22.9. -7.10.2015: Zeit in und um Lissabon

 

22.-23.9.2015: Cascais – Gut mit Geld

Cascais ist ein netter, hübscher, sehr touristischer Ort. Es ist endlich warm. Strände mit weissem Sand und mosaikbesetzten Fussgängerwegen gefallen uns gut. Dennoch wollen wir weiter, nach Lissabon. Ich telefoniere täglich mit der Marina Doca de Alcantara. Kein Platz, alles überfüllt. Ich mache Druck („ich bin mir sicher, dass sie etwas machen können, wenn sie wollen, bei einem so grossen Hafen. Ausserdem schreiben wir über jeden Hafen...“). Marc-Anton macht dann auch Druck beim Bezahlen, da Cascais mehr verlangt als erwartet. Er schafft es irgendwie, dass wir nur eine Nacht bezahlen müssen. Wir legen ab nach Lissabon (siehe auch „Tag der 8 Manöver“ unter „Weltsicht Elias“).


24.-25.9.2015: Lissabon – Chill on the hill

Es ist ein erhabenes Gefühl, den Tejo-Fluss hoch zu fahren, vorbei an dem Torre de Belém, und dem Entdeckerdenkmal. Dann unter der grossen Brücke durch bis nach Lissabon. Die Stadt gefällt uns gut, von Anfang an. Im Hafen sind wir durch die hohe Hafenmauer sehr eingepfercht, aber wir sind in Lissabon. Mein Bruder kommt mit seinen 2 Kindern vorbei. Er macht viele Fotos. Kinder reden auf englisch, französisch und deutsch. Besonders die Mädels finden schnell zu einander. Zoé mit dunklen Haaren und Toja blond, Hand in Hand – ein schönes Bild. Stefan führt uns durch die Stadt, zeigt uns sein Stadtviertel, sein Lieblingsrestaurant. Wir sind ziemlich müde, es braucht immer mehrere Tage bis wir so richtig ankommen und uns für unsere Aussenwelt öffnen können. Überall sieht man Kneipen, Restaurants liebevoll mit Vintage-Charme dekoriert. Coole Musik tönt durch die Gassen. Wäsche hängt vor den Fenstern, Vögel in ihren Käfigen ebenfalls. Es ist warm, die Strassen sind steil. Wir schwitzen noch in der Nacht. Das ist Klasse...Endlich Sommer, wir haben ihn noch erwischt. Wird auch Zeit.

Dann Altstadtbummel in der Alfama am Folgetag. Engste Gässchen, Menschen sitzen auf der Strasse, sehr vertraut. Viele Touristen, überall wird Fado angepriesen und gespielt. Kinder meinen es kommt von „fade“, da kein Beat zu hören ist. Ich lese nach: Nein, es geht um das grosse Schicksal. „Fado“, ist nicht fade, auch wenn sich die Themen um Liebe und Leid ewig wiederholen. Kinder wollen auf keinen Fall in ein solches Konzert. Ich erwische einige Tage später noch eine Hörprobe auf einem nächtlichen Streifzug durch Lissabon mit meinem Bruder. Bin nicht zu traurig, dass es nur eine Hörprobe ist.


26.9. - 7.10.2015: Seixal – aus der Ruhe in die Entdeckung

Freunde von der SY SIF reservieren uns einen Platz in Seixal. Dies ist ein Mini-Hafen mit nur 3 Liegeplätzen ca. 5 sm gegenüber von Lissabon. Ein Schnellschiff verkehrt regelmässig zwischen Lissabon und Seixal, Anbindung also kein Problem. Da es dort sehr untief ist, hätten wir uns ohne die Kenntnis der Freunde und unseren in Paimpol gewonnenen Mut zu engen Fahrwassern nicht getraut, hierher zu kommen. Man muss bei Hochwasser einfahren und dann genau die Seetonnen beachten. Bei extremem Niedrigwasser sitzt man auf... Die Hafenmeisterin sagt mir, dass wir in 3 Tagen extremes Niedrigwasser und Hochwasser haben werden und sie extra eine Gefahrenmeldung bekommen habe, da das Wasser über das Ufer treten kann. Wir machen uns also auf ein Aufsitzen im Schlamm gefasst.

