Wieder unterwegs: Martinique – Grenada - Tobago Cays und Zürich:

09.02.2016 bis 12.03.2016

 

Karneval in Martinique 9.2.2016

 

Karneval ist das absolute Highlight hier in Martinique. Andere reisen extra von weit an für diese Festwoche – wir sind einfach noch immer da. Warten, warten, warten - und in kleinen Schritten geht die Reparatur zwei Schritte voran und wieder einen zurück. Wir erleben antillaisische Arbeits"methodik" über mehrere Wochen. Das Team um Franck ist zwar kompetent, aber für unsere mitteleuropäischen Gewohnheiten ziemlich chaotisch organisiert, langsam und aber irgendwie auch lustig. Da kann der Chef sagen: "Hier durchschneiden!" Der Mitarbeiter sagt darauf: "Ich schneide nicht, das geht nicht!". Dieser Kurzdialog findet in der Regel etwa dreimal statt, bis endlich geschnitten, gesägt, geschraubt, geschweisst wird. Das Ergebnis der Arbeiten wird aber gut sein. Auf dem Weg dahin sind Nerven, Geduld und beharrliches Motivieren gefragt. Und ein bisschen Managementhilfe durch uns. Indem man dem Werkstattchef freundlich hilft, sich auf den Job bei uns zu konzentrieren und als wandelnde Gedächtnisstütze pro Tag etwa viermal bei ihm im Büro auftaucht. Man muss aber auch sagen: viele Probleme, die bei dieser komplexen Reparatur zwischenzeitig auftauchen, werden gelöst mit ebenderselben Gelassenheit und Geduld. Pas de soucis - das ist der Wahlspruch hier.

 

Wir haben die Möglichkeit, mit der Atlantic-Odyssey II-Gruppe, die inzwischen auch angekommen ist, mit dem Bus nach Fort-de-France zu fahren. Dort findet der Karneval-Eröffnungsumzug statt. Der Umzug hat etwas Ähnlichkeit mit den Fastnachts-Umzügen, die wir aus Deutschland oder der Schweiz kennen. Kostümierte Gruppen ziehen mit Musikbegleitung durch die Strasse – der Rhythmus und der Hüftschwung sind aber ganz anders als bei uns. Die Musik steht im  Vordergrund – fast ausschliesslich Trommeln heizen karibischen Beat ein. Tänzerinnen bewegen sich mit archaisch virtuosen Hüftkreisen zu den Beats. Alles schwingt und vibriert. Es ist ein Fest, bei dem im Tanz, in der Verkleidung und im Beat Weiblichkeit und Männlichkeit zelebriert werden. Die Männer zeigen sich sowohl an den Schlaginstrumenten, aber auch durch Motorkraft. Sie frisieren und verzieren ihre Autos, so dass diese einen Höllenlärm machen und Funken aus dem Auspuff sprühen. Auf den Autos räkeln sich sexy Frauen und kraftstrotzende Männer. An manch einem Auto wippt ein aufblasbarer Riesenpenis träge zur Beat-Musik. Auch der Geschlechtertausch spielt eine Rolle. Besonders die Männer zeigen Gefallen, in High-Heels und engen Kleidern mit Riesen-Busen vorbei zu defilieren. Sie haben sichtlich Spass an ihrem Auftritt. Einer der Security-Nachtwächter unserer Werft, Thierry, ein eher bürgerlich-schüchterner, sehr netter, leicht stotternder Familienvater um die 40 erkennt uns wieder und winkt uns zu. In Frauenkleidern hätte ich ihn fast nicht erkannt. Dies ist ein Fest für alle und auch wir mischen uns mit immer mutigerer Verkleidung in den Folgetagen unter die Umzugsgruppen in Vauclin und Le Marin. Da gibt es einen Umzug „red devil“, bei dem alle in Rot auftreten und einen, der unter dem Motto „black and white“ steht. Bei beiden Umzügen laufen Gross und Klein hinter einem  mit Riesenboxen bestückten Laster einher. Man tanzt im Laufschritt hinter dem Musikwagen her, etwas breitbeinig mit Hüftschwung. Gabriel findet es blöd und etwas peinlich und hält gebührend Abstand zum Rest der Familie; wir anderen haben Spass und drehen ein paar Runden zusammen mit allen anderen. Es ist schön, Teil von etwas zu sein und nicht nur Zuschauer.

