British Virgin Islands (BVIs), 23.4. bis 9.5.2016

 

Letzte Tage in der Karibik. Wehmut kaum, eher Lust auf Bewegung und neue Ziele. Gefühlt haben wir in den gut zwei Wochen jedes Inselchen der BVIs entdeckt, jede Traumbucht beankert und jede Stelle mit „fantastic snorkeling“ oder „excellent snorkeling“ (wir können es bald nicht mehr hören, bzw. das excellent snorkeling wird zum running gag) aufgesucht. Auch wenn wir endlich tatsächlich einige wirklich sehr schöne Schnorchelplätze finden.

 

Jetzt (8.5.) liegen wir an Dock in Cane Garden und tanken Wasser  – für die grosse Rück-Überfahrt Richtung Azoren. Das Wassertanken dauert ewig, da Paloma ein eher kleines Entlüftungssystem hat für die Dimension des Tanksystems. 2 bis3 Stunden dauert es, bis die Tanks wirklich voll sind und nicht nur die Anzeige „voll“ angibt, eigentlich aber nur ein Tank befüllt ist. Diesel tanken wir keinen mehr, nachdem wir eine ungute Überraschung mit leicht leckendem Tankdeckel nach skippermässiger Totalvollbefüllung (=Überfüllung?!) hatten nach Ankunft auf den BVIs. Diesel war aus dem Tankgocklochdeckel rausgesifft und in die Bilge getröpfelt, 2-3 Liter kamen über die Stunden der Nachtfahrt auf die BVIs zusammen. Und aus uns nicht ersichtlichen Gründen (doch doch, wir ahnen schon, wo es rausgeht, nämlich, wie es sich gehört, durch das Bilgepumpensystem) ist eine kleine Menge, wenige Centiliter, ins Meerwasser gekommen. Schon kleinste Mengen Benzin oder Öl verteilen sich regenbogenschimmernd auf der Wasseroberfläche und beruhigen die Wellen, so dass man annimmt, ein halber Öltanker sei havariert. Wir sind entsetzt und fühlen uns als miese Umweltverschmutzer!!! So was darf einfach nicht passieren... Wir schütten Spülmittel hinterher, um den Benzinteppich aufzulösen, doch der Wind treibt das Ölteppichlein weg. So veranstalten wir gleich nach Ankunft auf den BVIs am frühen Morgen, noch vor Kaffee und Müsli, eine Bilgen-Putz-Grossaktion bis alles wieder glänzt und trocken und das Schiff wieder kontinent ist. Der kleine Ölteppich entschwindet langsam am Horizont. Man sieht ihn erstaunlich lange, weil dort das Wellenbild ganz anders ist. Vorerst werden wir den Backbord-Tank nicht mehr so voll machen. In Europa soll dann der Deckel neu abgedichtet werden.

 

23.4. bis 26.4. Spanish Town, Virgin Gorda

 

Spanish Town auf Virgin Gorda ist unser erstes Ziel auf den BVIs, da Einklarierungshafen. Das Wetter ist trüb, es regnet. Das Städtchen besteht aus einem Hafen und einer Strasse. Wir wissen bei dieser trüben Wetterstimmung nicht so recht, was wir hier sollen.

 

„If you do only one thing, let it be the Bath“, schreibt Sören von der SIF. Wir machen uns daher auf den Weg in die Nachbarbucht, nicht mit dem Schiff sondern mit dem Taxi. The Bath besteht aus einer Bucht und einem Naturpark mit phantastischen Riesen-Granit-Kugeln (Boulders), die Grotten, Höhlen, Kletterlandschaften und Riesenbadewannen bilden. Wir phantasieren über den geologischen Ursprung. Muss wohl nicht vulkanisch sein, da Granit. Wahrscheinlich gehört die Inselgruppe zur gleichen Gesteinsformation wie Dominikanische Republik und Cuba. Massenhaft Segler kommen zu diesem Ort und pilgern den engen Küsten-Gesteins-Pfad entlang. Manch dicker Amerikaner bleibt gleich bei der ersten Felsenge stecken. Auf halbem Weg ist das Superpool. Eine wunderschöne Naturbadewanne, bedacht von Riesengranitblöcken. Wir nehmen ein Bad. Wandern weiter bis zur Devil`s Bay. Dort wunderbares Schnorcheln (excellent, wenn nicht fantastic!). Diesmal wirklich. Häufig waren wir bisher vom Schnorcheln eher enttäuscht, da 80% der Korallen weiss-grau, also leblos sind. Hier sehen wir feste und weiche Korallen – farbig, lebendig und viele Fische in allen Grössen. Eine wohlgenährte Hühnerbande gackert am Strand herum. Stürzen sich auf uns, als wir unser Mittagessen auspacken – Brote und gebratenes Gemüse. Sie bekommen nur wenige Krümel.

