Musik, Musik, Musik - von Cuxhaven nach Brest

 

Langer Schlag in der Nordsee

Nach langem Warten auf guten Wind geht's endlich los in die Nordsee Richtung Westen! Ein Dreitagesschlag - bis Zeebrugge in Belgien! Zwei Nächte Durchsegeln also – nonstop unterwegs. Wir setzen mit Hermanns sachkundiger Hilfe den Windpiloten in Betrieb. Das ist ein Gerät, welches ohne künstliche Energieunterstützung, also ohne Strom und Diesel, das Schiff so steuert, dass es immer denselben Winkel zum Wind fährt. Eine mechanisch wunderbare und ausgeklügelte Vorrichtung, deren Funktionieren Erfahrung, Einfühlungsvermögen in seine Funktionsweise und eine präzise Trimmung des Schiffs und eine genaue Montage voraussetzt. Hermann verkürzt unseren Lernprozess, wir lernen von ihm in einem Tag, wofür er mehrere Monate gebraucht habe, um das System zum Funktionieren zu bringen. Das Gerät haben wir mit Hilfe des Entwicklers (Danke an Peter Foerthmann, den Erfinder des Windpiloten!) montiert. Dabei war viel Glück im Spiel, um das Gerät an unserm komplizierten Heck anzubringen – vorbei an bronzenen Namenslettern, in die Heckklappe integrierter Badeplattform, Relings-Klappleiter und Davits. Ich war sehr gespannt, ob das Gerät die 27 Tonnen Schiff steuern wird. Wir haben erschwerte Voraussetzungen: eine Ketsch (=2-Master), sehr schwergängiges, weil sehr direkt übersetztes, Steuerrad, Bimini (=Sonnendach über dem Cockpit, das wir immer offen haben), einige Aufbauten am Heck wie Rettungsinsel, Aussenbordermotor. Das alles kann ev. den Windstrom am Windpiloten stören und somit seine Genauigkeit beeinträchtigen. Skeptiker meinten, es würde bei diesem Schiff und diesem Heck nicht funktionieren. Aber, wie von Peter prophezeit: es funktioniert! Und zwar saugut. Auch nachts! Jaja, ich weiss, dem Windpiloten ist das Licht egal, trotzdem habe ich ihm nachts fasziniert bei der Arbeit zugeschaut. Diskret zupfen seine mehrfach umgelenkten Steuerungsstrippen am Steuerrad. Und das auf Basis einer Mechanik, die leichtes Ausscheren aus dem Wind in einen Impuls an einem Ruderschwert umsetzt, was wiederum Zug auf das Strippensystem gibt, welches letztlich das Steurrad bedient. Kurz: ein leise sich änderndes Lüftchen steuert knapp 30 Tonnen Schiff durch ebensoviele Tonnen Wasserwiderstand! Das ist newtonsche klassische Physik vom Feinsten. Windsteueranlagen kriegen einen Namen, wie vieles auf Schiffen, auf dessen Funktionieren man angewiesen ist. Generatoren heissen z.B. oft – für mich unverständlicherweise – Jockel. Unser Windpilot erhält also auch auf unserer Paloma einen Namen: Johann, auf englisch Johnny, bei uns aber gemäss Tojas Schreibweise: Tschoni.