 

Wieder mit Propeller 16./17.02.16

 

Vier Wochen und drei Tage waren wir nun im Reparaturmodus auf dem Trockenen im Centre de Carenage, also im Werftgelände von Le Marin. Gestern konnten wir ins Wasser zur Testfahrt. Aber davor dann noch dies: Unsere Süsswasserpumpe steigt aus, mitten beim Duschen, am Tag der Wasserung. Was soll das jetzt wieder? Und wir machen das, was wir in solchen Momenten immer tun: Marc-Anton schimpft laut über all das, was nicht perfekt ist im Leben, ich beruhige ihn und versuche zu relativieren, Toja verabschiedet sich mit einem Buch in ihr „Zimmer“, Gabi sagt, dass er ohne Wasser nicht bereit ist, segeln zu gehen und Elias unterstützt Marc-Anton mit Geschimpfe und ersten klugen Überlegungen über die Unzulänglichkeiten der Bootstechnik und woran es wohl liegen könnte - so gut er kann. Naja, auch dieses Problem war dann schon am gleichen Abend behoben: Der Elektriker kam eh vorbei, da wir galvanischen Kriechstrom über den Motorblock gehabt hatten, der die Opferanode jeweils viel zu schnell aufgefressen hatte. Die zugrundeliegenden Probleme hatte er behoben und musste nun noch mal die Spannungen messen, als das Schiff im Wasser war. Der nette Elektriker konnte bei dieser Gelegenheit mit wenigen Messgriffen zusammen mit Marc-Anton herausfinden, dass der Schalter in der Pumpe defekt ist. Ein winziges Stücklein Plastik in einem winzig kleinen Schalterchen. Ersatz haben wir in unserem umfangreichen Ersatzteillager gefunden und schon pumpte es wieder zu aller Freude.

 

Aber zurück zum Einwassern: Eigentlich sollten wir gemäss unserem Techniker Franck um 09:00 ins Wasser gekrant werden. Auf dem Zeitplan des Kran-Führers waren wir aber auf einmal erst um 16:00 vorgesehen. Und im Büro der Werft wusste man es nicht genau. Man wird zwischen Kranführer, Techniker und Werftbüro hin und her geschickt, keiner will verbindlich verantwortlich zeichnen für die Planung. 16:00 wäre eindeutig zu spät für eine Testfahrt. Um 17:00 wird es ja schon langsam dunkel. Mit einem neuen Propeller, von dem man nicht genau weiss, ob er wirklich funktioniert, will man auf der sicheren - also der taghellen - Seite sein. Es gelingt Marc-Anton nach einer Intervention beim Inhaber des Werftgeländes, eine bessere Zeit zu vereinbaren. Der Werftchef versichert, dass wir das nächste Schiff sind – nach 3 weiteren Stunden schwanken wir am Kran ins Wasser und die Paloma schaukelt wieder.

 

Motor an: Propeller dreht, Welle hat keinerlei Vibrationen. Die neue wassergeschmierte Stopfbuchse ist dicht. Freude herrscht! Mit Franck, dem Technikchef, legen wir ab zur Testfahrt. Das Schiff verhält sich anders als vorher, träger. Gleichzeitig läuft der Antriebsstrang irgendwie runder. Wir drehen den Motor hoch, beobachten Geschwindigkeit, Motorparameter, Heckwelle. Bald ist klar: das neue System funktioniert, der Propeller kann aber nachjustiert werden: die Steigung der Propellerblätter darf bzw. soll grösser sein, damit das Schiff agiler wird und mehr Vortrieb erhält. Dafür muss ein Taucher her, der zwei Justierungsschrauben unter Wasser auswechselt. Dies geschieht anderntags. Dann zweite Testfahrt: Das Verhalten des Schiffs ist besser, aber eindeutig anders als vorher. Umlernen in den Manövern wird nötig sein.

