Meditation in blau

 

Atlantic Odyssey 18.11.2015 bis 7.12.2015

Lanzarote bis Martinique

 

18./19.11.2015 bis 8.12.2015

 

Seit gestern sind wir unterwegs. Der Start hat gut geklappt. Mit Besan und dem als Genua gefahrenen Passatsegel sausen wir pünktlich über die Startlinie vor Arrecife. Das Foto, welche vom Rally-Control-Schiff aus gemacht worden war, ziert neu unsere Titelseite dieser Website. Nächster Stopp ist aber schon 10 Seemeilen weiter südlich zum Tanken. Bei dieser kurzen Strecke zeigt sich leider schon wieder Spiel im Steuerrad. So ein Ärger! Sind noch beim Tanken und wissen noch nicht wie weiter mit dem Steuerrad. Da steht Henning mit dem Motorrad am Steg. Er hatte eine kurze Tour gemacht und wusste, dass wir am Tanken sind. Wollte uns ein letztes Mal winken und bringt Eis für jeden mit. Unglaublich! Und dann Steuerrad – er taucht genau im richtigen Moment auf und schon wieder liegt er unter der Steuermechanik und versucht die Ursache für das Spiel zu finden. Diesmal liegt das Problem nicht unten sondern oben; eine Schraube hatte sich frei  gearbeitet. Sollte sie nicht können. Dann wird ein Metallteil, das als schuldig erkannt wurde, abgeschliffen. Und die Schraube verklebt. Hoffentlich war`s das (ja, das war's, alle früheren Fehlarbeiten sind nun behoben, Danke vielmals, lieber Henning!). Es scheint wieder zu funktionieren und wir können nach 2 1/2 Stunden Unterbrechung weiter fahren. Jetzt geht es richtig los. Wir wissen: Jetzt kommt Blauwasser pur: vor uns liegen 3'100 Meilen, also etwa 5'500km offenes Meer, das wir durchpflügen wollen. So weit weg von allem waren wir noch nie. Das Gefühl ist kaum zu beschreiben. Man denkt, man könnte sich fürchten, tut es aber nicht. Man geht da einfach rein, fährt ins offene Meer, voller Hoffnung, Mut, Respekt und dem Gedanken "kein Zurück" - demütig gespannt. Wir werden etwa 3 Wochen auf unserem Schiff sein in der unendlichen blauen Weite, ein Mikrokosmos im grossen Kosmos - auf uns allein gestellt.

 

Wir haben alle Scopoderm genommen und es geht damit allen viel besser. Nur mir (Nicoletta) geht es nicht so gut. Ich lege mich hin. Marc-Anton übernimmt Kochen und die erste Nachtschicht. Ab 01:00 bin ich wieder fit und übernehme. Die Nacht ist sternenklar mit Unmengen an Sternschnuppen. Diese Nacht steuern wir noch mit dem elektrohydraulischen Autopiloten (der braucht Strom). Ab Morgen wollen wir mit Passatsegeln und auch mit dem Windpiloten fahren.

 

Elias wacht früh auf und übernimmt die Wache von 7:00 bis 8:00. Ich lege mich noch mal hin. Dann Frühstück, aufgebackene Brötchen. Alle mögen essen, selbst Gabriel. Er fühlt sich ziemlich OK, wenn auch nicht 100%. Marc-Anton und Elias setzen dann die Passatbesegelung. Marc-Anton beschreibt: Das ist spannende Arbeit auf dem Vorschiff - bei 3 bis 4 Metern Welle: das Passatsegel ist eine Art doppelte Genua, die man auf beide Seiten aufklappen kann wie ein Buch. Das Segel haben wir in Lanzarote am Vorstag angeschlagen, indem wir es gegen die normale Genua ausgetauscht haben. Es ist gross, schwer. Die Aktion des Setzens ist etwas kompliziert, da man das Segel nach rechts und links ausbaumen muss. Sprich: man muss zwei lange dicke Stangen (Bäume) am Mast so anbringen und schräg nach vorne und auf die Seite ausbauen, dass die Segel flügelartig links und rechts nach aussen gezogen werden können und aufrecht stehen und nicht einfallen können. Wie Theatervorhänge. Die beiden Bäume werden dafür mit mehreren Leinen fixiert und stehen wie zwei grosse Stachel schräg weg. Henning und Söhnke haben uns gezeigt in Lanzarote, wie das geht. Nach einer Arbeitsstunde steht die ganze Konstruktion wunderbar im Wind. Wir haben nun am Bug eine Art riesigen wunderschönen weissen Flug-Drachen, der den Rückenwind einfängt und die Paloma gegen Westen zieht. Wir erreichen ca. 9 Knoten (ca. 16km/h) mit Passatsegeln und dem Besan, der zur Stabilisierung stehen bleibt. Nicht schlecht! Auch den Windpiloten kriegen wir gut eingestellt. Es braucht Geduld und Fingerspitzengefühl um ihn einzupegeln. Weiter mit Nicoletta: Der ganze Tag ist ein wunderbarer Segeltag mit 15 -20 Knoten Wind und Sonnenschein. Es ist ein ganz neues Gefühl für uns ohne Seekrankheit unterwegs zu sein, sogar spielen zu können. Toja macht einen Sundowner: Orangensaft mit Granatapfelkernen. Und für die Erwachsenen noch mit einem Schluck Gin. Einige Delfine zeigen ihre Sprungkünste während wir unsere Drinks schlürfen. Ein perfekter erster Tag. Wir kochen einen Kartoffelgratin mit Würstchen und Eiern – das Omi-Rezept. Da ich sowohl Eier als auch Kartoffeln vorgekocht hatte, geht es ziemlich schnell und schmeckt allen gut. Dann kommen auf die Nacht starke Windböen bis 25-30 Knoten, der Windpilot kriegt Probleme, die Segel flattern. Wegen der Luvgierigkeit des Schiffes beschliessen wir, den Besan zu bergen und die Passatsegel zu reffen. Als wir den Besan gerade bergen wollen, reisst uns ein Block aus einem Passatsegelbaum an dessen Spitze raus (bzw. die Schot hat sich aus dem Schnappblock rausgerissen, wie sich anderntags zeigt), das Segel flattert unkontrolliert im Wind. Es entsteht Hektik, der Wind pfeift kräftig, die Kräfte an den Bäumen sind eindrücklich. Wir wollen das Passatsegel erst mal bergen und dann weiter sehen. Jetzt sind wir unter Motor und haben alle Segel geborgen. Und nun? In der Dunkelheit bei heftigem Wellengang auf dem Vorschiff rumzuturnen um das Passatsegel in Ordnung zu bringen, ist immer unangenehm. Uns verlässt der Mut. Dann wollen wir wenigstens den Besan wieder setzen. Das klappt aber auch nicht, da wir nicht in den Wind gehen wollen wegen der hohen Wellen, die dann voll gegen uns schlagen. Wir versuchen den Besan mit dem Schaukeln der Wellen hoch zu ziehen, er verhakt sich aber immer wieder und es gelingt trotz mehreren Versuchen nicht. Nach einer Beratungspause mit Schoggi beschliessen wir 3 Grossen, den unheroischen Motoren-Modus über Nacht fortzusetzen und morgen bei Tag alles in Ordnung zu bringen. Wir sind zu müde, es ist dunkel. Elias freut sich richtig, jetzt auch ins Bett zu dürfen. Am andern Morgen gelingt es dann, die Passatsegel wieder zu setzen, nachdem wir die Blöcke an den Enden der Bäume wieder wegnehmen und die Schoten klassisch durch die Baumenden ziehen (was sich bis Martinique bewährt), die Niederholer und Achterholer nochmals durchchecken und alles gut festzurren. Ab jetzt werden die Segel fast drei Wochen so stehen und uns gut voranbringen.

