Karibischer Blues, Musik und Leben auf dem Trockenen: 19.12. 2015 bis 25.01.2016

 

Vorweg: wir – Nicoletta und Marc-Anton – sagen es jedes Mal, wenn wir unsere Texte gemeinsam schreiben: „Dass das überhaupt funktioniert, erstaunt uns: zusammen Texte schreiben, die wir selbst sogar manchmal ziemlich gut finden. Wir zwei Individualisten mit starkem Drang zum Eigenen.“ Hier unser neustes gemeinsames Werk über die Zeit in Martinique:

 

19.12.

Die erste grosse Frustration wegen des Propellerschadens ist überwunden. Die Reparaturplanung eingeleitet. Dank eines Tipps der Schlepper-Rettungsschiffcrew finden wir einen guten Mechaniker, der die Materie als ehemaliger Hochseekapitän und Skipper sehr gut kennt: Franck vom Centre de Carénage in Le Marin. Nun ist karibisches Warten angesagt bis Ersatzteile da sind und Handwerker die Arbeit beginnen. Wir rechnen mit 3-6 Wochen, da der neue Propeller zuerst berechnet und dann in Frankreich produziert und hierher gesandt werden muss – und das über die Zeit der Festtage und der grossen Schiffsmesse in Paris. Jetzt wollen wir in der Zeit die „Blüte der Karibik“ etwas kennenlernen, haben dazu ein Auto gemietet - eine Woche lang. Bevor es los geht mit unserem abgefahrenen Kleinstmodell 106 von Peugeot (vielleicht sollten wir doch noch zur nächst höheren Auto-Kategorie wechseln, wir zittern bei jedem steileren Hang ob Reifen, Kupplung, Bremsen, Chassis halten), hole ich die Kinder mit dem Dinghi von einem anderen Boot ab. Sie hatten bei den Freunden auf der Deiopea drei Tage vor Anker gelegen. Für uns Eltern eine kleine Erholungszeit. Doch jetzt warten erstmal Übermüdung mit Quengelmodus auf uns.

 

Endlich kommen wir los auf der Suche nach schönen Buchten und Schnorchel-Erlebnissen. Diese finden wir heute jedoch noch nicht. Dafür sehen wir, wie Kokosnüsse mit einer langen Stange von Palmen herunter geerntet werden. Jeder bekommt eine geschenkt zum Ausschlürfen. Und wir essen das beste Kokoseis, verkauft von einer traditionell karibisch gekleideten alten Frau, die wohl seit vielen Jahren mit ihrem Ein-Rad-Schubkarren-Wägelchen am Strand von St. Anne auf und ab marschiert. Der Strand ist paradiesisch, gesäumt von Palmen, mit grossen Muscheln und warmer See. Farbenfrohe Menschen. Einheimische und Touristen lebendig durcheinander gemischt. Wir kaufen schöne Fruchtschalen, die kunstvoll aus Palmen geflochten sind und ein gelb-grün-farbstrotzendes Palmenwedel – unseren künftigen Weihnachtsbaum.

 