 

Tags darauf wollen wir los. Wir klarieren aus, sind bereit zum Ablegen. Es vergeht keine halbe Stunde, da taucht ein Zollschiff mit die Kinder beindruckenden drei riesigen Aussenbordermotoren auf. Vier Männer, zwei sehr freundlich, zwei korrekt grimmig. Sie wollen tatsächlich kontrollieren, ob der neue Propeller montiert ist und nicht ausser Landes geschmuggelt und verhökert wird, bevor wir das Land verlassen! Unser Techniker Franck muss antanzen und Belege zeigen, die wir dann noch für die Zöllner auf unserem kleinen Hausdruckerchen kopieren. Danach sind wir endlich wieder "frei"!

 

Wir fahren los, wollen nach so langem Warten einen grossen Schlag direkt bis nach Grenada machen, also einige Inseln links liegen lassen und nach Süden vorstossen. Um danach auf den Märzanfang hin in kleineren Etappen zurückzufahren. Die Fahrt geht mit Halbwind und zeitweise gegen Welle über ca. 26 Stunden. Am Schluss sogar um die Südwestecke Grenadas fast frontal gegen die Atlantikwelle und den Passatwind. Der neue Propeller schafft das gut, das Schiff wird aber kräftig durchgeschüttelt und das Deck durchgespült und wir auch. Aber wir schaffen die schmale Riffeinfahrt in unsere Zielmarina an der Südküste gut.

 

Eigentlich war es ganz schön mutig, als erste Fahrt nach unserer Propellerreparatur gleich bis nach Grenada zu fahren (180 sm). Wir hatten Lust, wieder richtig unterwegs zu sein und zu spüren, dass wir noch segeln können. Die Fahrt von Martinique nach Grenada bleibt uns als echte Rauschefahrt mit Halbwindkurs, guter Laune und einem neuen Etmal (=24-Stunden-Strecke) von 170 sm in Erinnerung.

 

 

Le Phare Bleu (18.2 bis 23.2.2016)

 

Im Süden von Grenada können wir uns fast eine Woche lang sehr gut erholen und wieder ans Leben im Wasser gewöhnen. Wir sind im „Phare Bleu“, einem Ferienresort, das von zwei Schweizern geführt wird. Jana Caniga kennt jeder Schweizer, der in den 90-er-Jahren Fernsehen und die Nachrichtensendung 10 vor 10 geschaut hat, die sie aufgebaut und jahrelang moderiert hat. Und Dieter Burkhalter bzw. dessen ehemaliges Musikgeschäft Burkhalter kennt jeder Wetziker, der wie wir dort Kinder in die Musikschule geschickt oder Musikinstrumente gekauft hat. Unser E-Klavier an Bord ist vom Musikhaus Burkhalter. Die beiden haben Le Phare Bleu aufgebaut. Die Anlage besteht aus einer Marina mit einem von Schweden hergebrachten grossen Leuchtturmschiff aus der Ostsee, welches das Wahrzeichen der Marina ist und heute als Bibliothek, Aufenthaltsraum, Dusch- und WC-Anlage und auch für Konzerte dient. Dann gibt es hübsche Ferienwohnungen und ein feines Restaurant mit der herzlichen, kinderliebenden und dabei sehr professionellen Linda, unserer Lieblingsbedienung. Besonderes Highlight für die Kinder ist der Swimmingpool. Viele Stunden spielen sie dort und holen sich manch eine Schürfwunde. Ausserdem sind auf dem Gelände ein Minimarket, ein Yachtcharterbüro, das Schweizer Konsulat und der Zoll eingemietet. Dieses Angebot ist einerseits praktisch, andererseits ärgert es jedes mal ein wenig, wenn wir die Frau vom Zollamt sehen. Sie war besonders unfreundlich, abweisend, gelangweilt und langsam. Mindestens eine Stunde haben wir bei ihr verbracht für einen Vorgang, bei dem es eigentlich nur darum geht, zu registrieren, wer an Bord ist und ob wir zollpflichtige Ware mit uns führen. Trotzdem tat sie uns auch leid, so einen langweiligen Job möchten wir nicht haben. Wir waren an diesem Tag sicherlich ihre einzige Kundin.

