Von Brest über die Biscaya nach La Coruna: 29.8 bis 1.9.2015

 

1. Tag (29.8.) Fischfutter und Delfine

Wir legen ab in Brest. Eindampfen in die Achterspring (doch, das geht!) frühmorgens. Elias, ich und Marc-Anton legen ein tiptopes Manöver hin, Toja und Gabriel schlafen weiter. Raus in den Atlantik: Schwell, alte Wellen heben und senken sich. Langsam walzende Urgewalt verdreht bald unsere Mägen. Die Kinder kotzen ohne Unterlass. „Mama, warum habe ich das verdient, das macht ja gar keinen Spass“? sagt Gabriel. Wir hatten der Angabe „Schwell“ im Wetterbericht keine Beachtung geschenkt, da wir bisher noch keine Erfahrung damit gemacht haben. Dies wird sich ändern! Dann kommen Delfine, viele, überall. Sie tanzen, springen zusammen, mit uns. Den ganzen Tag, immerzu aufs Neue. Gruppen von 10 oder sogar 20. „Das war der schlimmste Tag wegen dem Einen und der schönste Tag wegen dem Anderen“, sagt Gabriel, kotzt über die Reling und sieht schon wieder neue Freunde. Ansonsten verläuft der Tag ruhig mit wenig Wind. Die Nachtfahrt ebenfalls, der Windpilot macht es gut, wer Wache hat, kann sogar dösen im Cockpit.

 

2. Tag (30.8.) Sonne und Seeräubergeschichten und eine wilde Nacht

Erwache mit schlimmen Kopfschmerzen. Durch das Stugeron oder die kurze Nacht? Wer weiss. Sonne strahlt, wie schön. Meer ist glatt, nur etwas Schwell. Mir ist übel, kaum zu glauben. Es muss der Kopf sein, der mir in den Bauch steigt. Langsam geht es allen besser. Ab Mittag kommt auch Hunger. Auch Lust ein Buch zu lesen. Segeltrimm, wie geht das? Elias liest vor – aus der Geschichte von „Seeräuber Moses“, wunderbares Buch, alle hören gespannt und amüsiert zu. Viel Motoren, da wenig Wind. Ab Mittag kommt ein Lüftchen von hinten. Wir segeln von hier an. Marc-Anton berechnet, dass ich inzwischen meine 1000 Seemeilen für den Hochseeschein beisammen habe. Juhee – bin jetzt Hochseeskipperin. Mit dem „Einparken“ habe ich am Steuer aber noch keine Übung. Auch den Kurs halten kann ich mit unserem Schiff nur so la la. Das kann der Tschoni (Windsteueranlage) und der elektrische Autopilot sowieso. Werde noch zum Üben kommen...bald schon.

Kinder kuscheln im Cockpit im Schlafanzug. Langeweile kommt auch. „Ich will jetzt was bauen aus Holz, ein Schiff – und zwar jetzt“! ruft Elias. Wir gehen seine Langeweile-Liste durch. Nichts scheint zu gefallen. Nichts schmeckt so recht. Ein wenig essen alle, auch Süsses. Dann lautes singen! Singen tut gut, das wussten schon die alten Seefahrer. Und erfahren haben wir das in Paimpol, dem dortigen Musikfestival, bei dem es nur um Seefahrer-Musik ging.

Jetzt kommt die zweite Nacht. Alleinzeit komme! Wir erwarten dasselbe, wie letzte Nacht...