Weihnachten 2015

Ich schmücke das „Weihnachtszimmer“ mit den Kindern. Es ist unser Deckshaus. Wir haben viel Spass dabei. Das Palmenwedel wird vor den Innensteuerstand drapiert und mit Fäden befestigt. Lichterketten, Sterne aus Aludosen, welche Elias auf der Atlantiküberfahrt hergestellt hatte, und jede Menge Schmuck von Toja und mir dienen als Dekoration. Toja steckt Ohrringe in die Palmblätter - Sternengefunkel unter Palmen. Die Fruchtschale aus Palmenblättern dient als Krippe. Toja bringt ihr Jesuskind – eine aufgebrochene Mandelschale aus welcher der Mandelkern, wie ein eingebettetes Köpfchen, herausschaut. Sehr berührend, ursprünglich. Holztiere und Muscheln reihen sich um das Geschehen. Dann die Geschenke. Es sind doch wieder viele geworden. Die Kinder haben sich manches einfallen lassen und schöne Dinge gebastelt. Gabi hat zum ersten Mal selbständig Geschenke gebastelt, die Muschelketten mit Perlenverzierung, er ist sehr stolz. Toja hat für Marc-Anton eine detailreiche, filigrane Unterwasserlandschaft gezeichnet mit Marc-Anton als Delphinreiter. Und Elias hat aus Aludosen ein schnittiges Segelschiff gebastelt mit Segeln aus einem alten Geschirrtuch. Und einen noch nicht ganz fertigen Landrover Defender aus Blech, den Papa noch fertig zusammensetzen sollte – als Reminiszenz an unser geliebtes früheres Auto. Gabriel beglückt uns und die Geschwister zudem mit kleinen Gaben, die er in seinem Lieblingsladen in der Marina gekauft hatte. Er war fast täglich dort und hatte sich angefreundet mit der ruppig-liebenswürdigen Ladenbesitzerin. Ein Laden mit liebevollem, handgefertigtem Kunsthandwerk und Kleinkram aus der Gegend. Dann feiern wir, nach einem Strandnachmittag, sehr klassisch Weihnachten mit Singen, Geschenke-Auspacken, feinem Essen und selbstgebackenen Plätzchen - Kokosmakronen und Vanillekipferl. Auf dem Gabentisch liegt neben den selbstgemachten und selbstgekauften Geschenken der Kinder eine Menge Strand-Tauch-Kram. Brille, Schnorchel und Flossen für die Kinder. Ein neuer Bikini für mich und ein Universal-Strand-Kleid-Wickel-Tuch für Toja. Wasserball für Elias, T-Shirt für Marc-Anton und Strandmatten für alle. Besonderes Highlight ist das neue Jembey für Gabriel. Er hat es sich so sehr gewünscht. Auch aus besagtem Geschäft mit der resoluten Dame. Und jetzt werden alle Weihnachtslieder mit karibischen Trommelbeats unterlegt. Diese Weihnachten sind so anders und schön, sie werden uns lange in Erinnerung bleiben.

 

26.12.

Heute ist die Laune angespannt. Ich war morgens Joggen und habe dann noch auf dem Steg Yoga gemacht. Dennoch steigt die Stimmung nicht. Wir haben den Schiffs-Hafenkoller. Es ist so eng – und heiss. Ich sehne mich nach Alleinzeit, fühle viel Spannung, bin genervt. Wir sitzen im Hafen fest, warten auf ein Datum für die Reparatur. Es ist jetzt schon klar, dass es sehr teuer werden wird, alleine das Abschleppen kostete ein halbes Vermögen. Als wir mit dem Auto unterwegs waren, hat Marc-Anton zu allem Überfluss noch den Autoschlüssel im grossen Atlantik versenkt. Er hat ihn in die Badehose gesteckt, bevor er ein ausgiebiges Wellenbad genossen hat. Gabriel wurde fast panisch vor Angst, „nie mehr heim zu kommen“, da es bereits dunkel wurde und wir bei einem einsamen Strand waren. Dann kam ein Auto vorbei, schnell hin, anhalten, fragen. Ja, er nimmt uns mit – der für alle Strassen zuständige Chefbeamte der Inselverwaltung. Ein junger, netter Mann, der aber nicht wie ein Chefbeamter fährt, sondern wie ein junger Raser. Trotz Sand überall an unsern Füssen, bringt er uns in die Marina. Ging alles noch mal gut, hat aber auch wieder einen Dämpfer gegeben und 150 Euro gekostet.

 

28.12.

Im Moment herrscht Krise seit mehreren Tagen. Karibischer Blues. Welche Ziele haben wir? Sollen wir das Ganze abbrechen, das Schiff verkaufen? Freunde aus der Atlntic Odyssey Gruppe haben das soeben gemacht hier. Wir sind schockiert und auch ein bisschen neidisch. Manche Menschen können einfach schnell-schnell was kaufen, ein bisschen segeln und wenn sie merken, dass es nicht ganz stimmt, alles wieder verkaufen. Doch so sind wir nicht. Wir haben uns so stark mit allem verbunden. Stunden, Tage, Wochen und Monate - ja sogar Jahre um diese Reise gerungen und das Schiff mit unserer ganzen Kraft repariert, geputzt, belebt. War alles ein Fehler? Rennen wir einer grossen Illusion hinterher? Wir liegen hier im Hafen, können uns nicht bewegen, haben keinen Strand in der Nähe. Nachts sind es noch immer 28°C. Was machen wir? Wir geben Schule am Vormittag. Dann Kochen, Einkaufen, Alltägliches. Dann wollen die Kinder etwas unternehmen, Ausflug, Strand, Surfen. Mal mit dem Auto, mal mit dem Dinghi versuchen wir etwas mit den Kindern zu machen. Im Hafen gibt es keine anderen Kinder mehr, alle Bedürfnisse richten sich auf uns Eltern. Und wir? Zu wenig Zeit zu zweit, ständig eingespannt, zu eng. Zurückgeblieben im Hafen.