 

Diese „Schweizer“ Marina ist in vielerlei Hinsicht lohnenswert, liebevoll und schön. Es ist ein Ort, an dem man es sich gut gehen lassen kann. Cocktails am Pool, tolles DVD-Angebot im Leuchtturmschiff, gutes Essen und freundliche Bedienung im Restaurant und auf dem Ponton, Sauberkeit und sogar Müllrecycling, schmackhaftes gefiltertes Wasser und dann natürlich die wunderbaren Live-Konzerte jeden Freitag - bei uns mit Sabrina Francis. Die junge Dame arbeitet im Resort an der Reception und ist gleichzeitig Sängerin mit kraftvoller, charakterstarker Stimme. Sie hat soeben ihre erste CD heraus gebracht und wir haben die Ehre, das erste Exemplar zu erwerben! Und zwar an unserem Abreisetag, eine Viertelstunde vor der Pressekonferenz zur Plattentaufe, die wir verpassen, weil wir ablegen wollen. Wir kriegen sogar eine Widmung auf das schöne Cover, Sabrina will Fotos machen mit uns als den ersten CD-Käufern. Ein Schatz mehr in unserer Sammlung von Musik und Musikern, die wir auf dem Weg um den Atlantik erleben.

 

 

Clifton und Tobago Cays (St. Vincent) (25.02. bis 27.2.2016)

 

Von Le Phare Bleu fahren wir für eine Nacht in eine Bucht auf der Westseite der Insel, die Dragon Bay. Von da geht es zum nächsten nördlichen Inselstaat St. Vincent, auf die Union Island, ins kleine Fischerörtchen Clifton mit vorgelagertem Ankerfeld mit tückischen Untiefen. Doch dazu weiter unten...

 

„Happy Island“, so heisst eine winzige Insel vor Clifton, die 2002 inmitten eines Riffs und auf Muschelbergen von ein paar Menschen rund um einen witzigen Selfmademan erbaut wurde, der sich, nachdem wir ihn fragen, wer er sei, King of Happy Island nennt. Inzwischen ist das Inselchen so gross geworden, dass eine kleine Wellblechbar mit riesigen Musikboxen und zwei Palmen darauf Platz hat. Der besagte stolze Besitzer dieser Insel, ein offensichtlicher Bob-Marley-Anhänger, zeigt uns die Fotos der Inselentstehung. Inzwischen ist die Insel auf fast jeder Seekarte eingezeichnet. Unglaublich, dass so etwas möglich ist. Eine amerikanische Schiffspassagier-Gruppe besucht auch gerade die Insel – die Stimmung ist ausgelassen lustig. Dann kommt ein junger einheimischer Kite-Surfer (=Drachenfliegen auf Surfbrettern) vom Land her angerast und vollführt meisterliche Sprünge direkt vor unserer Nase. Er fährt in atemberaubendem Tempo wie ein Weberschiffchen vor der Insel hin und her, kommt bei jeder Vorbeifahrt etwas näher an die Insel heran und vollführt für uns seine Show. Und dann wagt er sogar einen Sprung über das grosse Beiboot der amerikanischen Gruppe und spritzt uns nass. Wir jubeln ihm zu, er springt immer wieder und lässt sich dann lässig auf den Stufen der „Happy Island“ nieder. Rabenschwarzes Gesicht, blitzende Zähne, funkelnde Augen, trainierte Muskeln und supercool. Ein Amerikaner steckt ihm einige EC-$ entgegen. Heute sieht alles hier freundlich aus in Clifton (St. Vincent). Eigentlich haben wir hier nur einen Stop einlegen wollen, um beim Zoll einchecken zu können für die Tobago Cays. Eine lästige Angelegenheit, die auf jeder Inselgruppe (beziehungsweise in jedem Land) neu gemacht werden muss. Jetzt gefällt uns dieses Örtchen aber doch so gut, dass wir beschliessen, noch eine zweite Nacht zu bleiben - auch wegen unseres Ankerabenteuers am Vorabend:

 