 

Ein anderes Hühnchen bekommt dafür von den Kindern umso mehr Aufmerksamkeit.: In einer Bar mit dominikanischem Flair und Musik entdecken die Kinder am Nachmittag ein allein gelassenes Mini-Küken. Es kam seinen Geschwistern wohl nicht nach. Toja kniet sich neben das Kleine, das Tierchen piepst vertrauensvoll und Toja piepst zurück. Das Kleine kommt in ihre Hand. Brot wird geordert. Das Küken gefüttert. Oh, wir müssen es unbedingt aufziehen, retten, mit auf das Schiff nehmen! Es braucht viel Überzeugungskraft, um ihr klar zu machen, dass dies nicht geht. Am nächsten Tag schauen wir noch mal nach dem Kleinen. Da hatte es die Glucke doch noch abgeholt – hoffentlich. Es war auf jeden Fall nicht mehr dort.

 

26.4. bis 28.4. Drake`s Bay Virgin Gorda

 

Wir fahren weiter. Bleiben vorerst auf Virgin Gorda und ankern in der Drake`s Bay. Wir sind fast alleine in der Bucht. Diesmal finden wir nicht den tollen Schnorchelplatz, obwohl wir direkt neben einem Korallenriff ankern. Wir sind ein wenig gelangweilt, gehen uns auf die Nerven, sind auf zu engem Raum. Sehnen uns nach Menschen, Freunden. Wollen weiter. Vielleicht treffen wir die SIF? Und richtig, da sind sie... 

 

28.4 bis 02.05 Jost van Dyke; Great Harbour und Little Harbour

 

Wir entdecken die SIF über unser AIS in einer Bucht bei Jost Van Dyke. Wir ändern unseren Kurs und ankern hinter der SIF. Freude, Austausch, Freunde! Sie wollen leider gleich schon weiter. Diese Bucht taugt auch nicht als Nachtankerplatz. Der Ankergrund ist schlecht. Alle Charterschiffe halten in dieser Bucht für wenige Stunden, es wird viel Alkohol konsumiert. Da es hier eine paradiesische Postkarteninsel mit Strand und Palmen gibt – ganz klein – wird rübergeschwommen. Und die Charterboote können wir Blauwasser-Segler ja nicht so ganz ernst nehmen. Sie machen all die Fehler, die man macht, wenn man wenig Übung hat (also die Fehler, welche wir zum Teil auch schon hinter uns haben), und wenn es nicht das eigenen Boot ist: Wenig Ankerkette rauslassen, kein sauberer Haltetest und hophop mit dem Dinghi und einem Sixpack Bier auf die Trauminsel rasen. Zwei amerikanische Pärchen hatten wir so beobachtet, sie ankern dicht, viel zu nah, an unserem Schiff. Marc-Anton hat ein komisches Gefühl. Und siehe da... Irgendwie kommt ihr Schiff näher, die Crew feiert gleichzeitig ab auf dem Inselchen. Naja, Schiffe schwanken immer mal beim Ankern aufeinander zu, um sich dann wieder zu entfernen, man nennt das schwojen. Jetzt ist es aber doch richtig nahe. Wir springen auf, das Schiff treibt tatsächlich auf uns zu. Rettungsaktion! Sören springt ins Dinghi, versucht das Schiff von unserem abzuhalten. Elias ruft vergeblich nach den Charterern. Ich hole einige Fender und Bootshaken raus zum Abhalten. Das Schiff treibt ca. einen halben Meter an unserem Schiff vorbei und weiter auf die Felswand zu. Noch ca. 100 Meter, dann wird es untief und dann kommen die Felsen. Die Charterer chillen auf ihrer Insel, sehen nichts, hören nichts. Wir hupen mit unserer Mega-Hupe einen Daueralarm. Mindestens 6 andere Dinghis kommen nun zu Hilfe. Auch Marc-Anton und Elias ziehen mit dem Dinghi los. Zusammen gelingt es dann: Einige Dinghis versuchen zuerst, das Schiff zu ziehen, gelingt aber nicht gegen den starken Wind. Dann steigen zwei Männer auf das Schiff, machen den Motor an – Sicherheit! Anker wird hoch gezogen, neuer Ankerplatz gesucht und mehr Kette gesteckt. Marc-Anton holt die Charterer von der Trauminsel. Sie wirken so entspannt, wie man angesichts so einer Situation nur sein kann, wenn man einen ordentlichen Joint intus hat oder einige Rum-Punches. Später, nachdem sie den Schock verdaut haben, kommen die Jungs und bedanken sich sehr herzlich. Sie hätten halt Stress gehabt, weil sie ihren Freundinnen soviel zeigen wollten...