 

Dabei sollte man im Paradies gefälligst glücklich sein! Oder? Im Moment langweilt uns die Karibik eher. Touristischer Wärmetod hier. Eher wenig kulturelle Substanz. Palmenstrände: ja, und zwar auch wirklich schöne. Aber momentan denken wir: als Projektionsfläche - für uns Menschen, wenn wir im graukalten Mitteleuropa sind - sind sie viel bedeutungsschwerer bzw. wirkungsvoller als in Realität. Wir wollen mehr als nur an Stränden abhängen!

 

Kultur! (Marc-Anton:) Kultur findet sich in dieser von einer schwierigen Kolonial- und Sklavereigeschichte gebeutelten Weltgegend am ehesten in der Musik, da blüht die karibische Kultur! Wir lechzen an allen Orten nach Musik. Musik wird übrigens etwas sein, was uns definitiv bleiben wird von unserem Abenteuer. In der Marina bzw. in deren Restaurants und Bars finden regelmässig Konzerte und Jamsessions statt. In ganz unterschiedlichen Qualitäten. Von wurstigen Strassenmusikanten oder Musikern, deren Produkt zu 90% aus dem Computer kommt, bis zu Musikern und Bands der Weltklasse. Offen zugänglich, gratis. Wir gehen in fast jedes Konzert. Das ist sehr lehrreich und macht uns grosse Freude. Die Kinder lernen, unterschiedliche Qualitäten herauszuhören, zu differenzieren und über Musik, Musiker und die Komponenten des Gehörten nachzudenken und zu sprechen. Das macht uns allen enorm Spass. Wir hören zu, diskutieren das, was wir hören, schlüpfen mit den Ohren in die Sounds, schauen genau zu, wie die Musiker miteinander umgehen, versuchen zu verstehen, wer was drauf hat, wen und wer was besonders macht – und ab und zu tanzen wir. Musiker: Da gibt's den alten polyvalenten Organisator der wöchentlichen Jamsessions mit Rastalocken und miserablem Gebiss: singt wunderbar, spielt Bass, Schlagzeug, Percussion, Saxophon, Keyboard, Flöte. Solche Supermusiker gibt es hier reihenweise. Mich (Marc-Anton) beelendet dabei immer wieder, dass solche Leute arm bleiben, nicht bekannter werden, nicht richtig gut leben können von der ungeheuren Gabe, die sie haben und der sie sich (zum Glück auch trotz aller Widerwärtigkeiten!) hingeben, obwohl sie damit hier nicht auf grüne Zweige kommen. Wenn man bedenkt, mit welchem musikalischen Schrott man im Westen in der Popmusik reich werden kann. Ein paar Beispiele von Musikereindrücken in Martinique: Da gibt's die weisse Langhaarige, die ein Verschnitt aus Hippie, Joan Baez und biederer Schulsekretärin ist. Sieht brav und unauffällig aus mit ihrer Brille. Verwandlung am Mikrophon: hat eine rauchige, charakterstarke Reggae- und Bluesstimme, dass man dahinschmilzt und ausflippt: innere künstlerische Kraft und äusserliche Bescheidenheit verschmolzen. Oder: mehrere Bassisten, die sich die Bassgitarre im Kreis herumgeben. Sehen aus wie Strassenarbeiter, Bürogummis, Rasta-Clochards. Dasselbe bei mehreren Schlagzeugern (die teilweise auch Bassisten sind). Einer besser, prägnanter im Griff und Groove, als der andere. Dann ein kleiner, schlanker, unauffälliger Mann mit dickrandiger Brille und etwas traurigem Blick, in welchem doch immer wieder der Schalk aufblitzt, äusserlich der kleine Bruder von Alain Delon: spielt Jembey und eine Art selbstgebaute Holzquerflöte, bis die ganze Beiz flippt. Ein Tourist? Oder dann der „Banker von London“: rosiger, dicklicher, grosser Typ mit kaukasischer Babyhaut, sehr sauber frisiert und rasiert, gross, mit gediegen-sportlich hochgekrempeltem gebügeltem Bankerhemd – und aber Shorts und Fliflops: Sicher ein vermögender Yachtie von einem der Schiffe im Hafen - ein hierher verirrter Ire mit Sonnenbrand aus dem Bankenviertel einer europäischen Finanzstadt? Keine Ahnung. Jedenfalls hebt er an zu singen: eine Soulstimme wie von einem Schwarzen füllt das Lokal, die einen umhaut. Wuchtig, träf, differenziert, bluesiger Edeldreck in der Stimme, und ein enormer Rhythmus. Nicht genug: er zieht eine kleine Mundharmonika (wir nennen das Schnurregiige, Schnorrengeige) der Marke Hohner (!) aus der Tasche – und dann geht er erst richtig ab: der Mann beginnt, das Mikrophon mit der Mundharmonika zu liebkosen und zu verschlingen, vibriert, zittert, zischt, orgelt, geigt, stampft und presst den Blues mit einer Intensität in das Mikrophon, wie ich es noch nie sah: ekstatisch, musikalischer „Sex“ vom Feinsten! Blues ist definitiv wie frisches Wasser – ein Lebens- und Liebeselixier.