Ein Tag Rückblende: Wir wollen also ankern vor dem Fischerdörfchen Clifton auf Union Island, das Ankerfeld liegt innerhalb eines Korallenriffs. Im Ankerfeld mitten drin liegt nochmals ein Riff, genannt Roundabout Reef. Und darum herum gibt es zusätzlich tückische Untiefen aus Sandbänken. Dies ist alles, was es an Hafen hier gibt. Beim Reinfahren in das Ankerfeld passiert uns mal wieder etwas richtig Dummes. Zwar auch etwas, das fast allen Seglern einmal geschieht, einem aber sehr peinlich ist und emotional tüchtig einheizt, selbst wenn es glimpflich abläuft. Die Berge unter dem Wasser sind uns nicht geheuer – und wenn dann noch Wind hinzukommt und ein neuer Propeller, der im Rückwärtsgang ganz anders als gewohnt reagiert, gepaart mit Müdigkeit nach einem langen Segeltag, dann steigt das Risiko für Probleme. Zudem waren da ziemlich viele Schiffe. Man ahnt es: Beim arglosen, wohl etwas zu sorglosen Hineinfahren in das Ankerfeld wurde es plötzlich immer enger. Verlangsamung und Seitenwind taten ihr Übriges, das Schiff reagierte ausserdem nicht so wie früher, sondern wurde vertrieben: Plötzlich stellte Marc-Anton mit vibrierender Stimme fest, dass die Tiefenanzeige immer geringer wird. Bis sie auf 0 sank. Dann ein leichtes, zum Glück sanftes Rumpeln und Paloma stand still. Wir hatten es tatsächlich geschafft: auf der Suche nach einem Ankerplatz so vertrieben zu werden, dass kein Wasser mehr unter dem Kiel war – Panik! 27 Tonnen Schiff zwischen Korallen und vielen anderen ankernden Schiffen auf Grund, das ist nicht witzig.

 

Aus eigener Kraft bewegt sich Paloma nicht, wie sich zeigt. Eine andere Yacht ruft  uns zu, wo wir rausfahren sollten aus dem Engnis. Geht nicht - kein Wank.  Doch dann geht alles sehr schnell - verdächtig schnell: Den Einheimischen scheint es irgendwie gelegen zu kommen. Ein Holzboot mit potentem Aussenborder (Gabriel: "Der hat 40 PS!") rast sofort herbei, um uns heraus zu ziehen. Routiniert werfen die zwei Männer uns eine perfekt vorbereitete und passende (!) Leine zu. Einmal kurz schräg nach hinten ziehen und wir schwimmen wieder - sind manövrierfähig. Das dauert keine Minute. Das Einheimischen-Boot fährt uns dann voraus um uns aus dem heiklen Gebiet wegzulotsen. Jetzt suchen wir erstmal ein Plätzchen an einem bescheideneren Ort auf der andern Seite des Roundabouts mit mehr Tiefe. Die Helfer weisen uns ein. Natürlich wartet nach erfolgreichem Ankern unser Helferboot schon neben uns. Gabi fragt, „Do you want a money? “. Toja sagt ihm, dass dies unhöflich sei und man so was nicht sagen solle. Ich komme mit 60 EC-$ (ca. 20 US-$). Der Haupthelfer ignoriert mich komplett und wendet sich an Marc-Anton. Er will 600 EC-$ und macht sehr deutlich, dass dies keine Bitte sondern eine Forderung ist. Ein Fuss steht schon auf unserer Reling. Es scheint uns besser zu sein, nur ein wenig zu verhandeln, jegliche Provokation zu vermeiden und freundlich-witzig auf den Handel einzusteigen. Bei 450 EC-$ werden die Herren sich einig. Marc-Anton übergibt ihm dann 440 EC und die beiden Männer im Holzboot sind sichtlich zufrieden. Uns ist es das wert, auch wenn wir ahnen, dass wir wahrscheinlich viel zu viel gaben. Aber wir sind noch immer geschockt und wissen: nicht Auszudenken, wie sowas auch anders hätte ausgehen können. Marc-Anton fragt die schon wegfahrenden Helfer noch, was denn am Ort des Geschehens für ein Untergrund sei: Sand, unter dem Sand Steine, die aber erst freigearbeitet würden, wenn man lange drauf hockt. Es sei sicher kein Problem am Schiff, meinen die Helfer. Das entspricht auch unserm Gefühl, das wir beim Aufsitzen hatten. Wie wenn man auf etwas weiches sanft drauf plumpst. Nachfolgende Tauchgänge bestätigen: alles gesund, nicht schlimmer als gewolltes Aufsitzen in Gezeitenhäfen, wie wir es auch schon willentlich taten - Glück gehabt einmal mehr!