Dann kommt alles anders. Lichtblitze! Wetterleuchten? Oder doch ein Gewitter? Ich wecke Marc-Anton, weil Kurs nicht mehr stimmt und Halse notwendig – als Vorwand. Habe noch Mühe damit, mich unsicher zu fühlen. Will es alleine schaffen. Dann ist klar – Unwetter kommt! 20 bis 25 Knoten Wind auf der Anzeige. Auf Radar sieht man sehr eindrucksvoll in rot die Gewitterzelle. Da wir schon fast durch sind, entschliessen wir nicht zu reffen, solange Wind nicht über 25 Knoten. Wissen noch nicht, dass ganze Nacht und halber Tag eine Gewitterzelle die andere abwechseln wird. Wetterprognose war so anders. Entscheidung nicht zu reffen und mit ganzer Besegelung weiter zu fahren, war wohl auch aus Unbehagen gefällt, in der Nacht das erste Mal zu Reffen. Wir haben erst am nächsten Tag um 17:00 gerefft, als die Unwetter vorbei waren und immer aber noch viel Wind. Wir haben gesehen: unsere Paloma kann zwar Windstärken bis Beaufort 7 mit Vollbesegelung eigentlich tatsächlich gut ab, aber: die Kräfte sind dann enorm, Steuer-Fehler nicht erlaubt, die Gemütlichkeit dahin. Dafür sind wir noch zuwenig geübt. Früher Reffen wäre klug gewesen. Jemand hat mal geschrieben: wenn man das erste Mal ans reffen denkt, sollte man es sofort tun. Nach dem Reffen ging es leichter weiter. Steuern war unter Vollsegel super anstrengend. Und der Windpilot hatte bei starken Böen Mühe Kurs zu halten oder wir hatten Mühe ihn richtig einzustellen. Um 3:00 war ich so müde, dass ich Marc-Anton bat die elektrische Selbststeueranlage anzumachen. Ich wollte nur schlafen und nicht steuern und nicht Windpilot einstellen. Gelang mir dann auch für 5 Stunden. Marc-Anton hatte fast Freinacht hinter sich. Ruhe dann etwas am Tag.

 

3. Tag (31.8). Fortsetzung: Unwetter und Anstrengung

Ganzen Tag über blieb es rau mit viel Wind und Wellengeschaukel. Elias kommt an Deck, hilft mit. Toja und Gabriel bleiben den ganzen Tag im Elternbett, schlafen, hören Musik, lassen sich von rechts nach links mit den Wellen rollen, kuscheln, kabbeln sich und haben es lustig. Sie essen fast nichts. Elias, Marc-Anton und ich essen einige Crêpes. Fertig-Crêpes aus Frankreich, super Sache. Geht auch bei viel Seegang mit Ei, Käse oder süss. Ab Mittag regnet es nicht mehr. Ich stinke in meinen Regen-Segel-Klamotten. Das Schiff sieht total durcheinander aus. Zwei Eimer, einer mit Fangleine, Fischmesser und Schlaghammer, gingen nachts über Bord. Die Eimer waren angebunden, der Inhalt war weg. Der Holzkapitänsstuhl, wunderschön gerundet, war nicht angebunden und kippte um. Etwas an der Windsteueranlage hatte sich verschoben (Querstange). Das konnte Marc-Anton noch während Fahrt beheben. Wind und Wellen begleiten uns weiter. Windsteuer hält nicht Kurs und ich steuere. Habe danach noch 2 Tage Muskelkater vom Steuern. Mache viel zu starke Bewegungen. Muss wirklich mehr üben, damit ich Kurs besser halten kann und kleinere Bewegungen mache. In der Nacht hatte ich immer wieder Kontrollverlust am Steuer, machte ungewollt Halsen bei achterlichem Kurs und Bullenstander. Bin in Nacht total erschöpft und will nicht alleine an Deck sein. Bitte Marc-Anton oben zu schlafen.