Erstmals Nachtsegeln im Leben! Das geht! Es ist speziell, in der Nacht zu segeln. Ich bin eigentlich ein Nachtschläfer und kein Nachtsegler, so wie ich auch nie begeisterter Nachtarzt war. Zuerst deshalb grosser Respekt vor dem ersten Nachtschlag, dann merke ich (diesmal schreibt Marc-Anton, der Skipper): es hat Vorteile, weniger zu sehen: man sieht mehr! Nämlich das Wichtigste: Lichter. Mit deren Hilfe wird die Nacht zum blinkenden und (irr)lichternden Universum. Geräusche werden plastischer, die Sinne sind enorm geschärft. Ich höre Meerestiere herumtollen. Ich spiele während meiner ersten Nachtschicht mit dem Plotter herum, entdecke den Radar. Oder das Radar? Hehe, damit wären wir bei der sprachlichen Geschlechterdiskussion zwischen Österreich, Deutschland und der Schweiz und scheinbar auch Bayern betreffend der/die Butter, die/das Tram, der/das Radar etc. Der (!) Radar zeigt fast alles - im Unterschied zum AIS, das zwischenzeitig – ÄRGER! - aussteigt, wie wir aber erst später feststellen. Es (das AIS) erwacht nach Tagen dann irgendwann wieder zum Leben, was noch mehr ärgert, weil inzwischen Ersatzteile unterwegs sind. Dinge, die mal funktionieren und mal nicht, sind auf dem Schiff viel besorgniserregender als solche, die ganz abrauchen. Weil: man weiss dann nicht sehr gut, was eigentlich los ist. Wurden wir beim AIS von extern abgestellt (das soll's geben) oder war es ein Wackelkontakt, weil von einem unserer Handwerker (von dem, der dieses in der Schweiz ehrwürdige respektvolle Wort 'Handwerker' nicht mag...) ein Decksdurchbruch für ein Kabel ungedichtet hinterlassen wurde? Darunter befindet sich empfindliche Elektronik - was bei soviel Kabeln extrem blöd ist. Oder war sonst etwas? Anyway, der Radar funktioniert und damit sieht man nachts fast alles. Z.B. den Fischer an der Ecke eines gigantischen Stromwindmühlen-Parks. Der Fischer, obwohl Berufsschiff, ist ohne AIS unterwegs, wohl um seinen Konkurrenten zu verheimlichen, dass er ergiebige Fanggründe gefunden hat. Er steht (bzw. liegt) zwei Stunden lang still an der Ecke, ich seh ihn im Radar genau schon von weitem – und per Fernglas seh ich dann bald auch seine Positionslichter. Bevor ich ihn passiere, geh ich Anfänger runter ins Deckshaus, um was zu holen, komme 5 Minuten später an Deck und erschrecke! Der Fischer fährt! Und zwar quer vor der Nase mit gefühlten 50m Abstand (wahrscheinlich waren's 300 Meter), also quasi fast ein Crash. Ich weiche aus, indem ich am Fernbedienungs-Schnürchen des Windpiloten ziehe. Bevor der hormonelle Schreck Hirn und Hände erreicht, bin ich an ihm vorbei und habe wieder was gelernt: gegnerischen Schiffen, die still liegen, nie trauen. Erst nach dem Vorbeifahren unter Deck gehen! Vor allem bei Fischern. Man munkelt, sie würden das extra so machen, mit unterschiedlichen Begründungen: a) um einen Versicherungsfall zu provozieren (was ich nicht glaube), b) um einen Schrecken zu provozieren (was ich auch nicht glaube), c) um Revier zu markieren (was ich auch nicht glaube). Meine These: das sind jahrzehnte-geprüfte Routiniers. Die wissen genau, was sie tun und peilen auf wenige Meter genau an einem vorbei und wissen, es wird nicht krachen. Zudem haben sie wichtigeres zu tun, als einen Segler zu ärgern. Und Segler haben die soviele gesehen, wie wir Schmeissfliegen, nachdem der Bauer nebenan Gülle ausgebracht hat. Wir sind ev. ärgerliche Hindernisse, aber sicher nicht mutwillig angesteuerte Kollisionsziele.

 

Zeebrugge

Zeebrugge: Wir besuchen Brugge, fahren ab Zeebruge hin mit Tram und Zug. Komisch, so normal unterwegs zu sein – aber auch schön! Brugge: ein wunderschönes belgisches Städtchen. Belgien kriegt für mich endlich ein Gesicht. Wir sind bezaubert von der Romantik und Intaktheit der Altstadt.