Einen Tag können wir unsere Freunde geniessen. Es werden Informationen ausgetauscht, Erlebnisse berichtet, Zöpfe geflochten und viele Topmodels gemalt. Marc-Anton kocht ein tolles Chili-Con-Carne und wir geniessen so richtig den Abend mit Sören, Christine und den 3 Mädchen. Die Winde waren gut und sie wollten am Folgetag aufbrechen – nach Medeira. Ciao und see you soon...

Dann kam das Aufsitzen – es passiert eigentlich gar nichts. Es schwankt einfach nicht mehr. Ist ein komisches Gefühl, nicht zu schwanken, wenn man ja sonst immer schwankt. Am ersten Tag verfolgten wir gespannt unsere Tiefenanzeige. Dann gewöhnten wir uns daran im sanftem Schlamm ein wenig zu versinken; auch ein Teil Normalität.

Die Kinder wollten gar nicht so recht in die grosse Stadt. Wir verbrachten viel Zeit in dem Kleinstädtchen, im Café, auf dem Markt, in den Museen. (Siehe auch: „Flamingos gesichtet“ unter Tojas Weltsicht)

Es gibt ein interessantes Korkmuseum in Seixal. Über 90 Jahre lang war es die grösste Korkverarbeitungsfabrik in Portugal (Mundet). Aus Südportugal wurde Kork geliefert und hier verarbeitet zu Weinkorken, Böden, Schuhsolen, Zigarettenfilter-Papieren (haben heute noch die Kork-Musterung) und vielem Anderen. Dann wurde der verarbeitete Kork auf traditionellen bunt bemalten Holzschiffen nach Lissabon gebracht (wir liegen neben so einem Holzschiff im Hafen; dieses ist für Ausflüge regelmässig in Gebrauch und heisst Amoroso!), von dort auf Containerschiffe geladen und in die ganze Welt verfrachtet. Auch nach Aarau und Zürich, wie sich aus einer Karte entnehmen lässt. Durch Misswirtschaft und politische Umwälzungen ging die Firma bankrott, ca. 1988. Seitdem verfällt die Anlage. In einer Halle wurde ein Museum aufgebaut. Wir sind die einzigen Besucher, das Museum ist dank der kommunistischen Stadtregierung gratis. Eine nette Frau führt uns durch die Räume und berichtet uns auf Englisch über die Geschichte. Elias versucht mit einem Taschenmesser von einer Korkeiche etwas abzuschneiden. Ganz schön zäh, ein kleines Stückchen kriegt er ab nach langem Schneiden.


Wir lernen einen Kellner kennen. Hugo arbeitet seit über 12 Jahren bei seinem Onkel in einem Restaurant. Wir kommen ins Gespräch und bieten ihm an mal bei uns auf dem Schiff vorbei zu kommen. Ich hätte nicht gedacht, dass er kommen würde – aber er kam. Er berichtet uns, dass er noch nie in einem anderen Land war und auch nur selten Seixal verlässt. Es gab mal eine Zeit, in der er kurzen Erfolg hatte im Computerhandel. Dort gab es Enttäuschungen und persönliche Probleme. Jetzt arbeitet er 6 Tage die Woche im Restaurant, verdient 650 Euro und bezahlt eine Miete von 300 Euro. Seine Kinder sind ihm das wichtigste, sie wohnen bei der Mutter. Wir bieten ihm an mit den Kindern zu uns aufs Schiff zu kommen. Und sie kommen. Wir fahren mit dem Dinghi zum Strand, baden und spielen. Die Kinder sprechen kein Englisch, das macht aber nichts. Wir haben gemeinsam Spass. Wir kommen Hugo noch einmal im Restaurant besuchen und er hat ein besonderes Mal vorbereiten lassen: Caldeirada, ein wunderbarer Fischeintopf. Es schmeckt wunderbar. Hugo versichert uns, wie besonders der Nachmittag mit den Kindern auf unserm Schiff für ihn war. Wir sind dankbar für die Begegnung und nehmen Hugo in unseren Gedanken auf die Reise mit.