 

21.11.

 

Morgendämmerung, Elias will gleich angeln. Und er fängt tatsächlich eine kleine und eine grössere Goldmakrele (60 cm). Heute haben wir auch Lust Fisch zu essen. Auf Schule haben wir noch keine Lust, die Wellen sind viel zu hoch um schreiben zu können! Marc-Anton ist mit dem Windpiloten beschäftigt, bei hohen Wellen hat dieser manchmal Mühe den Kurs zu halten. Den ganzen Tag probieren wir unterschiedliche Tricks, am Abend stellen wir dann wieder auf die strombrauchende automatische Steuerung um. Ich verbringe viel Zeit damit, bei Rauschefahrt das Passatsegel zu flicken. Die Unterkante hat sich gelöst und reisst weiter auf. Die Klebetaps funktionieren nicht so gut, sie halten kaum. Daher mache ich mich mit Nadel und Faden ans Werk. Schön anstrengend so halb über dem Kopf bei bewegtem Segel und Geschaukel im Bugkorb zu stehen und zu Nähen. Werde leider nicht ganz fertig. Morgen  geht es weiter. Die Naht hält dann aber die ganze Reise!

 

23.11.

 

Nachricht von anderen Schiffen bekommen wir zuerst über die Rally Control - via email per Satellitentelephon. Ca. 10 Schiffe haben Probleme mit unterschiedlichen Sachen. Einige davon fahren auf die Cap Verden zur Reparatur. Andere können Defekte selber beheben. Bei einem Schiff ist ein Seitenfenster unter Wasserbelastung eingebrochen mit Wasser im Schiff! Sie konnten es reparieren. Habe immer wieder auch besorgt auf unsere Seitenfenster geschaut, da sie bei starkem Wellengang und Krängung oft komplett im Wasser lagen oder von seitlichen Wellen "angefallen" werden wie von fletschenden Hunden. Wir waren im Vergleich mit kleinen Blessuren davon gekommen bei den ersten Tagen mit viel Wind und Wellen: Riss im Segel, 2 Reling-stützen gebrochen, ein Ventil im Kühlkreislauf der Maschine gedichtet. Das Gröbste, Schlimmste zeigt sich erst am Schluss, doch dazu später.

 

Jetzt ist das Wetter mit 10-20 Knoten sehr angenehm, die Wellen haben sich vorübergehend etwas beruhigt. Die Crew ist munter. Wir haben dieses Mal die Seekrankheit mit Scopoderm offensichtlich erfolgreich zugepflastert. Allerdings reicht ein Pflaster nicht. Gabriel hat teilweise bis zu 3 Pflaster. Dann ist die Seekrankheit weg, aber als Nebenwirkung bekommen die Kinder Sehprobleme (Adaptionsstörungen), müssen zum Lesen unsere Lesebrillen benutzen. So ist es in der Medizin. Ein Problem wird man los und das nächste bringen die Medikamente – von der Seekrankheit zur Sehkrankheit. Vielleicht haben wir es diesmal ein wenig mit der Dosis übertrieben - typisch Ärzte! Jedenfalls schauen Toja und Gabriel sehr klug drein mit unseren Lesebrillen.