 

Richtung Ärmelkanal

Dann gehts weiter, via Dunkerque und Cherbourg nach Jersey. Wir kommen somit in das Seegebiet, welches den Inhaber des Schweizer Hochseescheins vor Ehrfurcht zerfliessen lässt – die Bucht von St. Malo mit den englischen Kanalinseln Jersey, Guernesey, Alderney, Sark -, denn: in dieser sehr anspruchsvollen Gegend spielt sich der ganze Schweizer Hochseeschein-Prüfungsstoff ab: extreme Gezeiten, Ströme, Wetterlagen, Verkehrsdichte. Alte CCS-ler meinten, da dürfe man erst selber rein nach gehörigen Lerntörns. Ohne die Hilfe und Initiative unserer Mitsegler Hermann und Sandrine würden wir uns da also gar nicht durchgetrauen. Man sagt, Anfänger sollen sich an die englische Seite des Ärmelkanals halten, weil einfacher. Zum Glück gibt es für Hermann und Sandrine, deren Heimrevier das ist, gar keine Alternative und damit auch für uns nicht, denn: klar, es ist ein anspruchsvolles Gebiet, aber es ist machbar und wunderschön und doch nicht so schwer, wie gemeint. Wir werden in den Tagen richtig geeicht in Sachen Tiden, Strömung und Beachten des regen Berufsschifffahrtsverkehrs. Und verlieren dadurch die Angst davor.

 

Dunkerque

Dunkerque: Heimathafen von Hermann und Sandrine. Museum für moderne Kunst: sehr anregend! Unsere Kinder zeigen Kunstsinn. Sie erkennen eine Nana von Niki de Saint-Phalle als Verwandte des Engels in der Zürcher Bahnhofshalle. Warten auf das Paket mit den elektronischen Ersatzteilen für Funk und für AIS: sehr aufregend, weil ärgerlich. Paket kommt nicht, obwohl als Eilkurierpost versprochen. Wetter schreit nach Weiterfahrt!

 

Cherbourg und der Malstrom

Cherbourg: hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Ausser der botanische Park eines ehemaligen weitgereisten Bürgermeisters; Masoala-Halle im Kleinformat, uralte exotische Pflanzen. Cherbourg wird von den meisten angefahren, um den Sprung weiter nach Westen mit dem richtigen Timing zu schaffen. Es gilt, den Gezeiten-Strom passend zu erwischen, bei zudem geeignetem Wind.

Von Cherbourg nach Jersey fährt man nämlich über das Cape de la Hague, eine berüchtigte Ecke mit gewaltigem Strom und Stromverwirbelungen, genannt Eddies. Wir fahren da durch, wie wenn nichts wäre. Dabei mahlt hier der Malstrom! Wir sehen und spüren Strömungswirbel, die wie Riesen-Kiefer vor sich hinmahlen. Dabei werden Tausende Tonnen Wasser langsam aber wuchtig wirbelnd umgesetzt. Grund sind Gezeitenströme an einer scharfen Kappkante bzw. zwischen zwei Meeren und unterschiedliche Wasserbewegungen zwischen Oberfläche und tieferen Schichten. Auch die Paloma wird geschaukelt, aber nicht gefährlich. Wir sind mit dem allgemeinen Strom unterwegs, wir sind vergleichsweise schwer, unsere Segel ziehen mächtig und Paloma fährt stabil und schneidet kraftvoll durch's Wasser. Ich will da von Hand durchsteuern, es ins Gefühl bekommen. Eine eindrückliche Erfahrung. Man sieht der Oberfläche an, dass es darunter brodelt. Paloma, wie ein Ross, scheut, stürmt, tänzelt – aber immer schön voran. Ein entgegenkommendes Schiff kämpft, steht zeitweise fast still, kommt aber durch. Wenn man nicht drauf schwimmt, sieht alles harmlos aus: hier eine spiegelglatte, eigenartig ruhige Wasserfläche, da krause Wellen bis 1m Höhe. Wieder daneben erneut Wellen, aber mit anderer Richtung. Der Bündner Vorderrhein in Stromschnellen im Flimser-Tobel, einfach mal Faktor 100. Ich bin froh und dankbar, dass Hermann uns hier durchführt und wir nicht der englischen Küste entlang fahren. Allein hätte ich mich da nicht durchgetraut.