 

Später begegnen wir in Clifton „Hermann the German“ - einem Einheimischen, der mehrmals in Deutschland und in der Schweiz war und das Lokalrecht hat, deutschsprechenden Touristen die Insel, den Gemüseladen seiner Schwester, das Restaurant seines Onkels, die Fische seines Freundes zu zeigen und entsprechende Händel anzubahnen. Er erzählt uns, dass wir noch günstig davon gekommen seien, auch wenn er meint, 100 EC wären auch OK gewesen. Was uns passiert sei, sei völlig normal: Täglich würden Yachten von dieser Sandbank und aus dem Riff gezogen. Bei uns war es billiger, da wir nur ein wenig im Sand steckten. Einmal richtig Riff rammen kostet schnell das Dreifache.

 

Dieses Ankerfiasko senkt unsere Stimmung vorübergehend empfindlich. Als dann auch noch wieder Wasser in der Bilge ist, weiss jeder, dass mit Marc-Anton nicht mehr zu spassen ist. Immerhin lässt er sich darauf ein, nur mit der elektrischen Pumpe zu pumpen und den letzten Liter vorerst in der Bilge zu lassen; auf dem Weg von Grenada nach Clifton waren wir nämlich ziemlich hart am Wind gesegelt und die letzten 12 sm hart gegen Wind und Welle motort. Das Schiff war dabei mit der Nase immer wieder ins Wasser getaucht – hundert Male. Da kommt wahrscheinlich einiges rein via Ankerkasten oder Ankerwinsch - völlig normal. Einmal hatte ich zudem eine Klappe am Heck aufgemacht um Angelsachen zu verstauen. Allein in diesem Moment sind sicherlich 10 Liter vom Eintauchen vorne wie ein Bach über das Deck nach hinten und in diese Luke geflossen. Da muss man sich nicht  wundern über ein paar Liter Wasser in der Bilge. Oder? Aber jeder hat halt seine Empfindlichkeiten: Bei mir kamen Tränen, als ich entdeckt hatte, dass die Kinder den Honig nicht richtig verschlossen und nicht aufrecht versorgt hatten – alles war verschmiert. Drei Lebensmittelkörbe mit allerlei Dingen waren komplett mit Honig verklebt.

 

Den ganzen Tag Segeln an der Sonne mit Wind und Wellen ist für uns immer noch bzw. nach der langen Pause wieder erneut anstrengend, so dass, zusammen mit einer Grundberührung und einer Honigverschmierung oder einem Bilgengesabber, ein ZUVIEL erreicht ist. Wir fangen uns jedoch rasch und auf der „Happy Island“ (siehe oben) konnten wir dann schon wieder über all das Lachen.

 

Tobago Cays – das ist ein Höhepunkt in der Karibik. Ein weit ausgedehntes Korallenriff und einige kleine unbewohnte vulkanische Inseln. Wir ankern im Schutze einer der Inseln. Schaut man von einem Vulkanhügel herunter, so wirkt das blaue Farbenspiel der Meereslandschaft wie ein Heiligtum, umhüllt und beschützt von dem hufeisenförmigen Korallenriff. Riff und Sand und Seegras als Untergrund lassen die Wasseroberfläche dunkelblau, bräunlich, türkis oder hellblau erscheinen. Wie ein schimmerndes Juwel wechseln sich die Farbbänder ab und fliessen ineinander. Von unserem Ankerplatz aus sehen wir Schildkröten, die ihre Köpfe aus dem Wasser strecken. Riesige Rochen schwimmen unter dem Schiff durch. Kugelfische, Farbenfische – paradiesisch schön. Beim Schnorcheln sehen wir, dass die Korallen selber leider längst nicht so schön sind, wie ich sie von meiner Karibikreise vor 15 Jahren in Erinnerung habe. Ein Einheimischer sagt uns, dass dies ein normaler Rhythmus von Absterben und Neuaufbau ist, der sich ca. alle 15 Jahre abspielt. Auf Nachfrage finden wir doch noch ein Eckchen, wo man die Farbenfreude eines lebendigen Korallenriffs erahnen kann. Auf Land machen wir  einen Spaziergang. Am Wegrand sonnen sich Leguane, bewegungslos, fast unwirklich. Die Kinder klettern auf einen Baum mit roter Farbe am Stamm und grosser Hängeschaukel. Ein idealer Kletterbaum, sehr hoch. Einheimische rufen „come down!“ Der Baum ist giftig von der Blüte bis zum Stamm. Toja bekommt tatsächlich einen leichten Hautausschlag an einer Stelle am Oberarm, der aber nach wenigen Tagen verschwindet.

