Die letzte Fahrt, 13. - 19.8. bzw. bis Ende September 2016

 

Von den Azoren bis Lagos, 13. - 19.8.2016

 

Fast alle stehen am Quai um kurz vor 10h, Samstag 13. August 2016, manche schon früher. Sie wollen uns verabschieden, unsere Freunde. Wir können uns nicht einfach so davon machen; wir setzten einen Termin, damit alle kommen können, die wollen. Die Aufregung steigt bei uns. Ein Manöver vor so vielen Augen.... Wir wollen es als eingespielte Familiencrew alleine machen, keine Hilfe annehmen, da sonst schnell Unvorhergesehenes passiert. Eindampfen in die Vorspring – Elias will diesmal die letzte Landleine lösen und dann schnell schnell aufs Schiff springen. So schnell war er dann aber doch nicht und das Schiff hat schon mindestens einen Meter Abstand zur Hafenmauer. Er könnte es in Ruhe wieder ran ziehen, aber so viel Ruhe ist jetzt nicht. Er springt... und schafft es gerade noch auf die Paloma. Ich halte den Atem an. Das war waghalsig und übermütig. Zim, sein Segellehrer, kratzt  sich am Kopf. Ich rufe ihm entschuldigend zu, dass Elias die letzte Leine unbedingt machen wollte. Eigentlich war das immer mein Job. Dann langes Winken... ein traurig-schöner Abschied von lieb gewonnenen Freunden. Gabriel steigt auf den Mast um seinem Freund Lenny länger zuwinken zu können. Wir biegen um die Hafenmauer, sind bald auf dem offenen Meer, Paloma schaukelt wieder. Einen Rochen sehen wir, ganz nahe, und einige Vögel. Ansonsten wird es immer blauer und blauer und Ponta Delgada wird immer kleiner.

 

 

  

Die Wetterprognose ist sehr zahm: schönes Wetter und wenig Wind. Dennoch legen wir los, es ist nicht absehbar, wann ein besseres Wetterfenster kommt. Paula hätte uns sehr gerne noch zu ihrer Party eingeladen, hat mich mit Tränen in den Augen verabschiedet. Wir wären auch wirklich gerne gekommen. Der Drang weiter zu reisen war aber letztlich grösser, nachdem wir einmal die Entscheidung getroffen hatten. Wir wissen, dass wir viel motoren werden. Ich finde es etwas schade, hätte mir ein letztes pures Segelerlebnis gewünscht. Marc-Anton ist nicht unfroh, kann den neuen Motor noch geniessen, unseren vollgetankten Diesel nutzen und sich halbwegs sicher sein, dass wenig Risiko besteht für erneute technische Sperenzchen bei zahmer Fahrt.

 

 

Die letzte Fahrt, es bleibt viel Zeit zum Nachdenken. Der Kopf zieht Bilanz – hat es sich gelohnt? Die ganze Reise-Anstrengung zieht noch mal an uns vorbei: Hausverkauf - Kauf der Paloma - ein Jahr improvisiertes Wohnen in Dürnten – zweiter Anlauf zur Reise – Kiel mit Kälte und Handwerkern – Abfahrt mit Hermann und Sandrine bis Brest – völlige Erschöpfung nach Biscaya-Überquerung – Beginn der „Atlantic Odyssey“ auf Lanzarote – Atlantiküberquerung – Reparaturen und neuer Propeller auf Martinique – Inselhüpfen in der Karibik – noch mal über den Atlantik mit grossen Wellen und Narben und Motorschaden – neuer Motor auf den Azoren und viele Freunde.... Wir liegen in den Nächten abwechslungsweise im Cockpit. Unendlicher Sternenhimmel, Sternschnuppen-Zeit. Unendliches Plankton-Geschimmere im Wasser. Ewigkeit oben und unten. Wir mit unserer „Nussschale“ irgendwo dazwischen, ganz klein. Ja, was lohnt sich schon im Leben? Die Reise hat Unmengen an Ressourcen verschlungen. Andere investieren Unmengen in Autos, Häuser, teure Hobbies. Wir haben zwar nicht den Ort gefunden, der ewig schön zum Bleiben einlädt. Aber wir haben es gemacht, wir haben einen Traum gelebt, haben etwas Grosses gewagt und uns aus der gemütlichen Alltagsroutine gelöst. Vieles haben wir losgelassen. Unsere Liebsten dafür noch enger gehalten. Als Familie sind wir auf "grosse Salafari“ gegangen, wie es so schön in der Geschichte „Die kleine Dame und der rote Prinz“ von Stefanie Taschinski heisst. Als Familie haben wir soviel Zeit, Nähe und Miteinander gelebt, wie es im Normalalltag gar nie möglich wäre. Darum doch - das alles hat sich gelohnt. Unsere Bilanz wird sich in den kommenden Wochen weiter positiv anreichern.