 

Am Abschlussfest der Atlantic Odyssey auch wieder Musik. Ein Mann aus Martinique: im Blaumann (=Übergwändli); blaugraue Latzhose, Lederhütchen, an der Gitarre, der auch singt. Und neben ihmn ein Stoiker am Bass. Es erklingt karibische salsa-artige Musik, wie sie typisch ist für Martinique. Rhythmisch, tanzbar, jazzig, harmonisch sehr reich. Wunderbare Gitarrensoli vom Mann in der Latzhose. Auch hier wieder zwei Spitzenmusiker, die uns beglücken. Nach dem Konzert diskutiere ich mit besagtem Sänger und Gitarristen. Er heisst Joel Lutbert und lebt in St. Pierre an der Westküste Martiniques. Wir sprechen über sein Leben hier als Musiker. Er spielt auch öfters in Frankreich und ist auch Musiklehrer. Ein wunderbarer Mensch, freundlich und liebenswürdig – dabei ein wuchtige Erscheinung wie ein Gleisarbeiter – auch er voller Sound. Er verschwindet und kommt zurück mit einer CD, die er mir schenkt. Es wird in den kommenden Woche die meistgehörte CD sein an Bord. Und uns mit Sicherheit noch später oft an die Zeit hier erinnern.

 

Elias bereitet sich nun auf die Gymnasiums-Aufnahmeprüfung vor. Das ist ein neues Ziel, auch für Marc-Anton. Haben wir nun definitiv beschlossen, darauf hinzuarbeiten. Elias will, und Marc-Anton auch. Sie beginnen systematisch, die Übungen durchzuarbeiten. Mal ist die Motivation besser, mal schlechter. Es wird ein Flug gebucht, da Elias für die Prüfung in die Schweiz muss. Mithilfe der lieben Unterstützung seiner ehemaligen Lehrer Gunar und Ruth und der Freunde Ruth und Albert zu Hause kriegen wir Anmeldung und Zusammenstellung der Übungsunterlagen gut hin.

 

30.12.

Es geht uns besser. Haben uns aus unserer Selbstmitleids-Krise herausgerappelt. Wie? Mit genau den Mitteln, die ich (Nicoletta) meinen Patienten immer „predige“. Immerhin scheinen sie zu funktionieren: Sport und Struktur: Wir stehen jetzt früh auf und gehen dann Sport machen. Marc-Anton mit dem Velo und ich joggen. Dann Frühstück und Schule mit Singen am Anfang. Dann Leute treffen und Spielen am Nachmittag. Am wichtigsten ist aber der Sport am Morgen.

 

1.1.2016 und folgende

Wir haben Neujahr gefeiert mit Freunden von der SY SIF, die vor Anker in der Grande Anse d`Arlet liegen. Es war ein sehr schöner Nachmittag und Abend. Anfangs war ich etwas traurig, ich sah wie idyllisch das Leben vor Anker ist, im Gegensatz zu unserem Hafendasein. Dann konnten wir es geniessen, das Schnorcheln, Armbänder-Flechten, Quatschen und ein feines Essen in einem hübschen Strandrestaurant.