 

Jersey - ein Geldpflaster

Jersey: wurde empfohlen als Ort für günstigen Diesel, weil zollfrei. Und als interessanter Ort. Und als gute Quelle für Fish & Chips. Alles stimmt so nicht ganz: der Diesel ist genauso billig oder teuer wie in Frankreich, wie sich später zeigen wird. Vielleicht zollfrei, aber Hochpreisinsel. Fish & Chips sind (ist?) auch hier sehr fettig. Und: Jersey ist eine englische Finanzstadt bzw. ein Finanzdorf zwischen den Welten mit sehr eigenartiger Atmosphäre. Wir kennen diesen Groove von einigen Orten in der Schweiz, wie Zug oder Pfäffikon SZ, in denen das grosse Geld dauerpräsent ist. Es ist die Atmosphäre, die entsteht, wenn sehr viel Geld im Spiel ist, es eigentlich nur um den Handel mit Reichtum, um den schlauen Umgang mit Steuerfragen und das Optimieren von materiellen Vermögen geht: es mangelt irgendwie an Herz und Hand, auch wenn die Leute professionell freundlich und effizient sind. Wir nehmen an, dass das Hinterland schön ist, haben aber leider nicht die Zeit, es zu erkunden. Wir tanken Diesel vor der Weiterfahrt. 600 Liter, das sind zwei Drittel unserer Tankkapazität. Das dauert ca. knapp 2 Stunden, weil es sehr langsam von Statten gehen muss. Ansonsten spritzt einem dieser Saft explosionsartig aus dem Einfüllstutzen entgegen wegen Überdruck, was mir auch zweimal passiert. Nicoletta kann das besser als ich Ungeduldsmocken und nimmt mir zum Glück den Stutzen aus der Hand. Geduldig füllt sie den zweiten Haupttank auf der Steuerbordseite im Stop-And-Go-Betrieb und fängt dabei prompt eine kleine Sehnenscheidenentzündung ein. Viel Spülmittel bereinigt die kleine Fast-Umweltkatastrophe an Bord und im Wasser auf der Backbordseite, die ich produziert habe. Ich stinke nach Diesel bis Paimpol. Weil Diesel auf einem Schiff überlebenswichtig sein kann, stört mich das nicht. Irgendwie ist Diesel im Auto nicht dasselbe wie Diesel im Schiff. Wir fahren mit Diesel unter Maschine, wir produzieren damit (übrigens nicht mal so unökologischen) Strom und heizen bei Kälte damit. Es fällt das Wort „Diesel im Blut“ wie bei Jo Siffert, dem Schweizer Rennfahrer, das Benzin. Hätte nie gedacht, dass ich einmal ein so „organisches“ Verhältnis zur Petrochemie bekommen könnte. Ich bin gespannt, ob das Füllen der Tanks eine neue Überraschung in der Schiffstechnik auslöst. Die Überraschung besteht darin, dass sie ausbleibt. Endlich etwas, was an diesem wunderschönen Schiff auf Anhieb und ohne Komplikationen funktioniert. Wir freuen uns auf die Weiterfahrt nach Paimpol und verlassen Jersey. Das spannende an Jersey war letztlich nur, dass wir an dem Ort waren, der bei der CCS-Prüfung so oft genannt wird. Und dass das Tanken ohne böse Überraschung gelang.

 

 

Paimpol - ein Höhepunkt! Musik, Musik und eine Auszeichnung

Weiter nach Paimpol! Vorweg: Paimpol wird ein absolutes Highlight in zweifacher Hinsicht: navigatorisch und kulturell. Dank Hermanns und Sandrines Kenntnis dieses Ortes und seiner Festivaltradition und einer Planung, die präzise aufgeht, erleben wir in den kommenden 5 Tagen einen ersten sehr beglückenden Höhepunkt unserer Reise, von dem wir lange zehren werden. Der Reihe nach:

Die Einfahrt nach Paimpol führt durch einen navigatorischen Wanderpfad, den man auf einer Schweizer Alpenkarte höchstens gestrichelt mit Unterbrüchen zeichnen würde und der im echten Gelände die Farben blau-weiss-blau hätte: also hoher Schwierigkeitsgrad. Ohne Hermanns Initiative käme mir nicht im Traum in den Sinn, dieses Fahrwasser mit unserem Tiefgang von 2.2m zu befahren, v.a. nachdem ich Fotos davon sehe und die Seekarte studiere:

Eine Rinne, die bei Ebbe entweder total austrocknet oder höchstens ein Bächlein von wenigen Metern Breite und einem Meter Tiefe darstellt. Dutzende von Seezeichen. Wassertiefe für unser Schiff: potentiell kritisch. Hermann rechnet. Ich rechne alles dreimal nach. Komme auf leicht verschiedene Einfahrzeiten gegenüber dem Programm im Computer. Juhui: meine Rechnung wird stimmen. Und Hermanns Tiefenberechnung ohnehin. Trotzdem planen wir auf Hermanns Anraten hin eine Testtiefenmessung an einem definierten Punkt ein, an dem wir im Zweifelsfall noch Rechtsumkehrt machen und zurückfahren könnten. Wir treffen ca. um 18h am Sammel-Punkt ein, von dem es losgeht in die Einfahrstrasse, die notabene noch etwa eine Stunde Fahrzeit (also ca. 4 Seemeilen) bis Paimpol führt. Wir sehen: schemenhaft im Abenddunst dutzende von Schiffen, v.a. historische Rahsegler, teils mehrmastig – also schwere, grosse, lange, breite alte Holzschiffe - wunderschön. Wie ein Turner-Bild. Einige wenige Yachten. Paimpol ruft zum Festival des Chants des Marins, einem, schon nach knapp 15 Durchführungen, legendären Musikfestival mit Jazz, Folk und Volksmusik aus dem maritimen Umfeld. Schiffe haben quasi gratis Eintritt. Von Dudelsack bis Youssou N'Dour, von Jazz bis Reggae, von algerischen Bigbands bis kalifornischen Cowgirl-Matrosinnen. Und vielen vielen gälisch-keltischen Dudelsackbands.

Die Einfahrt: Stau im gefühlt engsten Fahrwasser der Welt – wo es zudem drauf ankommt, zeitig an der Hafenschleuse zu sein, ansonsten man unweigerlich trockenfallen, also mit dem Kiel und dann vielleicht dem Schiffshintern, im Schlamm aufsitzen und dann umkippen wird. Es ist eine Lehrprüfung für mich, unser Schiff in diesem Pulk schwerer alter Holzschiffe, normaler Yachten, nervöser Motorboote, kleiner Ruderkanus und den Dinghis des Festivalkomitees den virtuellen Bach hoch zu manövrieren. Rundherum ist ja vermeintliches Meer, einfach nur 1 bis 4m tief, in 4h wieder nackter Schlammboden. Nicoletta und die Kinder und Sandrine stehen auf Posten, warnen mich vor Annäherungen mit andern Schiffen, helfen solche abhalten, die zu Nahe kommen, weil sie nicht gucken, sondern herumfummeln. Hermann fiebert an meiner Seite und zuckt bei jedem Griff an den Gashebel leicht zusammen. Es fällt ihm als altem Seebär schwer, mich machen zu lassen, aber er schafft's. Und ich fühl mich immer sicherer. Mein Gefühl für unsere Paloma und ihre Reaktionen wird in diesem Stau immer besser und ich verbinde mich mit ihr wie mit einem Ross. Wir schaffen es heil in die Schleuse und in den Hafen. Wie alte Hasen! Bejubelt von gefühlt zweihundert Zuschauern an der Schleusenmauer, die nur wegen uns gekommen sind (haha!). Ein Taumel! Im Nachhinein erst wird klar, was wir geschafft haben. Ich habe in zwei Stunden gelernt, die 27-Tonnen-Paloma ruhig und metergenau auf Kurs zu halten – oder meine es zumindest. Nicht auszudenken, wie das mit viel Seitenwind ausgegangen wäre... Wir freuen uns auf mehrere Tage Musik in diesem bretonischen Kleinstädtchen.