 

Heute haben wir wieder geangelt. Erst war was richtig Grosses dran. Beim Reinholen wurde das Vorfach ausgerissen. Ich war eigentlich froh, dass ich nicht mit einem 2 Meter Fisch kämpfen muss. Leid getan hat es uns allen. Elias war sauer und verzweifelt. Er hätte so gerne einen grossen Fisch gefangen und es tat ihm Leid, dass dieser Fisch unnötig leiden musste. Nur wenige Stunden später ging noch eine ca. 80 cm grosse Goldmakrele an die Leine. Die Arbeit mit Wodka in die Kiemen, Hammerschlag auf den Kopf, Töten mit Messer und Filettieren habe ich (Nicoletta) gemacht. Der frische Fisch schmeckte wunderbar. So bewusst habe ich noch nie in meinem Leben getötet. Wunderschön schimmernd und goldfarben sehen diese Fische aus, wenn sie aus dem Wasser kommen. Die goldene Farbe verschwindet nach wenigen Minuten. Die Kraft, die in so einem Fisch steckt, ist faszinierend, es zuckt und pocht noch lange. Das Messer in so ein wunderbares Tier zu rammen tut mir jedes Mal Leid. Sobald das Tier aber an Bord ist, wird es zur Notwendigkeit, die man selbstverständlich und zielstrebig vollstreckt - da gibt es nichts mehr zu entscheiden, sowohl aus Rücksicht auf das schon angeschlagene leidende Tier als auch in unserem Interesse. Ein ehrliches, schreckliches Handwerk, das wir jedes Mal mit Entschlossenheit, Respekt und einem starken Gewissensgefühl zu vollziehen versuchen. Gabriel achtet sehr darauf, dass wir nicht mehr angeln, als wir essen mögen und nicht dem Tötungsrausch unterliegen.

 

Wir sind bereits 200 Seemeilen vor den Cap Verden, haben  800 Seemeilen geschafft. Wir fahren weit südlich, da von hier aus die besseren Passatwinde zu erwarten sind. Passatwinde oder auf englisch Trade Winds blasen von Ost nach West, ab ca. November über die Winterzeit ziemlich konstant. Je südlicher desto besser.

 

Langeweile entsteht überhaupt nicht. Die Kinder bereiten sich intensiv auf Weihnachten vor. Da werden Wunschlisten verfasst und Geschenke gebastelt. Ich darf es eigentlich nicht verraten: Toja hat einen Angelhaken gebastelt für Gabriel. Er sieht aus wie eine Tintenfisch-Attrappe. Sie hat eine bunte Klarsichtfolie dafür verwendet und Perlen und natürlich einen Angelhaken. Elias hat ihr dabei ein wenig geholfen. Bei unseren besten Fischfängen haben wir solche Tintenfischattrappen benutzt. Elias bastelt Weihnachtsbaumschmuck aus Aludosen. Gabi hat Schmuck hergestellt aus Muscheln. Jetzt sind sie alle zusammen daran, einen Adventskalender zu basteln - hochgeheim! Meinetwegen könnte Weihnachten dieses Jahr ausfallen. Für die Kinder ist es wichtiger als je zuvor.

 

24.11.

 

Heute Morgen hat Elias eine Krise „Wir müssen unbedingt Schule machen, sonst schaffe ich es nicht aufs Gymi“. Auch Gabriel bekommt Angst, dass er ein Jahr wiederholen muss. Toja bleibt ruhig und zählt auf, was wir stattdessen auf der Reise lernen: Fische bestimmen, andere Länder kennenlernen, Englisch sprechen. „Das brauche ich aber nicht fürs Gymi“. „Ja, Elias, wir machen Schule, gleich heute“. Wir haben eigentlich einen richtigen Zeitplan für das Leben an Deck mit Schulzeit und so. Ich bin morgens aber noch ziemlich müde und bin nicht bös, wenn die Kinder so schön miteinander spielen.

 

Ich spüre die reduzierten Nächte durch die Nachtwachen. Marc-Anton übernimmt die Schicht von 21:00 bis 02:30 und ich von da an bis Morgens. Die letzten Nächte lag ich im Cockpit mit wunderschönem Sternenhimmel und nur zwei Kleidungsschichten und habe den Wecker auf alle 25 Minuten gestellt. Dann jeweils Rundumblick, Blick auf Plotter und auf Windanzeige. Dann wieder Ruhen. In den letzten 24 Stunden haben wir kein einziges Schiff gesehen, auch nicht auf dem AIS. Der Job ist also nicht anstrengend  und zwischendurch schlafe ich auch ein. Ein leichter Schiffs-Ammen-Schlaf. Jedenfalls ist die Nacht mit Tiefschlafphasen eher kurz und das merkt man dann doch nach einigen Nächten. Am Morgen mag ich dann nicht wirklich unterrichten. Wenn die Kinder aber schon darum bitten, muss man diese Chance ergreifen. Und das machen wir auch. Irgendwann wacht auch Marc-Anton auf und schaltet sich ein beim Gymi-Stoff. Er erklärt Elias die 4 Fälle im Deutschunterricht.

Nach der Schule wartet die Küche auf mich. Ich verbringe mehr Zeit in der Küche denn je. Wir haben sehr viel frisches Obst und Gemüse gekauft. Nach 6 Tagen auf See hat sich der Bestand etwas reduziert. Einiges sieht nicht mehr so frisch aus. Heute müssen die restlichen 6 Khakis verarbeitet werden. Beide Ananas sind auch heute dran, ich dachte, dass sie sich länger halten würden. Die letzte Papaya wartet auf Erlösung. Fast täglich nehme ich Obst und Gemüse in die Hand, drehe es, schaue nach defekten Stellen. Dann ist es schon Zeit für das Z`Mittag. Wir essen mittags warm; abends mag ich nicht mehr kochen, bin dann zu müde. Heute gibt es Goldmakrele im Ofen mit Paprika und Kohl, Basmatireis, Guacamole (ja, auch die Avocados sind alle zur gleichen Zeit reif) und etwas Papaya. Ist ein echtes Festmahl und es sieht wunderbar bunt aus.