 

Die konkreten Erinnerungen werden mit der Zeit zwar verblassen. Was aber ganz sicher bleiben wird, ist die Erfahrung, dass es immer möglich ist, alles loslassen zu können, um sich auf etwas Neues einzulassen. Das wissen wir nun. Wir schätzen diese Gewissheit sehr. Uns ist bewusst, dass dies in unserer Welt nicht mehr ein selbstverständliches Wissen ist. In einer Welt, die dermassen ver- und gesichert ist, dass sie Veränderung zunehmend als Risiko, als Unmöglichkeit und nicht als Chance mehr sieht - und daran und an dem damit verbundenen schalen überorganisierten Wohlstand zunehmend krankt, weil er unflexibel, uninnovativ und lebensfeindlich machen kann. Wir wissen nun, dass es diese Chance zum Loslassen wirklich gibt. Und dass es gar nicht soviel Mut braucht, sie zu packen, wie viele meinten, die von unserem Plan hörten. Wie oft wurde uns mit vielsagendem, bewunderndem, manchmal leicht vorwurfsvollem, mitleidigem oder gar leicht hämisch-abschätzigem ("Dieser Selbsterfahrungstrip wird Euch einholen") oder auch schlicht ängstlichem Ton gesagt: "Ihr seid mutig!". Ja, es braucht etwas Mut, aber nicht soviel, wie man meint. Es ist letztlich nicht so schwer. Und es ist nicht so sehr der Mut, sich relativ unerfahren in die Wogen zu stürzen, den es braucht, sondern eher den, sich dem main stream, den Konventionen zu entziehen und das vermeintlich Unmögliche einfach zu tun. Es gab mal einen Fernsehspruch im samstäglichen Schweizer Fernsehen der 70er-Jahre, der von Erich Kästner stammt: "Es gibt  nichts Gutes - ausser man tut es!". Genau! Und die vielen möglichen vermeintlich faktischen Gegenargumente gegen ein solches Vorhaben (meine Karriere? mein Haus? meine Kinder? mein Besitz? meine Gesundheit?) sind sehr relativ - wirklich! Dass wir als Familie zu solchem gemeinsamem Abenteuer und intensivem Zusammenleben fähig sind, haben wir auch erleben dürfen. Wenn wir die Sterne über uns sehen und die unendlichen Meereswelten unter uns wissen, dann fühlen sich diese Gedanken ganz beruhigend an, ja sogar ein wenig erhaben.

 

Doch noch sind wir nicht angekommen, 850 sm (ca. 1600 km) müssen auch erst mal gesegelt werden (oder motort). Unsere Langfahrt-Routine stellt sich schnell wieder ein. Die Kinder lesen viel und basteln. Sie haben sich ein Bastelbuch herunter geladen („1-2-3-Fertig“) und basteln alles mögliche: Schiffchen aus leeren Shampoo-Flaschen, Kuscheltiere aus alten Socken und Püppchen aus Plastiklöffeln mit avantgardistischen Outfits. Elias bastelt eine Geburtstagsgirlande für Toja mit einem wunderschönen Schmetterling und vielen weiteren lustigen Dingen. Ich male ein Miniaturbild über Sao Miguel.

 

Da schau ... ein grosser felsartiger Rücken wälzt sich plötzlich gemächlich und riesenhaft aus den Wogen... noch einer. Das sind Wale! ...Blauwale, meint Gabriel. Die Kinder wollen hinterher fahren. Marc-Anton will lieber nicht zu nahe an die friedlichen Riesen heran. Kurzes Erlebnis... und schon wieder vorbei. Aber Wind kommt ein wenig. Wir können einige Stunden segeln, wie schön. Die letzten Blauwassertage fliessen dahin...