Das Festival findet rund um die Hafenanlage statt, in einem fast hermetisch abgeschlossenen Gelände. Wir liegen mittendrin, sind als erstes liegendes Schiff im Hafen direkte Nachbarn des netten Chefs der Hafen- und Schleusenpolizei. Die einzige Schweizer Flagge! Das Ganze wird zu einem Bad in permanent wogenden Musikwellen, die von allen Seiten auf uns hereinströmen. Von 10h Morgens bis nachts um 2h. Eine riesige Vielfalt an hochstehenden Bands spielt fast rund um die Uhr. Nur schon dafür hat sich die Reise gelohnt. Wir sind total beseelt. Wir sehen und hören Musiker, die uns zu Herzen gehen. Groove, Tanz, Poesie. Und immer wieder und überall das Thema des Festivals – die Seefahrt: Zauber, Schauder, Liebe, Sehnsucht, Todesangst, Todesmut, Manneskraft, Frauenmacht, Derbheit, Feinheit, harte Arbeit, Abenteuer, Leid, Not und Freud. Einen passenderen Auftakt für unsere Reise kann ich mir nicht denken. Dank an Hermann und Sandrine, dass sie uns da hingelotst haben und es uns zutrauten!

 

Die Auszeichnung

Die historischen Schiffe, die hier liegen, erhalten alle eine Medaille dafür, dass sie die Einfahrt durch das schwierige Fahrwasser geschafft haben. Aufgrund eines Missverständnisses wohnen wir dieser Verleihung bei und meinen, wir bekämen auch eine Plakette. Dem ist nicht so und wir zotteln ab, zurück ins Musikbad. Stunden später auf dem Schiff: Im Deckshaus liegt eine Austern-Holzkiste – mit der Plakette für die schönen Schiffe, die meisterlich hier hochgefahren wurden von ihren Kapitänen und Crews, und den Geschenken dazu drin: Sandrine hat es geschafft, eine solche Kiste für die Paloma zu ergattern: Begründung: Paloma ist auch historisch, wunderschön und hat's auch geschafft, also auch verdient – eine Anfängerfamiliencrew mit aufkeimendem Seefahrermut! Ihrem Charme und ihren Argumenten konnte der Preisverleiher nicht widerstehen, sie erhielt ein Preisset, welches nicht abgeholt worden war. Riesenfreude! Die Plakette wird einen Ehrenplatz erhalten im Innensteuerstand. Als Skipper bin ich stolz auf uns – und denke insgeheim: momoll (=dochdoch), wir haben es schon auch verdient.

  

Ankunft in Brest

Nochmals eine Nachtfahrt zu Siebt. Nicoletta und ich wollen die Passage durch die Strasse von Ouessant machen, ab 0300h in der Früh. Wieder Berechnungsfragen in Sachen Strömung. Auch hier kann das Wasser mit über 4 Knoten (= fast 8 km/h) strömen. Unser Reeds liefert zwei unterschiedliche Ergebnisse, je nachdem, welche Strömungskarte man anschaut. Ich übersehe ein wichtiges Detail: Die eine Karte bezieht sich auf Hochwasser Brest, nicht wie alle andern auf Hochwasser Dover. Hermann rechnet mit derjenigen mit Bezug auf Hochwasser Dover. Ein Teil der Fahrt passt, einer nicht. Egal, wir kommen gut durch, dank der Maschinenkraft unseres wuchtigen Sechszylinders.

 

 

Als Lehrabschluss legen wir als Familie praktisch ohne Worte in Brest souverän an – nach einer Beinahe-Freinacht. Davor bergen die beiden Buben alle drei Segel ohne jede Hilfe. Die beiden Matrosen rühren mich richtig. Ich bin stolz auf uns. Und danke Hermann für das Coaching in den letzten 4 Wochen. Hermann und Sandrine gehen von Bord, suchen sich ein Hotel. Ziel war, dass sie uns bis hierher begleiten. Wir putzen das Schiff und beginnen, wochenalte Wäscheberge zu sortieren und zu waschen. Zum gemeinsamen Abschluss gehen wir gemeinsam Abendessen. Danke, Ihr beiden Lieben!

 

 

Ab jetzt wollen wir es allein schaffen!