 

Heute passieren wir die 1000. Seemeile! Jimmy Cornell hatte in einem Vortrag gesagt, dass kleine Geschenke wichtig sind für die Kinder, wenn eine Etappe geschafft wurde. Die Kinder waren bei diesem Vortrag dabei und wollten gleich wissen was „gifts“ heisst. Sie haben sofort verstanden, dass es um etwas Wichtiges geht. Toja hatte eine riesige Freude, mit mir durch die Stadt zu schlendern und kleine schöne Dinge einzukaufen für die Etappenfeiern. Sie hat dann auch etwas für mich gekauft von ihrem Geld. „Mama braucht auch eine Überraschung“. So haben wir am Abend dann unsere 1000. Seemeile mit kleinen Geschenken und einem besonderen Papaya-Ananas-Khaki-Sundowner befeiert. Die Wellen waren ziemlich rauh und Gabi hat mir noch den halben Saft in die Schuhe gekippt. Die Feierlichkeit wurde also von einer kleinen Cockpit-Putzaktion unterbrochen. „Bei diesem Geschaukel kann das wirklich jedem mal passieren“.

 

An das Geschaukel gewöhnt man sich natürlich mit der Zeit. Jetzt nach einer Woche, vergesse ich manchmal sogar, dass es schaukelt. Es ist schon im Körper drinnen und man lernt es langsam für sich zu nutzen. Ausserdem bekommt man die Muskeln, die es braucht um den körperlichen Ausgleich zu schaffen. Wenn es dunkel wird, die See rauh ist und man müde ist, macht einem das Geschaukel viel mehr aus, dann erleben wir es manchmal fast als feindlich. Man muss sich ständig festhalten, alles flitzt durch die Gegend. Besonders beim Kochen ist das mühsam. Der Herd schwankt mit den Wellen. Der einzige halbwegs sichere Ort, weil er horizontal bleibt, wenn die Kardanikaufhängung gelöst ist. Doch wir gewöhnen uns immer mehr daran. Da wir keine wirklichen Vergleiche haben, hinterfragen wir es auch nicht so wie andere Schiffe, die alle Weltmeere kennen. Wir denken: so muss der Atlantik sein: manchmal chaotische Wellensysteme, die von 2 Seiten kommen, Wellenhöhen bis 5 Meter, dann wieder ruhiger. Erst später erfahren wir, dass das vergleichsweise sehr unangenehme Verhältnisse gewesen sein müssen.

  

27./28.11.

 

1500 Seemeilen sind geschafft - knapp die Hälfte! Bisher hatten wir nur ordentliche Winde zwischen 15 und 20 Knoten und Anfangs auch bis 30 Knoten. Aber nie zu wenig. Wir segeln mit durchschnittlich 7,5 Knoten, kommen gut voran. Eine Krise kommt beim Fischen. Eine dicke Goldmakrele ist dran, dann verlieren wir sie beim Hochziehen. Nächster Versuch: Ein dicker Fisch mit Schwert ist dran, enorm viel Zug auf der Leine. „Vielleicht ein Blue Marlin“ - phantasieren die Jungs. Dann auf einmal – Leine ohne Zug. Ganzes Vorfach hat er wieder abgebissen. Hat seinem Ruf als grosser Kämpfer alle Ehren gemacht. Die Jungs sind traurig, frustriert. Elias kriegt einen richtigen Wutanfall, als ich die Angel noch mal auswerfen will. Trauer um Fische, die unnötig leiden und vielleicht sterben ohne Sinn. Auch Tränen, dass ein potentiell grosser Fang nicht gelungen ist. Die waren wohl eine Nummer zu gross für uns und unsere begrenzte Anglererfahrung. Gabriel schreibt eine Entschuldigungskarte mit einer Zeichnung für die beiden Fische. Er wirft sie verstohlen ins Meer, schaut ihr schluchzend nach, steht im Unterhöschen an der Heckreling und bebt vor Weinen. Da kommen auch Marc-Anton die Tränen bei diesem Anblick des so himmeltraurig-bewegten kleinen Jungen mit dem grossen Herzen für Tiere.

 

Wir duschen fast täglich auf Deck, spritzen uns mit Meerwasser ab. Gabi verliert dabei sein Scopoderm-Ohrenpflaster. Und prompt – es wird ihm wieder schlecht. Drei mal „Fischfutter“. „Mama, darf ich noch ein Pflaster haben?“ Er gehört wohl zu den 3% der Bevölkerung, die sich nie an das Geschaukel gewöhnen. „Neptun mag mich nicht, erst das mit den Fischen und jetzt das mit dem Fischfutter“. Lesen mit Brille stört ihn dabei nicht.