 

 

Wir haben unerwartet ein Angebot von einem Funkerfreund von Marc-Anton bekommen, der als Skipper in der Karibik Touren anbietet. Da sein Schiff nur halbvoll ist, hatte seine Freundin die Idee, dass wir doch zwei Wochen mitreisen könnten. Ich finde die Idee gut. Neue Leute, Bewegung und mal einen Katamaran kennen lernen. Ein bisschen komisch stelle ich es mir schon vor, als Familie auf ein anderes Schiff zu gehen mit einer Crew, die wir kaum kennen. Wir wollen es uns überlegen. Sagen dann zu.

 

Heute haben wir einen tollen Ausflug in den Regenwald gemacht. Meditation in Grün diesmal - mit riesigen Farnen und gigantischen Bambusstämmen. Und hohe Bäume mit speziellen Wurzeln, die sich plattenartig ausdehnen (Franz.: Fromagier?). Unzählige Bananenbäume mit roten Blüten, doch ohne Früchte. Dann Pflanzen, die wir als Zimmerpflanzen teilweise kennen und viele Pflanzen, die es sich auf anderen Pflanzen gemütlich eingerichtet haben und ihre Wurzeln als Lianen lässig hängen lassen (Epiphyten). Und viel Wasser, immer wieder kommen Regenschauer, alles tropft. Tropischer Urwald!

 

Ausserdem besteigen wir den höchsten Berg der Insel, einen Vulkanberg. Eine anspruchsvolle Wanderung, vor der offenbar viele auch kapitulieren. Für uns Schweizer aber ein Genuss: endlich einmal wieder ein echter Berg! Wir geniessen es trotz Regen und Nebel. Für Marc-Anton ganz speziell: vor gut einem Jahr noch im Rollstuhl, später gleichgewichtsgestchwächt wie ein Tattergreis, und dann noch zwei neue Hüftgelenke auf ein Mal – 10 Monate danach jetzt quasi am Trainingsberg für die irgendwann geplante Säntisbesteigung: wenn ich den hier schaffe, wird es wieder möglich sein, bald auf den Säntis zu steigen; eines meiner Traumziele nach der Gesundheitskatastrophe vor einem Jahr.

 

Danach gehen wir als Tagesabschluss gleich noch in den Zoo von Martinique: dieser liegt malerisch eingebettet in einem kleinen Tal. In diesem Tal war früher eine sogenannte Habitation, eine Art grosser Gutshof oder Gutsbetrieb. Hier wurde einmal Zuckerrohr angebaut, zu Zucker und Rum verarbeitet. Auch Indigoblau wurde hergestellt aus Blüten (u.a. für die napoleonischen Soldaten-Uniformen), es gab für die Arbeiter ein kleines Spital, Herrschaftshäuser, verschiedene Produktionsstätten mit Dampftechnik, etc. Also eine Anlage mit mehrhundertjähriger Geschichte vom 16. Jahrhundert bis heute: Kolonialisierung, Sklaverei, später Lohnarbeit, Lokaladel oder Patriziat, Untergang. Den Untergang besiegelte anfangs des 19. Jahrhundert der Vulkanberg Mont Pelée, den wir gerade vorher bestiegen hatten, mit seinem ultimativen und letzten grossen Ausbruch. In dieser Anlage hatte auch Paul Gauguin eine Zeit seines Malerlebens auf Martinique verbracht. Vor einigen Jahrzehnten wurde in den verfallenen Gemäuern und Parkanlagen der Zoo von Martinique eingerichtet. Und vor einigen Jahren zootechnisch-ökologisch und didaktisch auf den neusten Stand gebracht. Wir sind uns einig: das ist der schönste, anregendste und tierliebste Zoo, den wir je besucht hatten. Wir sehen sich tollende Jaguare und Panther, Affen aller Art, bunte Vögel, die von uns aus der Hand picken, Schlangen, Faultiere, Stinktiere, etc.