 

Eine Nacht bleiben wir dann in „Little Harbour“, da in „Great Harbour“ keine Mooring mehr frei ist und der Ankerboden nicht hält (2 Versuche). Am nächsten Tag im „Great Harbour“ umsäuselt uns ständig ein süsslicher schwerer Geruch von Haschisch. Es ist eine Partybucht. Das Imperium von Foxy, einem inzwischen alten Musiker, der dort ein Restaurant, einen Kleiderladen mit eigener Marke und einen Bootsverleih aufgezogen hat. Die Parties sind unter Charterschiffen berühmt. Wir hören die Musik vom Ankerplatz aus, die Qualität scheint uns besser aus der Ferne.

 

Wir wollen uns bewegen, wandern gehen. Es regnet aber ziemlich viel und stark. Die Paloma erhält intensive Süsswasserduschen, bis sie glänzt und blitzt. Dann machen wir doch noch zwei Ausflüge. Steigen auf den steilen Hausberg mit Funkturm, knapp 500 Höhenmeter. Gehen auch zum „Bubble Bath“ bzw. wir fahren mit dem Taxi hin und wandern zurück. Das Bad ist ein „must see“. Wir erleben es leider sehr zahm, da wenig Wind und wenig Gezeitenbewegung herrschen. Eigentlich sollen die Atlantikwellen durch einen Felsspalt hindurch sprudeln und sich in einen kleinen Pool ergiessen. Unsere Wellen sind eben klein. Nass werden wir trotzdem, da starker Regen prasselt. Immerhin haben wir das Pool für uns ganz alleine. Wir laufen zurück – steile Berge hoch und runter. Der Taxifahrer hatte sich bei der Hinfahrt fast nicht getraut den einen Steilhang runter zu fahren bei nasser Strasse. Wir laufen, das tut gut. Ein Bagger hält und bietet uns Mitfahrt an. Wir wollen aber die Beine beschäftigen.

 

03.05. Soper`s Hole

 

Nächste Station ist Soper`s Hole. Dahin kommt auch die SIF. Vielleicht ist dies ein Hafen, von dem wir dann los segeln können über den Atlantik? Dann gefällt es uns doch nicht zum länger bleiben. Ausserdem geht die SIF sich noch ein paar andere Inseln anschauen. Der Familienrat beschliesst, auch noch 1 bis 2 Inselchen zu besuchen und Zeit mit der SIF zu verbringen. Die Kinder freuen sich sehr auf gemeinsame Spielstunden mit den Sifianer Girls. Und wir freuen uns auch auf gemütliche Chillstunden und schöne Gespräche mit Sören und Christina.

 

04.05 -06.05 Norman Island, Cooper Island

 

Ein Tag auf der Norman Island an der Mooring mit schönen aber sehr abgegrasten Schnorchelgründen. Norman Island inspirierte R.L. Stevenson zu seinem berühmten Roman „Die Schatzinsel“. Dann Cooper Island, erneut wirklich schönes Schnorcheln, 10 Riesenbaracudas lauern und wachen bewegungslos unter unserem Schiff. Nahe am Strand sind einige Felsbrocken und dort finden wir das ultimative Schnorchelparadies mit farbenprächtigen Korallenminiaturen, eigenwilligen Landschaften, in denen sich Fische tummeln. Farbenpracht, bewegt, immer neu, unendlich schön. Das erste Mal Korallenlandschaften, wie man sie aus Büchern, Filmen, Berichten kennt. Uns wird immer klarer: das Ökosystem der karibischen Unterwasserwelt scheint eindeutig aus den Fugen zu sein, denn so wie hier sollte es an vielen andern Orten in dieser Weltgegend auch sein.

 

Und nun: Hier starten wir mit ersten Vorbereitungsarbeiten für das Schiff. Wir haben eine Liste erstellt. Heute checken wir erstmal alle Beschläge und Leinen.