Wir machen Schule, hauptsächlich Mathe. Das hilft, bringt Struktur. Ein Foto bringt Erinnerung an den besten Freund und Gabi bekommt Heimweh mit Krokodilstränen. „Mama, darf ich von der Karibik aus mit dem Flugzeug in die Schweiz fahren?“ (Kinder von Freunden machen das so, da die Überfahrt von West nach Ost sehr beschwerlich sein kann). Dann immer wieder die Frage nach der Heimreise. Durch seine Fragen ruft er etwas in die Existenz, was zuvor nicht da war: Die Möglichkeit umzukehren. Wir haben ja immer gesagt, dass es für alle stimmen muss. Jetzt schon aufzugeben, geht aber irgendwie auch nicht. Wir haben so viel Energie in dieses Projekt gesteckt – über Jahre. Er bastelt eine Schweizer Flagge, das hilft ein wenig. Mal sehen was uns die Karibik an Erfahrungen und Stimmungen bringt. Wir essen einen feinen Salat mit Kohl und Mango nach dem Starkoch Ottolenghi. Essen ist auf See extrem wichtig. Bringt Farbe und Abwechslung ins Leben und hält ja auch Leib und Seele zusammen – gerade bei all dem Geschaukel.

Man sieht viel blau, überall. Nur ein paar Vögel und dann die fliegenden Fische. Morgens macht Gabi jeweils die Tour über das Deck mit einem Plastikeimerchen und sammelt die fliegenden Fische ein, die über Nacht bei uns versehentlich gelandet sind und nicht mehr los kamen. Heute sind es 2 Grosse und 3 Kleine. Sie schmecken ganz OK, die Zubereitung ist aber viel Arbeit, da sie sehr schuppig sind. Einer der grossen lag direkt neben meinen Schuhen. Ich bin froh, dass er nicht auf mir gelandet ist bei der Nachtwache. Tagsüber sieht man sie fliegen, in Gruppen, silberne Pfeile auf der Flucht vor grossen Räubern.

 

30.11.

 

Vielleicht nur noch eine Woche bis zur Ankunft. Frisch-Proviant geht langsam zu Ende, aber wir sind erstaunt, wie lange gewisse Sachen halten. Wir haben gut eingekauft und haben bis zum Schluss frische Sachen. Wintergemüse ist standhaft. Bisher noch keine Dose geöffnet, ausser Oliven, das zählt nicht. Wir entdecken die Vielseitigkeit und Schmackhaftigkeit von Kohl in allen Varianten. Hoffen auf frischen Fisch. Gestern schon wieder einen schönen Fisch beim Reinziehen verloren, obwohl wir alles richtig machten inklusive Beidrehen. Haben Email an Roland von SY Gunsan geschickt für Rat, er ist sehr erfahren. Ich glaube, dass es beim Fischen dazu gehört, einzelne Fische zu verlieren. Die grossen gehen häufig ab und auch kleinere schaffen es, sich loszureissen. Wir hatten lange Fischer-Glück und jetzt halt mehrmals Unglück hintereinander.

 

Das Wetter ist wunderbar. Täglich Sonne, warme Temperatur, Passatwolken und Wind. Selten ein kleiner Regen. Bisher nur 2 kleinere Squalls, das sind Gewitterzellen, die starke Winde und Winddrehungen und Regen mit sich bringen können. Sie sind typisch für die Passat-Zeit. Andere, die zur gleichen Zeit die Atlantic Odyssey machen, haben täglich mit Squalls und Regen zu kämpfen, obwohl sie vielleicht nur wenige dutzend Seemeilen von uns entfernt sind. Die Winde sind im Moment nicht sehr stark. Unter 10 Knoten Wind wird es etwas schwieriger, dann ist das Schiff stark in den Händen der Schaukelwellen. Jetzt kommen wir fast etwas zu sehr in den Norden.  Besan shiften (=auf die andere Seite rübernehmen), leichte Kurskorrektur. Fuhren bisher immer auf gleichem Bug (das heisst Besan-Segel immer auf gleicher Seite), da der Windpilot auf anderem Bug etwas schwieriger konstant einzustellen ist - die Rettungsinsel stört das Windzünglein ein wenig. Aber: wir kennen unsern Windpiloten immer besser. Kleine Verstellungen genügen für die Korrektur. Selbst die Kinder wissen, wie es geht.

Gestern haben sich alle drei Jungs, also gross und klein, mit Eimern voll Meerwasser nass gespritzt. Gute Laune – perfekte Momente. Mädels gross und klein sind beim Lesen. Heute wollen die Kinder unbedingt den Adventskalender fertig kriegen. Ist vor allem Gabriel ein Herzensanliegen. Das Bild zeigt eine Winterlandschaft, genaueres durften wir nicht sehen.

 

Marc-Anton schläft noch, Kaffee schon parat. Generator läuft. Heute Nacht hatte ich Mühe mit Aufwachen in der Wachschicht. Habe Weckerbimmeln mehrmals in meine Träume integriert – weiter geschlafen. Wenn man pro 24 Stunden maximal ein Schiff auf dem AIS sichtet, ist der Aufmerksamkeitspegel halt nicht gleich wie im English Channel. Würde gerne mal wieder richtig lange schlafen. Schlafe von 21:30 bis 02:30 und dann noch unterbrochener Halbschlaf in der Wachezeit. Bin aber nicht müde genug um am Tag zu schlafen. Eigentlich sind wir mit dem Nachtmanagement aber ganz zufrieden. Genuss von Sternschnuppen – praller Mond.

 

1.12.