 

 

Vor Portugal müssen wir ein breites, stark befahrenes Fahrwasser kreuzen, das um das „Cabo da Sao Vicente“ führt. Eigentlich wäre jetzt wieder genügend Segel-Wind da, aber wir bleiben unter Motor, da man sich beim Durchqueren des Fahrwassers zwischen den Riesenfrachtern hindurch schlängeln und dabei agil bleiben muss. Auf dieser imaginären See-Autobahn herrscht viel Verkehr, man sieht es auf dem AIS (siehe Foto). In „Wirklichkeit“ sind die Abstände aber so gross, dass man selten mehr als zwei Frachter sieht. Wenn man sie aber sieht, sind sie dann auch sehr schnell da und haben im Fahrwasser natürlich auch Vorfahrt. Also lieber viel Abstand halten zu diesen stählernen Meeresmonstern. Im Bild sieht man uns (=schwarz-ausgefülltes Schiffssymbol quer fahrend zum Fahrwasser) und den Schwerverkehr (=alle nicht-ausgefüllten Dreiecke). Die Linien (bei uns ausgezogen, bei den andern gestrichelt) zeigen Kurs und Fahrt, extrapoliert auf eine Stunde Fahrzeit. Man sieht, dass wir langsamer fahren (kürzere Linie) und queren. In wenigen Minuten werden wir, sobald wir das rosarote Zwischenband erreichen, welches in Realität etwa 1 km breit ist, die Fahrt ganz wegnehmen für etwa 10 Minuten, um eine Lücke abzuwarten für die Querung des nächsten Fahrwasserstreifens.

 

 

 

Am Kap kreuzen wir unsere Reiseroute, hier waren wir schon mal im Oktober 2015. Der Kreis schliesst sich. Die Fischerboote, die vielzählig vor der Küste ihre Kreise ziehen und Netz-Bojen setzen, kennen wir auch schon. Wir sind froh, dass Tageslicht kommt. Wir segeln die letzten sm bis Lagos mit genügend Wind und fast keinen Wellen. So macht das Segeln noch mal richtig Spass. Die spektakulären Felsformationen der Algarve ziehen an uns vorbei. Dann erreichen wir Lagos, legen am Besucher-Ponton im Hafenkanal vor der Brücke an. Es ist Freitag 19. August 2016, mittags. Das Logbuch zeigt fast haargenau 10'000 Seemeilen (etwas darüber) an, die wir als Familie geleistet haben. das sind etwa 18'700 km, also etwa eine halbe Weltumsegelung. Ein letztes mal Einklarieren. Hier auf dem Festland ist alles einfacher. Die Dame am Schalter dieser teuren Prunk-Marina (wir zahlen einen Liegeplatzrekord von fast 90 Euro pro Nacht!) nimmt uns sogar das lästige Einschreiben der Passnummern und Versicherungsnummern ab. Das ist flott. Unser Platz ist im Innenhafen, eingepfercht zwischen Motorjachten und mehrstöckigen Ferienhäusern. Es fühlt sich eng an nach so viel Meeresweite. Unsere letzte Marina – eine Woche wollen wir hier bleiben und dann die Paloma an Land setzen bei Sopromar, der Werft nebenan.

 

 

Lagos, Zürich, Lissabon und der grosse Abschied von der Paloma, 20.8. - Ende September 2016

 