 

Wir werden bedient und umsorgt. Selbst an diesem unbewohnten Ort. Ein wunderbares Fischmenü wird am Abend mit bescheidenen küchentechnischen Mitteln gezaubert. Neal hat uns kurz nach unserer Ankunft gefragt, ob wir am Strand speisen wollen. Nicht ganz günstig aber mit wunderbarer Stimmung und sehr fein. Bei „Big Mama“ gibt es die Getränke. Neal bedient uns persönlich. Unseren Müll nehmen wir schön wieder mit an Bord. Die Insel hat keinen einzigen Mülleimer. Punkt 7:00 am andern Morgen bringt uns ein anderer netter Mann frisches Bananenbrot und Baguettes an das Schiff, von seiner Freundin in Clifton gebacken. Er nennt sich "Mr. Quality". Und ja: das Bananenbrot ist ausgezeichnet, die Baguettes sind es auch. Es sind sicherlich die teuersten Baguettes, die wir jemals hatten. Fein sind sie dennoch und der Kontakt mit den jungen freundlichen Männern, die mit viel Aufwand die Ware von der Nachbarinsel bringen, macht uns Spass.

 

Dann geht es wieder weiter gen Norden nach Martinique. 120 sm liegen vor uns. Wir freuen uns auf wieder einen längeren Schlag mit Nachtfahrt. Wind und Wetter sind wunderbar und wir können die Reise geniessen. Das Schiff zeigt sich am Wind - und zwischen den Inseln auch "an Welle" - einmal mehr als wirklich gutes Segelschiff. Wir sind ja am Wind fast nie gesegelt, ausser in der Ostsee und selten im Ärmelkanal. Jedenfalls nie richtig off shore mit grossen Wellen und kräftigen Böen bis Windstärke 7. Uns wird dabei eigentlich erstmals so richtig bewusst, wieviel wir inzwischen gelernt haben, was wir inzwischen wagen ohne Furcht. Windstärke 6 bis 7 am Wind und schräg gegen Welle bei Vollbesegelung erleben wir als Normalität. Noch vor 10 Monaten hätten wir dabei ziemlich gebibbert. Wenn wir zurückdenken an die ersten Fahrten in der Ostsee... Und so können wir inzwischen nachvollziehen, warum die Ostsee von Seglern, die weiter raus kamen, manchmal als "der Ostsee" bezeichnet wird - der aber notabene trotzdem nicht unterschätzt werden darf, auch wenn es dort nur selten 4 bis 6 m Welle gibt in Küstennähe. Bis auf Gabriel freuen wir uns am Dahinrauschen, er aber träumt einmal mehr von der Schweiz: diesmal scheinen auch die Scopodermpflaster nicht so recht zu wirken. Auch die Aussicht auf seinen baldigen Geburtstag lässt ihn nicht freundlicher dreinblicken. Erst als wir im Hafen liegen kommt die Befreiung für ihn - und er füllt die Kalorien nach, die er unterwegs "zurückgegeben" oder dann gar nicht erst zu sich genommen hatte.

 

 

Martinique 28.2.16 bis 12.3.16

 