 

Heute endlich! Erster Advent und 2000 Seemeilen geschafft. Zwei Feste. Kinder übergeben uns feierlich den Adventskalender. Enthüllen ihn Schritt für Schritt wie eine Wundertüte. 5 Schichten Tücher werden nacheinander abgestreift. Da ist es – das Gemeinschaftswerk. Über eine Woche haben sie gezeichnet und gemalt und miteinander gerungen um Malstile, Sujets, Konzept. Gar nicht einfach, sich zu einigen, wenn man bedenkt, wie viel Varianz es nur schon in der Frage gibt, wie man Tannen zeichnen kann. Elias sieht es eher expressionistisch und malt die Tannen bunt und den Schneeboden gelb. Sieht super aus. Toja findet das ziemlich schräg und legt ihr "naturalistisches Veto" ein. Wir mussten zwischendurch eine Schlichtungsrunde machen, wo wir auf der Metaebene (konkretes durften wir ja nicht wissen) besprochen haben, wie sie als Team mit unterschiedlichen Meinungen umgehen und sich zu etwas Gemeinsamem einigen können, ohne dass die Individualität verloren geht. Eine ausgezeichnete Lektion zum Thema Teamarbeit, Toleranz, Gemeinsam-Etwas-Verwirklichen. Sie konnten sich dann einigen, so dass sie dem anderen nicht rein malen oder nicht verbal korrigieren, wenn er etwas gemalt hat. Vorschläge sind aber erlaubt. Das Bild ist ein echtes Werk und zeigt eine tolle detailreiche Schnee-Berg-Dorf-Szene. Hinter jedem Türchen eine lustige, originelle Überraschung. Heute wurde der Halbmond (Türchen Nr. 1) beim Aufklappen voll! Für uns ein grossartiges Geschenk von den Dreien.

 

 

2.12.

 

Heute Morgenkaffee erst um 10:30, dann wird alles besser. Davor alles ganz schlimm. Zu wenig Schlaf in der Nacht. Aufgewacht durch Kinder, die ein Schiff sichten. Ich habe es nicht gesehen, weder im AIS noch im Radar. Da wacht man die halbe Nacht und verpennt das einzig Relevante – super. Dann hatte Elias eine seiner „ich bin am Verhungern - aber nichts schmeckt mir“ Launen. Dabei kann er richtig grenzwertig werden. Mir war es einfach zu viel, so früh mit Angriffen über die Unzulänglichkeit des Essens bombardiert zu werden. Ich finde es ja toll, dass wir nach 2 Wochen noch Joghurt und frische Äpfel und etwas Gemüse haben. Von den Unmengen an Trocken- und Dosenfutter ganz zu schweigen. Mein Sohn will richtiges Brot – kann ich nicht bieten. Nur Pumpernickel aus der Dose! Drama, er schreit – bei mir rollen Tränen. Dann 2. Akt: Ich will Kaffee machen. Elias hatte beim Müsli zubereiten den Schwenk-Herd zum Schwenken gebracht, damit er die Wellenbewegungen gegensteuert und alles gerade bleibt, nichts überkippt.  Den Arretierstift hat er aber nicht richtig eingerastet. Es schwankt, wie immer – Kaffee kochend – dann arretiert sich der Herd selber, ruckartig – Kaffeekocher fliegt auf den Boden. Ich bin mit Aufschrei weggesprungen, noch rechtzeitig. Tränen rollen wieder beim Wegwischen und mischen sich mit dem Kaffee am Boden. Marc-Anton, der normalerweise bei sowas eher Vorwürfe von sich gibt anstatt Fürsorglichkeit, fragt sofort: Hast Du Dich verbrannt? Hoffentlich nicht! Er scheint was gelernt zu haben. Heute schwankt scheinbar auch die Seele. Dann macht Marc-Anton Kaffee und der Morgenstrudel beruhigt sich. Die Schule läuft, beruhigt alle. Ich bin viel am Steuer. Das Windpilot-Hilfsruder fängt immer wieder Seegras ein und läuft aus dem Kurs, biegt sich sogar im Gelenk nach hinten. Wird von Marc-Anton gerichtet.

 

Marc-Anton ist am Funken – Kurzwelle. Er hat seit einer Woche endlich auch diesen Technikteil des Schiffes in Betrieb genommen und sogar erstaunlich gut im Griff: unsere Kurzwellen-Seefunkanlage, die auch Amateurfunkfrequenzen zulässt, ist gar nicht schlecht, im Gegenteil. Endlich kann er das Wissen aus der Seefunk- und Amateurfunkausbildung im Kurzwellenbereich nutzen. Er funkt sogar mit einem Freund aus der Schweiz über ca. 7'000 km - unglaublich! Und auch täglich mit anderen Atlantic-Odyssey-Schiffen, welche Kurzwelle an Bord haben. Dann die tägliche Email-Abfrage per Satellitentelephon. Das wird zu einem Tageshöhepunkt. Hätten wir nie gedacht. Zuerst meinten wir (wie einige puristische sehr erfahrene Blauwassersegler), das sei dekadent und irgendwie blöd und "unecht", auf den Atlantik zu fahren und dann doch wieder zu mailen wie im Büro. Doch es wird zur täglichen Sternstunde, von andern Schiffen zu lesen, sich mit ihnen in kurzen einfachen elektronischen Meldungen witzig auszutauschen und sich zu beraten. Helen, die Grossmama, hat auch geschrieben, das ist sehr schön. Und der fast tägliche originelle Emailwechsel mit Sören von der SIF und Roland von der Gunsan und Erik und Susie von der Deiopea sind bereichernde und lustige Momente um die Mittagszeit.

 

Am Nachmittag hole ich mein Akkordeon heraus. Spiele das erste Mal auf dem Atlantik. Schweizer Lieder für Söhnchen mit Heimweh. Marc-Anton ist auch ganz berührt. Heimweh wird bei Gabriel immer dann ganz schlimm, wenn die Seekrankheit wieder anklopft. Ich gebe eine Runde Scopoderm aus.