 

4. Tag (1.9.): Wenden wie eine Kuh und ankommen

Ab 3:00 versuche ich immer wieder kurz zu schlafen mit Schlafsack über Kopf. Wir sehen schon den Leuchtturm von La Coruna, müssen aber wegen Windrichtung noch weitere 10 Meilen weiter fahren bis zur Halse. Wegen Wellen und Respekt vor diesem mit 3 Segeln und bei hohen Wellen heiklen Manöver entscheidet sich Marc-Anton dann für eine Kuhwende. Das geht so: Kühe gehen nie mit dem Hintern durch den Wind (halsen also nicht), sondern immer mit der Nase, d.h. sie wenden immer. Auch wenn es dabei ein 270-Grad-Tänzchen (=Kuhwende) braucht, statt eine einfache 90-Grad-Rotation mit dem Heck (=Halse). Dieses 270-Grad-Tänzchen führen wir nun vor Coruna auf, vielleicht zum Vergnügen der vielen Fischer. Wir schämen uns nicht deswegen, immerhin bedienen wir immer noch unerfahrenen Seeleute 27 Tonnen Schiff mit 3 Masten bei 3m-Wellen und Windstärke 5 bis 6 nach über 3 strapaziösen Tagen. Schlafe immer wieder ein danach. Sage Marc-Anton, dass er mir bei Segelbergen und Anlegen genaue Anweisungen geben muss. Elias will dabei sein beim Ankommen. Unser tapferer Matrose wird geweckt und ich Co-Skipperin auch. Der arme, auch müde Skipper muss sich nochmals voll konzentrieren, die zwei noch müderen ärmeren - Co-Skipperin und 1. Matrose - tüchtig antreiben auf den letzten Metern, damit alles sitzt und ohne Schaden abläuft. Eine tapfere Crew sind wir! Beim Einlaufen in Coruna kommen uns mehrere Fischerboote entgegen. Offenbar sind die hellwach, weil sie uns sehr knapp passieren. Beim ersten kriegen wir noch fast Panik und weichen wild aus. Bei den nächsten haben wir's einmal mehr begriffen: Fischer sind Profis, die sehen uns genau und fahren so, dass es just passt. Kommen in aufkeimender Morgendämmerung im Hafen an. Legen an einem eigentlich geschlossenen gut zugänglichen Steg an, er scheint noch im Bau zu sein. Stolperleinen sind gespannt auf dem ganzen Steg, um See-Vögel abzuhalten. Unsichtbar in der Morgendämmerung für müde versalzene Augen. Das merke ich erst, als ich schon springe und mich knapp auffangen kann. Anlegen gelingt. Wir bleiben bis nächsten Tag da liegen, weil zu erschöpft. Erholung, für einige Tage keine Schule. Essen, schlafen, laufen, malen, aufräumen, reparieren, putzen - Verarbeitung. Kinder haben Kreativitätsschub. Eine ganze Wand im Schiff wird mit wunderbaren Tierbildchen beklebt von Gabriel. Toja designt ein Topmodel nach dem anderen, nimmt sich Anregung aus Star-Wars. Hat sehr guten Geschmack. Elias malt wunderschöne Tiermotive aus dem Buch ab, mit Akryl und Neocolor. Marc-Anton greift immer wieder zur Posaune – zwischendurch kriecht er immer wieder in die Bilge und putzt und sucht Quellen für die kleinen Wässerchen, die sich dort ansammeln. Ich spiele ein wenig Akkordeon.

 

La Coruna: Spanien fühlt sich gut an (2.9. - ca. 13.9.)

 

Hier kann man verweilen!

La Coruna gefällt uns auf Anhieb sehr gut. Leider nicht so warm, wie erhofft, aber anders - tolle Gebäude mit Holz-Glasfassade, alt. Grosszügige Plätze mit Designelementen, Trinkbrunnen, Sitzgruppen, Kunst. Alte Klöster, Kirchen, Heiligtümer. Und der älteste funktionierende Leuchtturm der Welt von 110 n. Ch. (Herkulesturm). Imposant, vollkommen, als majestätische Ganzheit steht er da. Sehr nette Menschen in der Marina und schöne kleine Begegnungen in der Stadt. Wir freunden uns auch mit einigen Aussteigerfamilien an (z.B. Salomon und Jael auf Holzschiff „Buchbutania“ mit 11 j. Sohn Jahav, 18 j. Sohn und Hund; kommen aus Norwegen und wollen nach Israel auswandern). Und deutsche Familie mit Stahlschiff „Venga“ - Daniel, Eva mit 6 j. Piet. Wollen nach Atlantikjahr auf Schiff leben. Man hilft sich. Kinder spielen Fussball, Diabolo, Rummy. Englisch fliesst bei den Kindern. Mein Spanisch stockt noch, leider.