Mit dem Bewusstsein des „letzten Mals“ nähern wir uns diesem Ort. Der nette holländische Skipper auf der Motorjacht nebenan gibt uns Tipps. Den lokalen Gemüsemarkt, der nur am Samstag stattfindet, werden wir gleich besuchen. Dann Schiff aufräumen und Ausflug in die Stadt. Man spricht hier englisch und deutsch. Nicht nur die Touristen, sondern auch viele Ladenbesitzer, die hier ihre sonnige Bleibe gefunden haben. Wir machen ein paar Ausflüge, wandern an der Küste von Strand zu Strand. Feigenbäume sind reif, Gabriel entdeckt sie. Er gibt sich den Namen „Feigen-Auge“. Alle Sonnenhüte werden mit Feigen gefüllt, eine stolze Ernte. Am 26.8. hat Toja Geburtstag. Wir machen einen Ausflug, Wandern von Luz nach Lagos an der Steilküste entlang, verbringen Zeit am Strand. Abends will Toja in den Ausgang. Die Jungs sind schlapp, haben sich im Wellen-Spiel verausgabt. Die Ladies ziehen also alleine los, natürlich gestylt. Toja entdeckt in einem Schuhladen türkise Boots mit Schaft aus geblümten Netzmustern - richtig cool. Sie ist froh, dass sie inzwischen Schuhgrösse 36 hat und nicht mehr langweilige Kinderschuhe tragen muss. Das grosse Reich der Damen-Schuh-Mode eröffnet sich! Dann kommen wir in einen kleinen Laden, wo eine Frau gerade mit Freunden eine Geburtstagstorte anschneidet. Zufällig hat Anna, eine wunderschöne 55jährige Dame, heute auch Geburtstag. Die Freude über Tojas gleichzeitigen Geburtstag ist riesengross. Sie wird geherzt, besungen und darf viele Tortenstücke essen. Wieder eine tolle Begegnung für unser „Reise-Schatzkästchen“.

 

Dann geht alles ganz schnell. Nur 5 Tage in Lagos und alles ist organisiert: Treffen mit Hugo von der Werft Sopromar. Treffen mit Ricardo von Soproyacht, der den Verkauf der Paloma abwickeln soll. Er ist sehr zuversichtlich, dass sie sich gut verkaufen lässt, da wunderschön, in gutem Zustand und mit fast neuem Rigg, neuem Motor und noch sehr gutem Teak-Deck. Er ist unser Mann! Telefonat mit dem Autohändler in der Schweiz, der uns einen gebrauchten Mercedes-Bus verkaufen wird, geprüft, getestet und für gut befunden durch die Grossmama. Und Kontakt zu Christine und John, bei denen wir im B&B wohnen werden, währenddem Paloma verkaufsfrisch gemacht wird.

 

Christine und John hatte Toja eigentlich schon an unserem ersten Tag in Lagos entdeckt. Sie führen einen kleinen englischen second hand bookshop, sind sehr aufgeschlossen und gesprächsfreudig. Sie erzählen von ihrem Sohn, der Profisegler ist, und von der 28-jährigen Tochter, die vor einem halben Jahr einen schweren Schlaganfall erlitten hat wegen eines Aneurysmas im Hirn. Wir kaufen einige kleine englische Bücher mit vereinfachter Sprache (zB. Phantom of the Opera und Moby Dick). Die Kinder fangen an, englische Bücher zu lesen, erst Toja, dann auch Elias. Marc-Anton und ich greifen auch zu englischen Büchern, als wir dann im B&B mit Pool wohnen.

 

Wir ziehen wieder eine Art Bilanz über unsere Reise: wir haben viele sehr spannende liebe Menschen kennengelernt, Landleute und Seeleute. Freundschaften gefunden. Gelernt, innert kurzer Zeit und spontan tragfähige Beziehungen zu entwickeln. Und wir alle, aber besonders auch die Kinder, haben dabei eine unglaubliche Kontaktfähigkeit entwickelt - und dabei auch ein sehr feines Gespür für Menschen. Unsere Sprachgewandtheit in Englisch und Französisch ist stark gewachsen. Bei den Kindern ist sie in den eineinhalb Jahren vor allem im Englischen so weit gediehen, dass alle drei fliessende Gespräche führen können. Elias und Toja lesen sogar englische Bücher - und Gabriel versteht sie, wenn sie ihm vorgelesen werden. Das ist weit über dem üblichen Primärschulniveau. Wir sind uns alle einig: diese Sprachkompetenz wollen wir wenn irgend möglich weiter pflegen. Zudem wurden unsere Kinder deutlich selbständiger, selbstsicherer und kreativer.