 

Wir lesen vor aus „Die Unendliche Geschichte“. Das Buch beschreibt die Suche nach sich, also nach etwas, wovon man lange, zeitweilig, manchmal, nicht weiss, was es ist – das Vorlesen ist auch ein Heilmittel gegen Seekrankheit - und das Thema sehr stimmig. Und was suchen wir? Diese Frage klopft immer wieder an. Dann rückt sie wieder in den Hintergrund, wird verdeckt durch Reparaturen, Erlebnisse, Eindrücke - und momentan der "Meditation in blau" im Schoss des Atlantiks.

 

Unser Propeller wird wieder mal getestet: vibriert immer noch heftig und liefert kaum Fahrt. Wahrscheinlich hat sich was im Propeller verfangen – Seegras, ein Seil? Freunde meinen, es sei sicher Seegras, alle hätten das. Man sieht das Seegras in langen Schlieren und grossen Flächen. Wir glauben das gern, sind aber nicht ganz sicher. Abwarten, weiter segeln.

Dann lockert sich beim Windpilot etwas, er braucht etwas Pflege und einige Schrauben etwas mehr Drehmoment – Marc-Anton kann es richten. Dann brechen 2 Relingstützen – NIRO (Nicht-rostender-Stahl) rostet halt doch! Und die Anzeige der Geschwindigkeit steht auf Null – wahrscheinlich auch durch Seegras blockiert. Täglich etwas Neues. Noch eine Woche to go...

 

4.12.

 

Nur noch 500 Seemeilen. Langsam kommt Vorfreude, die Reststrecke wird überschaubar. Marc-Anton kalkuliert die Ankunftszeit immer wieder neu. Die Positionsreports zeigen: wir sind am Ende des ersten Drittels aller Teilnehmer unterwegs, also ein Drittel vor uns, zwei Drittel hinter uns. Nicht schlecht für uns als Anfänger, mit altem Schiff, einfacher klassischer alter Besegelung und als Familienschiff mit "eingebautem Schulzimmer". Diese Rangierung bleibt bis kurz vor dem Ziel gleich - und ändert dann aber nochmals gründlich wegen...

 

Erstes Karibikbuch heute aufgeschlagen. Sitzen in Badesachen an Deck. Wellen sind hoch und wir sausen wieder bei 20 Knoten Wind und 8 bis 9 Knoten Fahrt. Wir hören über Funk wie andere Segler sich über schwierige Verhältnisse auf dem Atlantik aufregen. Wir sind auf dem Meer inzwischen angekommen, fühlen uns wohl. Schaukeln ist in den Körper übergegangen, keine Anstrengung mehr. Toja schläft auch an Deck, fühlt sich wohl im Meeresgetöse unter Sternenhimmel. Mich (Nicoletta) stört zwar die Lautstärke der Wellen, der Gischt und des Windes in den Wanten teilweise sehr. Es ist nie still, die Geräusche ändern sich ständig. Schlafe nicht nur mit Ohropax, sondern behalte sie auch in der Nachtschicht an. Höre so noch immer genug, z.B. wenn das Segel scheppert und die Einstellung nicht mehr gut ist. Fühle mich aber nicht mehr so beängstigt – hohe Frequenzen werden rausgefiltert. Mein Alarmsystem kann sich beruhigen und ich vielleicht 20 Min schlafen. Marc-Anton konnte wieder nicht so gut schlafen. Knacken bei „Heck-Hebe-Wellen“ wieder da. Mehr denn je. Da kommen Sorgen. Auch Propeller bleibt Sorgenkind. Wir hoffen noch immer vor Ankunft in der Bucht durch Tauchen das Problem sichten und beheben zu können.

 

Elias hat das Takeln entdeckt, die Kunst Leinenenden mit Garn hübsch so abzuschliessen, dass sie nicht ausfransen können. Er lernt es autodidaktisch aus einem Buch mit Lernvideo – ist den ganzen Tag seelig beschäftigt. Unsere Leinen sehen immer schöner aus! Marc-Anton ist ganz stolz auf seinen ältesten Buben und freut sich, dass alle Leinen so schöne Abschlüsse kriegen. Toja und Gabriel haben den halben Tag Rollenspiele gespielt. Da mussten wir die Schule einfach ausfallen lassen. Bzw.: es war ein Praktikumstag in Handwerken und Theaterspiel.

 

5.12.

 

Nur noch 330 Seemeilen, also bald 90% geschafft! Wir sausen bei gutem Wind und rauher See. Vorfreude! In der Nacht wenig Schlaf. Freunde hatten in der Nacht ein Segel verloren – zerfetzt und ausgerissenes Stag. Bei uns kein Schaden. Auch Delfine werden wieder gesichtet. Sind in Küstennähe. Stimmung der Crew ist gut. Vorfreude und auch ein wenig Trauer, dass die Überfahrt bald vorbei ist.

 

7.12.

