Von La Coruna bis Lissabon


Kursänderung: Wir fahren direkt nach Lissabon, machen wieder einen grossen Schlag und lassen die Rias in Nord-Spanien aus. Haben so lange in La Coruna auf passendes Wetter und Winde warten müssen. Jetzt ist es ungemütlich kühl, wir wollen gen Süden, Sonne.


19.9.2015

Ruhe am Cap Finisterre

Wir gleiten in Windeseile. Bis zu 9,5 Knoten Fahrt bei Wind von hinten, unglaublich. Sonne scheint, der Wind ist kalt, Nordwind. Heute haben wir wieder Delfine gesehen und einen Wal. Oder vielmehr den Rücken eines Wales und seine Wasserfontäne. Gabi hat ihn entdeckt. Von Gabi gab es wieder „Fischfutter“. Zur Belohnung kamen dann die Fische, kleiner Trost, kleiner Scherz. Immer wieder sagt er, „Mama, ich bin nicht fürs Meer gemacht“. Die Seekrankheit ist ätzend. Immerhin geht es schon etwas besser als in der Biscaya. Ich lese im Buch über Seekrankheit. Die Medikamente nimmt Gabi nicht, sie machen ihn auch furchtbar schläfrig. Ich habe gelesen, dass es hilft, wenn man ein Ohr verstopft und zwar das gegenüberliegende Ohr von der Hand-dominanten Seite. Gabi ist Linkshänder und wir verstopfen sein rechtes Ohr mit Oropax. Ich habe das Gefühl, dass es etwas hilft. Hoffnung!

Jetzt schlafen alle, wir haben Cap Finisterre gerundet – ganz unspektakulär. Der Himmel ist noch leicht abendgolden. Letzte Grüsse von der Sonne. Es ist kühl. Ich trage Kleidung wie beim Ski fahren. Fünf Schichten! Wo ist der Sommer? Wir sind heute das erste mal Schmetterling gesegelt auf der Paloma. Das Ausbaumen war ein rechtes Getüftel, bis da alles sitzt. Fahrt war wunderschön. Wellen rollen von hinten und tragen das Schiff nach vorne, gleitend, schnell. Toja hat heute Freude an einem Hörbuch gehabt (Piccolino) und Elias hat auch angefangen im Compi Reiseerlebnisse aufzuschreiben. Er will sie auf seine Seite in den Blog stellen. Jetzt kommen Sterne. Der Mond ist schon da. Wunderbarer Segeltag. Nacht komme...


20.9.2015

Wale und ein Riesenfehler mit einem Riesenpott

Winde kommen, Nacht beginnt. Porto haben wir hinter uns. Gute Wegstrecke geschafft. Gestern ein Etmal von 140 Meilen, Rekord! Heute am Tag eher Flaute. 4 Stunden unter Motor. Bei ruhiger See konnten Kinder essen, spielen, lesen, schreiben. Sie haben sich auf dem Vorschiff mit Wassereimern nass gespritzt. Elias hatte wieder eine Langweile-Krise und dann einen Kreativitätsschub. Hat aus Pet-Flaschen, Holzstäbchen, Karton und Leim ein 3er-Windrad – oder besser: ein richtiges Anemometer - gebaut. Heute haben wir eine ganze Gruppe Grindwale gesehen. Sicherlich 20. Ausserdem waren da viele Delfine in der gleichen Gruppe. Scheinbar bilden diese sog. Schulen von bis zu mehreren hundert Tieren. Das Bewegungsmuster der Delfine ist elegant und schnell. Die Grindwale bewegen sich viel gemächlicher an der Wasseroberfläche. Die Flosse ist rundlicher und auch der Kopf ist rundlich geformt – deshalb wohl „Grind“wal.