 

Martinique wird uns bleiben, die Insel ist schön, der erzwungene lange Aufenthalt ermöglicht uns, das Eiland und seine Menschen gut kennenzulernen. Wir sehen aber auch das Potential, das hier brachliegt: enorme Müllmengen liegen überall, Autoleichen, Abfall, nicht fertig Gebautes. Ein ökologisch-touristisch-künstlerisches Nachhaltigkeitsprojekt à la Lanzarote würde dieser Insel extrem gut tun. Wir phantasieren auf der Heimfahrt strategisch über ein mögliches Gross-Projekt eines innovativen Gouverneurs, das zusammen mit einer handvoll origineller und überzeugender Menschen aus Kultur und Wirtschaft machbar sein sollte: mit mehrwöchigen Putzaktionen, in welche die ganze Bevölkerung einbezogen wird, einem Edukationsprogramm, Beseitigung ökologischer Probleme wie Schiffsleichen im Wasser, unsaubere Flussmündungen, Öllachen auf Fabrikgeländen, und bewusster Gestaltung einer neuen Tourismusqualität mit viel Öko-, Kultur- und Naturkomponenten. Lanzarote hat das geschafft, Martinique könnte es auch! Sowas würde sicher ziehen, aber...

 

Jaja, immer die „Abers“, die verhindern, dass Menschen das tun, wovon sie träumen. Wir jedenfalls sind froh, haben wir unsern Traum angepackt, auch wenn er anders verläuft, als voraus phantasiert.

 

3.1.-4.1.

Lieber alleine als in unfreundlich erlebter Gesellschaft: Ganz nach diesem Motto haben wir das Experiment auf dem Katamaran schon nach wenigen Stunden beendet. Wir hatten zugesagt und uns gefreut. Dann aber, schon nach den ersten zwei Manövern, bemerkt, dass wir wohl nicht mit allen Mitgliedern der Crew zusammen passen werden und es besser ist, sich rasch wieder zu verabschieden, als sich zwei Wochen lang zu quälen. Diese Entscheidung war zwar hart, nach all den Vorbereitungen, hatte aber auch etwas Gutes. Wir entscheiden uns deshalb nach wenigen Stunden, wieder in den Hafen zu unserem Schiff zu gehen. Der Skipper versteht das und fährt uns anderntags deshalb wieder zurück. Eine bewusste Entscheidung und nicht mehr ein Ausgeliefertsein. Für alle spürbar besser. Eine schöne Blüte entsteht aus dieser Erfahrung: Wir erkennen als Familie, wie wichtig bewusste Freundlichkeit im Umgang miteinander ist und machen daraus ein Familienprojekt. Denn: auch bei uns war der Ton in letzter Zeit nicht immer sehr liebevoll. Wir wollen deshalb eine Zeitlang jeden Abend eine Smiley-Runde machen: Jeder beurteilt die Freundlichkeit aller Familienmitglieder an diesem Tag. Wer von 3 Personen einen Smiley bekommt, darf einen Smiley in eine Karte einzeichnen. Wer 10 Smilies hat, bekommt ein kleines Geschenk. In langen Diskussionen haben wir alle Kriterien und Entscheidungsmodalitäten durchgesprochen und demokratisch entschieden. Mal sehen wie es sich entwickelt.

 

18.1.

Viel Zeit ist inzwischen vergangen. Es fühlt sich an wie „Leben in Le Marin“. Kein aufregendes Sight-Seeing sondern bekannte Lieblingsorte und Menschen. Jeden Dienstag ein Live-Konzert in einer feinen Bar. Internet beim Bäcker, Strand in St. Anne mit dem Dinghi, Schwatz mit Stegnachbarn oder Hafenmitarbeitern. In St. Anne gibt es direkt am Strand ein kleines Schnorchelparadies mit unzähligen farbigen Fischen und allerhand Korallen. Inzwischen konnten wir auch unser Dinghi so einstellen, dass es richtig schnell wird, ins Gleiten kommt – zumindest wenn einer von uns nicht mitfährt, ansonsten sind wir eine zu schwere Fracht, um den Bug über die Bugwelle hochzukriegen. So ist der Strand nur noch eine kurze Sausefahrt entfernt.

 

16.1.

Inzwischen liegen wir auf dem Trockenen in der Werft. Herausgehoben mit einem Kran, der bis 80 Tonnen heben mag. Wir stehen mitten auf dem Wrftgelände, wie ein Ausstellungsobjekt. Paloma sei momentan der Stolz der Wrft, sagt uns später Thierry, ein liebenswürdiger Securityman, der jeweils abends das Gelände bewacht und also auch für unsere Sicherheit sorgt. Jeder der reinkomme, sehe Paloma da stehen, staune über die Schönheit des Schiffes und seiner Linien.