Die Kinder haben wenig Lust auf die grosse Stadt. Ich schon. Ich treffe meinen Bruder und wir chillen am Flussufer in einer der schönen Bars. Dann – es ist nur ein Moment der Unachtsamkeit – wird seine Tasche geklaut. Ein Mensch im Liegestuhl neben uns stand auf und hat sie mitgenommen. Ein Mitbesucher hat es beobachtet, wir waren im Gespräch. Da mein Bruder als Fotograf arbeitet, war der Verlust der Tasche mit Kamera und Portemonnaie natürlich eine Katastrophe. Wir durchsuchten die Gegend nach einem jungen Mann mit schwarzem T-Shirt, gingen zur Polizei, die Tasche blieb weg. Jetzt gab es viel zu organisieren, Kontokarte, Versicherung und all solche Dinge. Wir wollten den Abend nicht so enden lassen. Gehen 2 Tage später noch mal los. Gutes Gespräch über Dinge, die 25 Jahre zurück liegen und nie besprochen wurden. Jetzt Nähe und Offenheit möglich, trotz oder vielleicht erst recht durch Trauer um verlorene Tasche.


Ich will unbedingt noch etwas von dem Entdeckerflair Portugals mitbekommen und möchte dies auch den Kindern aufbrummen. Ein Museumstag, das muss sein. Es windet wie verrückt, Südwind. Torre de Belem und das Entdeckerdenkmal sehen wir uns an (nur von aussen). Besonders schön ist das Weltkartenmosaik vor dem Denkmal, das die Kolonial-Besitztümer Portugals verdeutlicht über eine Zeit von knapp 100 Jahren (ca. 1430-1530). Dann machen wir einen Abstecher in das Museum der modernen Kunst (liegt so schön am Weg). Gabriel stöhnt und findet es grässlich. Toja will auch Kleckse malen und Elias ist fassungslos, dass man damit Geld verdienen kann. Ich bin etwas angestrengt von den zerrenden Kindern. Marc-Anton geniesst es. Moderne Kunst ist Seelennahrung!

Dann weiter, etwas Essen und wir sitzen schon vis à vis vom Museo de Marinha. Dort wollen jetzt auch die Jungs rein. Elias ist fasziniert von den gefühlt 2000 Schiffsmodellen, prunkvoll, schön, unendlich grosses Wissen. Dann lesen wir auch über die grossen Endecker: Bartolomeus Dias, Vasco da Gama, Magellan. Unvorstellbar, welche Strapazen diese Menschen auf sich genommen haben um ihre Ideen zu verfolgen - die Erde ist rund, es muss so sein und ich werde es beweisen. Und damals konnte man nur mit Wind von hinten segeln. Unglaubliche Umwege musste Vasco da Gama machen um mit dem Passatwind erst fast bis nach Brasilien zu segeln um dann um das Kap der Guten Hoffnung herum zu kommen auf dem Weg nach Kalkutta. Das Segeln, die Fachkenntnis der Navigation und des Schiffbaus machten Portugal zu einer riesigen Weltmacht.

In das Hieronimuskloster sind wir dann wirklich nur ganz kurz gegangen. Den manuelinischen Baustiel (nach Manuel ..) mussten wir einfach noch kurz sehen, wirklich nur kurz. Gabriel war schon an der Leidensgrenze. Die Klosterkirche ist eindrucksvoll. Verspielte filigrane Säulenverzierungen mit Seemotiven, exotischen Früchten, Tieren. Gleichzeitig strenge erhabene Grundarchitektur. Ich wäre gerne etwas länger geblieben.


In Lissabon wollen wir nicht länger bleiben. Ein Andermal gerne wieder. Wir warten auf den richtigen Wind um weiter nach Süden, nach Madeira zu segeln. Ausserdem haben wir uns nun doch bei der „Atlantic Odyssey“ angemeldet und diese geht am 18. November in Lanzarote los. Wir haben ein konkretes Ziel, am 11. November sollten wir auf Lanzarote sein. Dort erwarten uns viele Seglerfamilien und ein gründlicher Sicherheitscheck vor der grossen Überfahrt. Es fühlt sich gut an so ein konkretes Ziel vor Augen zu haben.... Wir kommen!