In der Nacht passiert dann mal wieder etwas: Hier schreiben nun Skipper und Skipperin gemeinsam:


Wir haben richtig Mist gebaut – oder schönfärbend wohlwollend: eine echte Lektion für's Seglerleben inhaliert. In dem Moment war unser Handeln für uns zwar durchdacht und logisch. Halt nur aus unserer Sicht – nicht für unseren – übrigens sehr korrekt handelnden - „Gegner“. Wir haben nicht gedacht, dass auch Frachtschiffe denken, reagieren und auch noch ausweichen könnten! Was jetzt folgt, wird vielleicht dem einen oder andern Seglerhasen und beckmesserischen CCS'ler die Haare zu Berg stehen lassen. Wir wissen aber, dass solche Fehler auch Erfahrenen passieren oder mal passiert sind, nur erzählt sie kaum einer unverhohlen. Wir tun's aber gern, um selber nochmals draus zu lernen, um vielleicht dem einen Segler oder der andern Skipperin die Lektion in Echt zu ersparen, und weil auch sowas spannend ist und dazugehört:

Wir wollten zwischen dem Fahrwasser vor der iberischen Westküste und der Küste selbst an einem „Nest“ von portugiesischen Fischerbooten vorbei, da diese oft unberechenbar sind und Vorfahrt haben. Um unseren Süd-Kurs im Sinne „Kreuzen vor dem Wind“ optimal fahren zu können, wollten wir so nah wie möglich ans Fahrwasser ran fahren, auf dem die grossen Pötte nordwärts unterwegs sind (also weg von Küste und Fischern), und kurz vor der Fahrwassergrenze halsen – also ein Zickzack: - auf das Fahrwasser zu und dann wieder weg. Etwa 10 sm vor dem Fahrwasser haben wir beschlossen, dass es noch zu früh zum Halsen ist und Marc-Anton ist sogar noch mal schlafen gegangen, da es bei diesem Kurs noch ca 1 Stunde dauern würde, bis wir nahe dran sind. Wir sahen im AIS, dass Frachter unterwegs sind, dachten aber: die haben ja ihr Fahrwasser, wir unsere Küstenzone. Im Kopf hatten wir dazwischen so was wie eine Leitplanke oder einen Kuhzaun eingebaut und gedacht: die sind dort, wir sind hier. Dazwischen der Zaun, also no problem, keiner fühlt sich behelligt. Dann habe ich Marc-Anton geweckt zur Halse, ca. 1.7 sm vor dem Fahrwasser. Wir haben rasch die Halse vorbereitet – Bullenstander ganz vorne am Schiff lösen, Segel dicht nehmen, Kursänderung und... in dem Moment, in dem wir halsen, macht der Frachter, den wir im AIS schon lange gesehen haben, seine Scheinwerfer an und ändert seinen Kurs. Und zwar nicht weg von uns sondern quasi aus dem Fahrwasser raus direkt auf uns zu – und dies bemerken wir erst direkt nach unserer Halse!!! Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass der ausweichen würde. Direkt vor uns (ca. 1 Meile weg) steht nun der Riesenpott (130m lang), Panik kommt. Marc-Anton: „In welche Richtung soll ich fahren, ich habe keine Orientierung mehr, das Plotterbild stimmt nicht mehr überein mit dem, was ich da draussen sehe“. Wir wahren total überrumpelt. Kontrollverlust. Ich schmeisse den Motor an, als der Scheinwerfer auf uns zu kommt. Jetzt schreie ich: „fahr einfach weg“. Marc-Anton – am Steuer - versucht die verschiedenen Informationsinputs im Kopf in Deckung zu bringen. Das sind: 1. Bild auf dem Plotter: abstrakt, nicht in Schiffsausrichtung, mit AIS und Radarinformation, alles neu ausgerichtet wegen der Kursänderung. 2. neue sonderbare Echt-Perspektive auf den Frachter mit Positionslichtern, die ganz anders leuchten als vor 5 Minuten, in Kombination mit Scheinwerferlicht auf uns und Festbeleuchtung an Deck des Frachters. Unklar, wo an dem Biest nun hinten und vorne ist, wohin er fährt. 3. inneres Bild des eigenen Schiffes und unseres Kurses vor der Halse und nach der Halse. 4. Kompassanzeige mit anderem Wert als vor der Halse - klar. Zuviel Information auf's Mal, in unterschiedlichen Qualitäten und Kategorien: real-echt vs. abstrakt-theoretisch, auf dem Bildschirm nun fast auf dem Kopf, dazu Bewegung in allen drei Dimensionen, da auch Seegang, Krängung dazu kamen – und nachts. Elias kam an Deck, war aufgeschreckt, wollte helfen. Es war laut, da wir gegen die Wellen unter Motor und – wegen nun eigenem Ausweichmanöver - mit Segeln in der falschen Stellung – fahren. „Weg von dem Pott“! Wir machten erst einen rechten Zickzackkurs, weil wir keinerlei Orientierung mehr hatten. Der Frachter änderte auch immer wieder den Kurs – vielleicht? „Fahre einfach weg, ändere nichts. Damit wir wieder Übersicht bekommen“, schrie ich Marc-Anton zu. Marc-Anton verzweifelt fast, gibt Vollgas von dem Gegner weg, die Distanz wird grösser. Geschafft. Im Nachhinein auf dem Plotter und in Handskizzen wird uns klar, was passiert ist. Die Übersicht kam erst im Nachhinein und der Schreck mit Gedanken, was da hätte passieren können, kam ebenfalls: Wir waren VIEL zu nah an's Fahrwasser ran gefahren und hatten wahrscheinlich bei dem Frachter ein Nahsituationssignal ausgelöst. In Notfällen, bei schlechter Sicht und wahrscheinlich auch im Fahrwasser MUSS nach rechts ausgewichen werden. Aus Sicht des Frachters hätten wir da auch nach rechts ausweichen müssen (Manöver des letzten Augenblicks bzw. bei schlechter Sicht). Wir sind aber nach LINKS ausgewichen mit unserer wunderbar geplanten Halse. Aus Sicht des Frachters zudem viel zu spät. Dann sind wir – als der Frachter vor uns stand – Gott sei Dank – tatsächlich nach rechts ausgewichen – einfach weg von dem Monster.