 

 

 

 

06.05 bis 09.05 Trelly`s Bay and Cane Garden

 

Jetzt umtingeln wir die BVIs doch noch fast ganz, warten auf den richtigen Platz, um uns auf die Abreise vorzubreiten. Selbst die Polizei wundert sich über unseren zyklischen Track – vielleicht. Wir werden auf jeden Fall angehalten, nachdem wir nur wenige Stunden in der Trelly`s Bay nahe am Flughafen geankert und gegessen haben. Dort gibt es ein Künstler-Resort. Sehr hübsch, aber dennoch nicht für uns zum Bleiben. Die Polizei will wissen, woher wir kommen, wohin wir gehen und will alle Passagiere sehen. Sie sind sehr nett, fragen nach der Schule der Kinder, nachdem sich die ganze Mannschaft an Deck gezeigt hat. Und verabschieden sich mit einem Kompliment für das schöne Schiff und einem herzlichen „Take care, guys and have a safe trip back!“.

 

Dann bleiben wir einige Tage in Cane Garden, einer sehr hübschen Bucht. Wir versuchen erst zu ankern. Der Anker hält nicht. Erneuter Versuch – wir ziehen eine grosse abgestorbene Koralle mit dem Anker hoch. Dann doch lieber Mooring. Ist entspannter für alle.

 

Wir füllen Wasser auf, machen viele Checks: Auf den Mast klettern, Genuafall und Grossfall prüfen, alle Wanten und Stagen prüfen, sämtliche Maschinen auf Ölstand, Kühlwasser, Getriebeöl, Dichtheit,. etc. prüfen, Batterien nachfüllen, Keilriemen nachspannen, Bilge blitzblank säubern, Liekstrecker am Vorsegel endlich mal fixieren, alle Seeventile durchbewegen, Dieselhandpumpe für den Tagestank besser befestigen und durchbewegen, die Handbilgepumpe mit einem längeren flexiblen Schlauch versehen, Satellitentelephon testen, Wettermonitoring bei Wetterwelt einleiten, Blöcke, Schienen, Spibaumglocken etc. schmieren, Hydrauliköl nachfüllen, Steuermechanik prüfen, Windpilot warten, Innenräume unter den Betten putzen, Einkaufen, Computerbackups, Ankerkasten und Heckgarage ausräumen und putzen, etcetc. Und es macht Spass, wir sind viel weniger nervös als auf den Kanaren!

 

Es geht also bald weiter – Morgen. Die SIF legt auch morgen ab, allerdings fahren sie über Bermuda, da sie ein kleines Schiff mit wenig Tankfüllung haben und nicht so lange Strecken fahren wollen. Wir lassen uns für den Abreisezeitpunkt und die Routenplanung von www.wetterwelt.de beraten. Heute sagen sie, dass es jetzt gut ist. Wow! Morgen soll's also losgehen Richtung Azoren.

 

Das Schiff ist gesäubert, Wäsche gewaschen in einer Laundery mit super grossen amerikanischen Waschmaschinen für 2 Dollar pro Wäsche (ach ja, wir sind hier zwar in England, die Währung ist aber Dollar. Alles klar?). Die Lebensmittel sind aufgefüllt. Jetzt müssen wir nur noch ausklarieren in einer anderen Bucht (noch mal Soper`s Hole) und dann geht es los. Wir freuen uns! Wir verbringen einen tollen karibischen "Abschlussabend" im Quito's, stossen an auf den bisherigen Teil der Reise und wünschen uns eine gute Rückreise. Tischnachbarn kommen zu uns, loben unsere Kinder, wie wohlerzogen und vital sie seien. Dann fragen sie, ob wir sie zurück zu ihrem Katamaran fahren könnten, ihr Dinghy sei defekt. Sie staunen, dass wir diesen Job noch so gerne unseren Kindern übergeben, welche ihn fachmännisch und hilfsbereit erledigen - und dafür 10 Dollar und eine Flasche Wein für die Skippereltern erhalten - toll!

 

Während der kurzen Fahrt nach Soper's Hole wird dieser Blogeintrag fertig geschrieben. Gleichzeitig bäckt Elias noch Brote. Gabriel und Toja steuern derweil das Schiff souverän bis zur Bucht. Und dort machen wir unser, so wie es aussieht, letztes Mooringmanöver in der neuen Welt, routiniert, zackig und fast ohne Worte. Die Kinder machen die Leinen komplett selbständig – viel gelernt!

 

Die Beamten der Ein-/Auswanderungsbehörde, bei denen wir Ausklarieren sind freundlich und wollen erst gar nicht glauben, dass unser nächstes Ziel die Azoren seien. Sie staunen, wünschen alles Gute für die Überfahrt - auch amtlich diesmal ein richtig schöner Abschied. Wir sind froh, haben wir die BVI's "mitgenommen!

 

Wir hoffen nun auf eine schöne, nicht zu regnerisch-stürmisch-graue Überfahrt zurück ins alte Europa – zuerst auf die Azoren, den wunderschönen Vorposten Portugals.