Sonne kommt langsam, mehr Wärme und Strand und feines Eis. Kinder kaufen Haken für Tintenfisch. Erster Fang mit Überraschungen, er spritzt schwarz! Frage bei Nachbarschiff, wie man Tintenfisch tötet und ausnimmt. Schauen uns auf youtube ein Video an. Kaufen am nächsten Tag noch einen, um zu sehen, wie die Verkäuferin vorgeht. Beide schmecken sehr gut! Haareschneiden ist auch angebracht. Gabriel hat sehr langes Haar und will es kurz. Marc-Anton schneidet, ich korrigiere noch mit Rasierer. Sieht toll aus und fühlt sich noch schöner an, so ein Kinderkopf! Toja bekommt von mir die Haare gekürzt und dann schneidet sie meine (20 cm!). Es gelingt ihr gut, sie ist richtig stolz.

Elias ist heute im Hafen mit einem eleganten Sprung ins Wasser gefallen. War mit dem Scooter gegen eine Klampe gefahren und dann kam der unfreiwillige Sprung! Gut erfrischt.

Wieder einiges zu tun!

Traveller für die Grossschot hat Risse, die dem Skipper nicht gefallen. Halterung für Live-Lines hatte auch Risse und war bei Belastung gebrochen. Haben Sorge, dass Travellerschiene uns mal als Fluggeschoss über Deck saust. Finden jemanden, der uns Schweissarbeiten macht für wenig Geld. Handwerker kommen erst später, erst heisst es am Nachmittag und dann „manana“. Wir sind also wirklich in Spanien! Die Arbeit machen sie dann super.

Selbstreparierter Block für Genua-Schot hat übrigens sehr gut gehalten. Danke Peter für deinen „telemedizinischen“ Beistand!

Fugen sind auch einige zu machen und jetzt kommen eindeutig auch Fenster dran. Ich kann mich nicht mehr drücken. Bei starker Krängung hat es an diversen Stellen rein „gerinnsalt“. Und ein Fenster im Deckshaus ist schon seit Wochen mit 5 Lappen unterlegt.

Marc-Anton nimmt das Steuerrad ab und zieht Schrauben an. Und erledigt etliche Kleinarbeiten. Ein weiteres Problem sind unsere Dieselvorräte: Durch die tagelang schaukelnden Biskaya-Wellen wurde der Diesel in allen 3 Tanks tüchtig durchgerüttelt. Offensichtlich sind die Tanks eben doch nicht sauber, was man am Separ-Filter bzw. im Schauglas sieht. Auch das wird man demnächst angehen müssen...

Wann weiter?

Jetzt könnten wir eigentlich aufbrechen, da (fast) alles repariert ist. Jetzt passt aber das Wetter nicht... Familie mit Holzschiff ist auch wieder zurück gekommen. Sie hatten grosse Probleme mit Steuerung (Blockade) und wurden nach 50 (!) Kreisen abgeschleppt. Problem ist unklar, sie werden wohl noch etwas bleiben. Nach mehreren Tauchgängen hat Salomon es gelöst, er bittet uns, ihn bei einer Probefahrt vor dem Hafen mit dem Dinghi zu begleiten. Segler helfen sich immer, wir machen es gern. Abgesehen davon eine gute Gelegenheit, den Aussenborder mal wieder zu betreiben. Er springt auf Anhieb an, Elias, der Dinghi-Racer freut sich!

Wir wollen dann auch endlich mal wieder aufbrechen in die Ria de Muros in Galizien. Manana!? Das Wetter wird's vorgeben...