Da haben wir uns dann viele Gedanken gemacht. So was darf nicht wieder passieren. Daraus müssen wir lernen. Und das haben wir, denke ich auch. Es ist uns richtig eingefahren. Mir (Marc-Anton) ist zudem sehr eingefahren, wie man die Orientierung verlieren kann. Gelernt: früher manövrieren – viel früher! Sich vorher genau vorstellen, was passieren wird auf den verschiedenen Informationskanälen – vor allem nachts, wenn die Orientierung viel schwieriger ist. Vor dem Manöver nochmals Rundumcheck machen. Funken.


21.9.2015: Erstmal ankommen

Der 3. Tag verläuft sonnig und gut. Das Cap vor Lissabon zeigt uns, was es kann, und wir bekommen um 22:00 nochmals richtig viel Wind (bis 30 Knoten), müssen erst reffen und beschliessen dann, die Segel ganz rein zu holen, da es ungemütlich wird auf diesem Kurs und da wir kurz vor Cascais sind, unserem Zielhafen. Durch die Kursänderung mit einem Amwindkurs wurde es sehr spritzig und wellig. Das Schiff tauchte tief in die Welle ein und ich rannte nach unten um die Fenster zu checken. Bei den Kindern war ein Minischlitz offen. Oh je, da sind wohl einige Liter reingeschwappt. Elias sitzt im Bett, Decke nass, an den Wänden tropft es runter. Der arme Junge hat schon wieder Nachtaction. So schnell kann sich das gleiche Wetter total anders anfühlen. Man muss nur etwas mehr gegen den Wind fahren und aus einer ruhigen Nacht wird ein feuchter Ritt.

Am liebsten würden wir in Cascais unbemerkt anlegen und morgens zum Ankern in die Bucht aufbrechen. Der Hafen ist berüchtigt für seine saftigen Preise. So schnell wie dort haben wir jedoch noch nie Unterstützung von einem Marinero bekommen... - nachts um 1h. Er kommt und singt „don`t stop the boat“. Ich bin ziemlich verwirrt: „where shall we stop de boat?“...“Here“...“don`t stop the boat“....Nach 3 Tagen und Nächten auf dem Meer funktionieren die Sinne wohl etwas übersensibel und wir kapieren erst jetzt, dass dies keine Info ist, sondern nur ein Liedchen eines Angetrunkenen, das er vor sich hin trällert. Wir müssen uns also entscheiden; bleiben oder ankern? Da wir noch nie geankert haben (so richtig), wollen wir dies nicht in der Nacht machen und entscheiden uns zu bleiben und uns erst mal auszuruhen. Zuvor möchte der Marinero noch unsere Versicherungspapiere sehen, mitten in der Nacht. Dadurch ist uns der Hafen von Anfang an etwas unsympathisch und wir wollen wirklich nicht zu lange bleiben.