 

Wir leben auf 4 Metern Höhe – ohne Schwanken. Da kann man durchaus den Blick vom Schiff auf Le Marin, die Kirche, den Vulkanberg, die grüne Hügellandschaft geniessen. Heute gehen die Arbeiten los. Es ist besser, als wir erhofft haben, sogar Wasser dürfen wir auf dem Schiff nutzen. Nur für`s WC gehen wir ins Häuschen und Nachts auf den Eimer. Das ganze Werftgelände befindet sich im Bau. Es wird eine stärkere Teerschicht gelegt für einen zusätzlichen neuen Schiffskran, der 440 Tonnen tragen mag – übrigens mit EU-Geldern finanziert, wie auch der neue Bodenbelag! Der neue Kran steht schon prachtvoll auf dem Gelände. Er hat 8 breite Traggurte, mit denen die Schiffe dann gehalten werden sollen. Jetzt wehen sie träge rot-leuchtend im Wind und laden ein zum Spiel. Wir haben die Schlingen kurzzeitig als Riesenhängematten benutzt; das musste der Wachmann dann leider verbieten.

 

In zwei Wochen sind die Werftarbeiten an der Paloma fertig. Erst dann können wir frühestens wieder ins Wasser. Bis dahin gibt es aber noch einiges am Schiff zu tun...

Die ganze Atmosphäre hier ist geschäftig und wir haben auch Lust zu schaffen. Wir putzen das Schiff mal wieder richtig und Marc-Anton bereitet einiges für die baldigen Reparaturen vor. Folgendes soll gemacht werden: Propeller, Welle, Wellenlager und Wellenbock, Relingsstützen, Süsswassertank, Dachlukenscheiben. Auch die Schule läuft intensiv weiter. Elias ist jetzt für die Gymivorprüfung am 7. März definitiv angemeldet und wird am 1.3. mit Marc-Anton in die Schweiz fliegen. Zudem werde ich als Psychiaterin gebraucht – ein Notfalleinsatz bei Freunden auf einem andern Schiff. Es tut gut, helfen zu können und zu merken, dass es noch was anderes gibt, was ich gerne mache und gut kann.

 

Unser karibischer Blues scheint überwunden zu sein. Hat es uns doch immer wieder tief geschüttelt und all unsere Pläne auf den Kopf gestellt. Im Moment existieren mehrere Pläne friedlich nebeneinander. Die Welt der Möglichkeiten ist gross. Im Moment ein Freiheitserleben und keine Qual. Es drängt nichts nach Entscheidung. Es kommt, wie es kommen mag.

 

Sicher ist, dass wir nach der Reparatur wieder segeln werden, wahrscheinlich nach Grenada. Am 1.3. werden Elias und Marc-Anton von Martinique aus in die Schweiz fliegen. Danach geht es wohl gen Norden. Vielleicht nach Maine zum Schiffsverkauf, dort soll es einen guten Markt für Holzschiffe geben. Vielleicht aber auch über den Atlantik zurück nach Europa, um den Kreis zu schliessen. Oder doch noch ein Jahr unterwegs sein? Wir werden es sehen. Planlosigkeit – oder besser: mehrere Pläne nebeneinander - als aushaltbarer Zustand und Chance, die man später wieder nicht mehr haben wird!

 

Übrigens zur Smileyrunde: Irgendwann hatten alle ihre 10 Smileys beisammen. Nicht alle gleichzeitig! Mehr verraten wir aber nicht. Sehr fruchtbar waren die allabendlichen Diskussionen über: wer kriegt wieso einen oder keinen. Und die Diskussionen über unsere Entscheidungsverfahren und -kriterien. Was einmal mehr zeigte: Wichtig an einer echten Basis-Demokratie und paritätischen Gesellschaft oder Gemeinschaft ist das Ringen um die Regeln und Verfahren. Das ist fast wichtiger als die Regeln selbst! Und ab und zu muss auch Laut-Ausrufen sein dürfen – neben aller Nettigkeit. Wir sind uns einig: das Smiley-Spiel hat Wirkung gezeigt, der Ton auf der Paloma ist eindeutig freundlicher geworden und das tut uns allen gut.