ganz in weiss, über die Marmorbecken und Packtische gebeugt, konzentriert sind die Figuren „an der Arbeit“ – irgendwie beseelt, anwesend. Ein sehr besonderes Gefühl, sich direkt neben diese Figuren zu stellen oder daneben zu setzen: Man spürt förmlich die Präsenz der früheren Arbeiterinnen, das anstrengende Arbeitsleben das hier stattgefunden hatte – bewegend – Gänsehaut. Die erklärenden Texte sind auf portugiesisch. Wir verstehen nicht alles, aber ein bisschen. Macht aber nichts. Vieles ist selbstredend und ohne Worte eindrücklich.

 

Der Hafen hier ist ruhig und gut. Wir sind zu faul zum Ankern. Seglerfreunde von der „ SY Venga“ ankern immer wieder, wenn es geht. Wir bleiben im Hafen.

 

 

Einschub Marc-Anton: Auch im Hafen schwankt es ein wenig, weil Schwell eindringt. Schwell ist/sind „alte Wellen“. Alte Wellen sind Wellen, die von weither vom Meer kommen. Aus Gebieten, in denen viel und lange Wind herrschte auf grossen offenen Meeresflächen, in denen sich somit hohe grössere Wellen aufbauen konnten. Diese pflanzen sich über weite Strecken fort, flachen ab, ihre Amplitude wird kleiner, ihre Frequenz ebenfalls: sie werden langgezogen und etwas weniger hoch, als sie in ihrer „Jugend“ waren, sie werden zu Wellengreisen, zu langsamen Schwingungen, die nicht mehr als Wellen erscheinen, sondern mehr als Hebungen und Senkungen des Wasserspiegels: das Meer schwillt an und ab – deshalb 'Schwell'. Die Vorstellung ist schön: Schwellschwingungen enthalten eine Art Gedächtnis an frühere Wetter- und Meereszustände und transportieren diese Information über riesig-weite Strecken in Form langgezogener Wogen. Man spürt darin Grundelemente der Natur: Schwingung, enorme Wucht und Masse, Geduld, ein stetes Auf und Ab, Beständigkeit in der Veränderung.

Auf dem Schiff stet man dem Schwell zwiespältig gegenüber: auf offener See unter Segeln kann es ein Genuss sein, vor allem wenn man den Schwell von hinten hat und seine Amplitude und Frequenz nicht im Vomitus-fördernden Bereich liegen. Vor Anker oder im Hafen liebt man ihn nicht. Da führt er zum nervzehrenden Schaukeln, bis ins Unerträgliche. Im Hafen geht's noch. In Sines haben wir es aber vor Anker erlebt und sind nach einer Nacht am Eisen wieder in den Hafen gefahren. Hier in Portimao kommt der Schwell ein bisschen in den Hafen. Das führt zu einem dauernden rhythmischen Gezerre an den Leinen. Die 27 Tonnen Schiff gebärden sich wie ein webendes neurotisches Pferd im Stall, das zuwenig Auslauf bei zu viel Haferfutter hat: es bewegt seinen Kopf und sein Heck ständig und nervig hin und her – wie ein Webstuhlschiffchen.

Wir entscheiden deshalb, die grossen Festmacherfedern anzubringen. Das sind Stahlfedern, die fast so gross sind wie alte Auto- oder Fuhrwerkfedern; um die schwellbedingten Einruckungen und Materialbelastungen am Schiff und an den Leinen abzudämpfen. Nicoletta bringt die Federn am Steg an, verbindet sie mit den Leinen. Ich stehe auf dem Schiff mit den Leinenverbindungen und belege auf der Klampe am Schiff. Plötzlich ein Aufschrei: Nicolettas Finger klemmen in der gespannten einen Feder, an der das Schiff zerrt. Ich lass sofort die Leinen los. Schocktränen, Angst um eingeklemmte Knochen, Sehnen und Weichteile an den 4 Fingerspitzen. Doch es stellt sich als harmlose Quetschung heraus, die sogar ohne blaue Flecken abgeht. Zum Glück! Wieder was gelernt...: Sobald die Federn mit den Leinen und dem Land verbunden sind, soll man ins Wasser klatschen lassen, erst dann die Leinen dicht holen.

 

 

Wir warten mal wieder auf richtige Winde. Die Grosswetterlage ist anders als erhofft. Ein Tief nach dem andern zieht über die Azoren. Wie ein Alien Eier, gebärt die Atmosphäre momentan in der Gegend des oberen mittleren Atlantiks Tiefs, in Serie. Manche Ausläufer wandern bis zu uns hinunter oder sogar bis zu den Kanaren. Jeden Tag sehen wir uns unterschiedliche Wetterinformationen an: Gribfiles, da kann man die Druckverteilungen, Windstärken und Windrichtung direkt ablesen. Und „Windfinder“, da sieht man die Wellenhöhe und ob die Sonne scheint oder ob es regnet. Ständig gucken wir nach einem Wetterfenster um auf die Kanaren zu segeln. Da wir mit Kindern und als nicht alte Seebären nicht bei jedem Wetter segeln wollen, gibt es einige Variablen, die für uns stimmen sollten, so dass wir manchmal fast befürchten, gar nicht mehr los zu kommen. Es sollte sonnig sein oder wenigstens nicht regnen, dann brauchen wir Wind zwischen 10 und 20 Knoten Stärke. Der Wind sollte aus der richtigen Richtung kommen. Ausserdem sollten die Wellen nicht allzu hoch sein. Und diese Verhältnisse sollten zumindest für einige Tage andauern. Tönt vielleicht etwas weicheierig oder verwöhnt, aber...

Unsere nächste Segeletappe ist fast 600 sm - also ca. 1000 km - lang. Und wir hoffen sehr, dass diese Etappe zu einem guten Erlebnis, besonders auch für die Kinder, wird. Eine Art knapp einwöchige Generalprobe auf See, denn: Die übernächste Etappe über den Atlantik wird dann rund 3500 sm lang und ohne „Ausweichhafen“ sein. Da brauchen wir vorab ein wenig Mut und gute Laune! Es sieht so aus, dass es übermorgen klappen wird, also Dienstag 25.10.2015.