Fischfutterlaune von Sines bis Portimao, 12.-13.10.2015

 

Die obigen Bilder haben Freunde von der Venga gemacht, die auch mit einem Buben unterwegs sind: Eva und Daniel, ein Anästhesistenpaar, das auf dem eigenen Schiff auch sonst wohnt. Die Bilder sprechen für sich, oder? Sie beschreiben den ersten Teil der Überfahrt von Sines 70 Seemeilen unterhalb von Lissabon nach Portimao in der Algarve treffend... Könnte man meinen. Es gibt zwei Versionen der Geschichte dieser Überfahrt:

 

Vorzeigeversion:

(geschrieben, nachdem wir diese Fotos erhielten und sahen und ruhig im Hafen in Portimao lagen):

 

Souveränes Ankerlichten in Sines, morgens um halb Acht. Die Kinder schlafen noch. Ruhige Fahrt aus der Anker- und Hafenbucht. Wir warten sehnsüchtig auf die hohe See, auf Wind und Wellen. Endlich: der Atlantik ruft wieder. Der Wind ist zwar nicht ganz ideal, aber OK. Wir müssen etwas westwärts ins offene Meer hinauskreuzen, damit wir einen geeigneten Direktkurs zum Südwestzipfel Iberiens fahren können. Das Schiff tanzt in den Wellen, pflügt souverän (siehe Bilder!) durch das Salz, die Crew ist bester Laune. Freut sich am veritablen Blauwasserfeeling (solch spannende Verhältnisse erlebt man ja auf Wochentörns nie...), singt Lieder und trimmt eifrig. Hochinteressante Diskussionen zwischen Skipper (Papa - eher zögernd), 1. Matrosen (Sohn Elias - übermütig dafür), Co-Skipperin (Mama - auch eher dafür), ob man das Reff im Grosssegel jetzt schon rausnehmen soll oder nicht. Freunde folgen uns mit ihrem massiven Stahl-Kutter, wir machen gegenseitig Fotos unserer Heldentaten. Wir geniessen die Dynamik dieses tollen Sports, die Wucht der Natur, die Geborgenheit trotz Wellenritt in unserem starken, eleganten, schönen und segelsicheren Schiff. Runde Sache. Die 7 Stunden Motoren ab Mitternacht bis Portimao trüben das Segelerelebnis nur wenig. Übrigens: die Fotos lohnt es, in der Vergrösserung anzuschauen und durchzuzappen. Einfach draufklicken und dann mit dem Pfeil nach rechts weiter"blättern".

 

Version 2:

Der Wecker klingelt viel zu früh. Um 0530h, da wir um 0630h los wollen. Wir beschliessen sofort, ihn auf eine Stunde später zu stellen. Sind nicht mehr gewohnt, so früh aufzustehen, die Tage sind anstrengend auf einem Schiff. Und überhaupt: Über 2 Wochen vor Anker oder im Hafen: wir haben wieder alles verlernt. Um 0715h dann: wir müssen doch los, auch wenn es mit der Motivation hapert. Sonst sind wir viel zu spät in der Algarve und nachts in Häfen einfahren ist nicht so toll mit 3 kleinen Kindern und wenig Erfahrung. Wir raffen uns auf. Gegenseitige Anerkennung: erste "echte" Ankernacht ging gut, Anker aufholen auch. Ausfahrt aus Sines, bald nehmen die Wellen zu. Stugeron vorsorglich eingenommen. Nützt überhaupt nichts. Bald ist dem Skipper schlecht. Der Co-Skipperin zwar nicht wirklich, aber nur mit Konzentration - das heisst: eigentlich fast auch ein bisschen. Die Kinder kommen hoch. Elias verträgt es anfangs noch am Besten. Gabriel leidet sofort wieder, Toja beamt sich weg, indem sie flachliegt, entweder im Cockpit (bald zu kalt) oder im Deckshaussalon, den wir zum Überfahrtskuschellager und Schlaflager für Seekranke umgebaut haben. Stimmung mässig bis mies. Segel setzen: OK, aber nur gerefft. Spätere Diskussionen übers "Ent-Reffen" dauern. Nicht weil "Ent-reffen" fraglich wäre, sondern weil es heisst: Arbeit, zum Mast gehen bei viel Geschaukel, denn: wir haben 3 bis 4m Welle, segeln am Wind (also halbwegs gegen Wind und Wellen). Mehrere Eimer (im Seeleutejargon = Pütz) werden strategisch platziert. Zwischenbilanz der Gesamtcrew nach 6 Stunden: 12 mal Fische füttern = Kotzen. Die einzige, die nicht muss, ist Nicoletta. Als Skipper und Initiant dieses "Projekts" wälze ich wieder mal Grundsatzfragen: Warum das alles? Es leiden ja alle. Nicht lustig, nicht lustvoll. Geldvernichtungsprojekt mit Übelkeitsfaktor, supertoll! Scheinbar beschäftigt sich auch die Co-Skipperin mit solchen Fragen, wie Gespräche am andern Morgen danach zeigen. Wir kämpfen uns demütig durch den welligen Tag. Um 21h geh ich ins Bett. Damit ich um 3h dann einigermassen wach bin. Das Schiff zieht gemächlich (Tempo), aber heftig schaukelnd (Seegang) Richtung Süden. Um 1h weckt mich Nicoletta: Wind und Geschwindigkeit nehmen ab, Wellen aber nicht, das macht's immer ungemütlicher. Deshalb: motoren, und zwar bis zum Ziel, also 60 Meilen. Vorteil: es gibt nix mehr zu tun ausser Ausguck halten. Nachteil: es ist nicht Segeln und man verbrennt Diesel. Die Laune von allen ist schlecht im Doppelwortsinn. Wir fahren morgens ein in Portimao. Manövrieren können wir inzwischen auch als "schlecht"gelaunte Familie und mit Müdigkeit. Der Hafen ist sehr schön. Kurz nach dem Anlegen wird uns wohler, wir putzen Schiffsinnenleben und Deck und beschliessen: Doch, wir fahren weiter. Über den Atlantik wollen wir schon. Aber: wir beschränken das ganze Projekt (nach momentaner Stimmung) aber auf ein Jahr und auf eine Atlantikumrundung. Mir (dem Skipper Marc-Anton) geht's damit schon wieder viel besser. Und es ist ja so: Erstens kommt es sowieso, und zweitens anders als man denkt. Das ist halt Abenteuer: nicht nur lustig!

 

Welche Version stimmt wohl eher???

 

Klar, oder? Nicht ganz! Folgendes ist eindeutig falsch, und zwar in beiden Versionen: 1. die frühmorgendliche Abfahrtszeit: das war in Sines am Nachmittag um 15h. Und 2. das Ankerlichten: das war in Sines ein Ablegen aus einer Hafenbox. Das mit dem Früh-Aufstehen und dem Ankerlichten um 0730h hatte einige Tage vorher in Cascais bei Lissabon stattgefunden. Das heisst: Zwischen diesem Eintrag hier und demjenigen betreffend Lissabon hatte am 7.10.2015 ein objektiv gesehen wunderbarer Segeltag stattgefunden, der uns von Cascais bei Lissabon nach Sines geführt hatte. Auch an diesem Tag war es uns eher schlecht, obwohl es wirklich schönes Segeln war mit einer Segel-Motorbilanz von 90% zu Gunsten Segeln. Die Erinnerung an die beiden Segelfahrten haben sich bei mir vermischt. Diese Erinnerungsverwirrung ergab sich beim Schreiben von selbst. Ob das typisch ist für diese Art des Reisens?