 

Marc-Anton: Wir wissen: heute werden wir ankommen. Nach 19 Tagen, 3'120 Seemeilen bzw. 460 Stunden. Wenn wir etwas motoren würden, würden wir es noch vor der Nacht in den Hafen schaffen. Wir starten nochmals einen Versuch. Es schlägt und wackelt, wir trauen uns nicht, den Motor wirklich zu nutzen. Abschalten! Damit wird klar: wir werden offiziell nicht vor Morgen ankommen, inoffiziell aber schon heute Abend vor der Hafeneinfahrt direkt vor der Ziellinie (wie ärgerlich!) ankern müssen bzw. dürfen. Und zwar unter Segeln, da die Maschine bzw. der Propeller unbrauchbar sind. Noch bei Tag rüsten wir im Abendrot die Besegelung um: wir ziehen die Passatsegel ein, bauen die beiden Bäume ab. Irgendwie wehmütig. Diese alten grossen schönen Segel haben uns drei Wochen lang treu gezogen und gut gehalten, abgesehen von kleinen Rissen im Unterliek. Wir nähern uns nur mit dem Besansegel der Insel. Ein verrücktes Gefühl: Land! Irgendwie sind wir auch froh, dass wir zuerst einmal ankern müssen und nicht gleich in einen Hafentrubel hineinkommen. Eine 3-Wochen-Meditation (und das war es!) schliesst man ungern mit grossem Hallo ab. Obwohl wir natürlich gerne unbeschadet und aus eigener Kraft als Atlantic Odyssey-Schiff einlaufen würden. Und das nicht mal auf einem so schlechten Rang. Ein bisschen Ehrgeiz schwingt halt doch mit, auch wenn es kein Rennen ist (zum Glück) und wir überhaupt keine Regattaliebhaber sind. Also nun eben anders, als geplant: Ankunft in der Bucht St. Anne vor dem Einfahrtswasser le Marin/Martinique am Abend, es ist schon stockdunkel. Wir wissen, wo die Ankerbucht ist, tasten uns extrem langsam mit dem Besansegel heran. Da wir nicht sicher sind, wo die liegenden Schiffe sind - und diese auch nicht gut sehen - und wir nur sehr eingeschränkt manövrieren können, lassen wir den Anker sehr bald runter und fahren nicht zu nahe ran. Die Maschine läuft dabei zwar, aber nur als absolutes Notbackup, falls irgendetwas manövertechnisch nicht gut wäre. Der Anker hält, wir sind stolz, müde. Melden uns per Funk bei der Rallyleitung an. Sie werden uns morgen per Schlauchboot besuchen. Für heute ist alles gut, WIR HABEN ES GESCHAFFT!!!

 

8.12.

 

Aufwachen auf der andern Seite des Atlantiks. Zuerst lustig: wir sehen, wo wir wirklich geankert haben: mindestens einen halben Kilometer vor dem eigentlichen Ankerfeld, also mehr als genug Sicherheitsabstand zu den andern. Das stellt sich später als gut heraus, denn uns zu finden und abzuschleppen (!) wird damit einfacher. Der Reihe nach: Nicoletta springt schon vor dem Kaffee ins Wasser, um nachzuschauen, was da unten los ist - und für ein Morgenbad: Sie taucht auf: "ein Propellerflügel scheint zu fehlen, es hat nur zwei!". Marc-Anton: "Kann ja nicht sein, das wäre schlimm". Ich (Marc-Anton) trinke Kaffee und springe dann auch ins Wasser. Mehrmals tauchen - ungläubig, immer wieder runter: tatsächlich, ein Flügel fehlt am Propeller. Dann Blick an die Unterseite des Rumpfs. Schock, der Wellenbock ist abgebrochen! Das ist ganz schlimm! Das ist die Verbindung zwischen der Antriebswelle und dem Rumpf. Die Welle ist über 2 Meter lang, hängt ohne "Halterung" da, mit einem auf 2/3 reduzierten Propeller dran. Zum Glück ist sie nicht stark disloziert. Damit wird aber sofort klar: wir hatten nicht nur Seegras, sondern etwas Schlimmeres, Grösseres im oder am Propeller. Und die Befreiungsaktionen waren nicht gescheit. Weiter Fahren aus eigener Kraft undenkbar. Der Aufenthalt auf Martinique wird mehrere Wochen dauern. Und das wird teuer! Wir werden traurig, sauer, verärgert. Die Freude wird getrübt. Was will uns das Leben auf dieser Reise eigentlich beibringen?

 

Pascal und Pascale von der Odyssey kommen uns besuchen. Mitfühlend, hilfsbereit organisieren sie die erforderliche Abschleppaktion. Nach zwei Stunden Trauer kommt wieder Lebensmut. Wir wissen: es gibt zu tun, wir kommen bald in den Hafen rein und dann schauen wir weiter. Die Seenotretter kommen mit einem starken Schiff. Ein Mann entert zu uns herüber. Leinen werden herübergeworfen, Paloma kommt in die Schlepptaue. Anker lichten und ein Ruck geht durch das Schiff. Wie eine verletzte Majestät wird unser schönes Schiff nach le Marin hineingezogen. Im Hafen warten 2 Marineros mit Dinghis. Wir werden an den Liegeplatz bugsiert und festgezurrt. Und willkommen geheissen von den Crews anderer Schiffe, vor allem von den Deiopea-Freunden und der Rally-Leitung Pascale und Pascal. Wir freuen uns trotz einem weinenden Auge riesig!

 

Die nächsten Wochen wollen wir hier auf Martinique geniessen - und gleichzeitig Paloma wieder flott kriegen.

 

 

Übrigens hier mal ein redaktioneller Hinweis dazu, wie unsere Texte entstehen:

Nicoletta macht sich regelmässig handschriftliche Tagebuchnotizen. Marc-Anton nicht. Nicoletta schreibt dann jeweils eine erste Textfassung. Marc-Anton fungiert danach als Co-Autor, Lektor, Ideenverstärker. Und baut gewisse Inhalte weiter aus oder noch ein. Also: wir sind beide an diesen Texten beteiligt. An gewissen Stellen mehr Nicoletta, an andern mehr Marc-Anton. Eine Co-Autorenschaft, auf deren Funktionieren wir selbst ganz erstaunt stolz sind!