Jetzt sind alle wieder da! Die Deiopeia  und die Sif sind in St. Anne vor Anker mit all den vielen Kindern und den netten Eltern. Doch jetzt steht erst mal Gabriels Geburtstag an mit Kuchen Backen, Geschenke Kaufen, Dekorieren, Ausflug Planen. Und Marc-Anton und Elias bereiten sich vor für die Reise in die Schweiz. Wir haben ein Auto gemietet, um Elias und Marc-Anton am Abend von Gabriels Geburtstag zum Flughafen zu bringen. Wir feiern am Morgen des 1. März den Geburtstag unseres Jüngsten zum 9. Mal und fahren dann auf seinen Wunsch in den botanischen Garten „Balata“, der auch Hängebrücken hoch oben in den Baumwipfeln hat. Dieser Garten ist wunderbar schön, wir beobachten Kolibris und geniessen die Farbenpracht und unglaubliche Pflanzenvielfalt. Dann haben wir noch Zeit und fahren nach Fort de France in den grossen Park am Meer mit den riesigen Königspalmen. Gabriel lässt sein neues Stofftier, einen Kolibri, in einem Palmenblatt schaukeln und klettert die Palme ein Stück hoch um sein Tierchen fliegen zu lassen. Dann gehen wir noch in die Bibliothek Schoelcher, das schönste Gebäude der sonst ästhetisch eher bescheidenen Stadt. Die Kinder lesen französische Comics und Gabriel lacht dabei schallend, zur grossen Freude der Bibliothekarin. Wir Eltern informieren uns über das Geschehen in Deutschland mittels einer politischen Zeitschrift für Franzosen, welche Deutsch lernen und gleichzeitig politisch informiert werden wollen. Bibliotheken sind einfach etwas Tolles, Ruhe und Zufriedenheit kehren ein. Wir lernen dabei auch etwas, was uns beschäftigt, seit wir in Martinique sind: Wer war Schoelcher? Dem Namen begegnet man überall. Wir ahnen, dass der Mensch wichtig war für die Insel, für Frankreich, aber auch deutschsprachige Wurzeln gehabt haben musste. Ein Informationsflyer und später eine Kurzrecherche im Internet bestätigen: Herr Schoelcher stammte aus dem bilinguen Elsass und war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der politische Initiant und Hauptverfasser des Gesetzes, welches zur Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien führte. Er war Gouverneur von Martinique, Abgeordneter im französischen Parlament und Philanthrop und schenkte der Stadt Fort de France seine Bibliothek und Kunstschätze, um sie öffentlich zugänglich zu machen und die Bildung der Einheimischen zu fördern. In dieser Bibliothek hatten wir also 2 Stunden verbracht.

 

Dann bringen wir Marc-Anton und Elias zum Flughafen, wie aufregend! Eine Woche ohne sie. Das ist wirklich ungewohnt.

 

Und zu Hause im Hafen treffen wir alle Freunde wieder. Die Kinder von der Deiopeia stehen auf einmal da und bleiben alle gleich bei uns für den Vormittag. Wir planen um – keine Schule, dafür Kinderzeit. Gabriel ist selig und spielt mit Felix intensiv. Dann sagen die Kinder, dass auch Sif im Hafen angekommen ist. Jetzt muss man schon zu planen beginnen, mit wem man sich wann trifft. Heute Deiopeia, morgen Sif. Es ist schön und intensiv mit unseren lieben "neuen alten" Freunden. Wir tauschen uns aus über Erlebtes und über neue Pläne. Die Kinder sind sich so vertraut, dass es sogar zu einer kleinen Streiterei kommt. Viele Wochen ohne Kinder und dann unerwartet viele – ein ganz schön intensives Wechselbad.

 

Derweil erleben Marc-Anton und Elias eine ebenso intensive, aber völlig andere Zeit in der Schweiz: Das Verwöhnprogramm bei Grossmama wird in vollen Zügen und mit grosser Dankbarkeit genossen. Gleichzeitig übt Elias noch ein Bisschen für die bevorstehende Prüfung. Kontrastprogramm! Wir staunen über die Perfektion in der Schweiz, die funktionierenden Strukturen, geniessen geräumige Duschen, WC's und Wohnräume, spielen auf dem wunderbaren Flügel Klavier und machen ausgedehnte Waldspaziergänge in der winterlichen kühlen Luft. Wir besuchen die Schulklasse von Elias und zeigen Fotos und erzählen von unsern Erlebnissen. Wir freuen uns, unseren lieben Freund Dani mit seinen Kindern zu sehen. Elias geht - nach vorherigem Gefühlswechselbad - motiviert und gelassen-konzentriert an die Prüfung. Mit gutem Gefühl kommt er beschwingten Schrittes aus der Prüfung heraus - das ist das Wichtigste, egal ob bestanden oder nicht. Trotzdem sind wir gespannt auf das Ergebnis, welches uns in etwa zwei Wochen auf irgendeinem Weg erreichen wird. Ein sehr schöner und berührender Besuch bei meiner Schwester und ihrer Familie runden die Schweizer Tage ab.

 

Wir fliegen zurück und bereiten zusammen alles vor für die Weiterreise. Jetzt wird es Richtung Norden gehen!