  

 

Sopromar

 

Paloma liegt im Trockenen. Marc-Anton hat ein makelloses letztes Motormanöver hingelegt: rückwärts zwischen die engen rauhen Betonmauern des Kranpontons - ohne Kratzer. Wir sind froh und stolz, dass wir das Schiff bei Manövern nie beschädigt haben (ausser einmal vor einem Jahr in Lissabon beim Tanken gab es einen Kratzer, weil uns das auch dort tankende Polizeiboot verunsichert hatte). Nach dem letzten Wassermanöver übernahmen die Sopromar-Werftarbeiter unter der Leitung von Hugo: sehr sorgfältig haben sie unsere Paloma an Land gebracht, abgespritzt und platziert. Die letzte Phase auf der Paloma hat begonnen. „Wir dürfen Paloma nicht alleine lassen“, sagt Toja immer wieder. „Wir wollen so schnell wie möglich in die Schweiz“, sagen Elias und Gabriel. Und wir Eltern, wir wollen die Arbeit zu Ende bringen, unsere Paloma so schön und ordentlich wie möglich herrichten, damit sie in gute Hände kommen kann.

 

Elias kommt dann auch schnell ein erstes Mal  wieder in die Schweiz: er fliegt mit Marc-Anton nach Zürich um unser "neues" Auto zu holen. Ich will mit Toja und Gabriel noch ein paar Tage nach Lissabon fahren, um meinen Bruder zu besuchen. Doch erst ist Gabriel fiebrig krank und dann Toja, so müssen wir die Abreise jeweils um einen Tag und dann noch einen verschieben. Schon interessant: 17 Monate lang auf See keine viralen Erkrankungen und kaum dauerhaft auf europäischem Boden, schlagen die ersten Erkältungsviren zu. Dann klappt es aber doch. Mein Bruder Stefan, den wir ja vor knapp einem Jahr schon mal besucht hatten, hat inzwischen eine richtig hübsche Wohnung in Lissabon mit Azulejos an der Hausfassade und Blick über die Dächer von Lissabon und auf die grosse Brücke über den Tejo. Toja will das Marionettentheater besuchen. Sie macht Zeichenskizzen von den Figuren und den Kleidern - neue Ideen für ihre Löffel-Püppchen entstehen. Wir treffen uns mit den Kindern von Stefan, holen sie von der bewachten französischen Schule ab. Mit Zoé und Leo Max gehen wir in einen Park, indem gerade begehbare Klang-Installationen ausgestellt sind. Toja und Zoé haben daran Freude. Gabriel ist selig, mit Leo kämpfen zu können mit langen Bambus-Stecken.

 

Marc-Anton und Elias holen uns mit dem neuen Auto in Lissabon ab. Sie waren über 3 Tage von Zürich nach Lissabon gefahren. Mit einer Zwischenstation in einem alten abgelegenen Bauernhof im französischen Limousin und einer Übernachtung in einem unterkühlten Businesshotel im spanischen Salamanca.

 

Das neue Auto ist 8 Jahre alt, wunderschön und atlantikblau! Es ist ein praktischer Familienvan, ein Mercedes Vito. Nur leider hat es hinten keine Fensterscheibe zum Öffnen, das finden die Kinder gar nicht lustig. Unser Ziel ist, unseren Hausrat oder besser "Schiffsrat" soweit zu reduzieren, dass möglichst alles im Auto Platz hat und wenn möglich nur ganz wenig oder nichts dagelassen werden muss. Das Konzept dafür heisst "Hüüfeli-Plan" (Hüüfeli = Häufchen):

 

Hüüfeli 1: kommt mit, muss also im Auto Platz haben

Hüüfeli 2: bleibt auf dem Schiff für die nächsten Besitzer, im Bootsjargon unsere Nacheigner

Hüüfeli 3: wird weggegeben oder liquidiert

Hüüfeli 4: kommt zu Margrit und Hansueli nach Faro in ein Zwischenlager in einem ehemaligen Hirtenhäuschen (Danke Margrit und Hansueli für das liebe Angebot dafür!)

 

Vorweg: wir werden es schaffen, gar kein Hüüfeli 4 entstehen zu lassen!

 

Trotzdem machen wir mit grosser Freude einen Ausflug zu Margrit und Hansueli nach Faro. Die beiden haben uns, wie viele andere, die letzten 17 Monate regelmässig und anteilnehmend verfolgt und begleitet und uns immer wieder geschrieben. Wir geniessen eine tolle Bewirtung, einen erfrischenden Swimmingpool und einen angenehmen Abend mit den beiden und ihren Freunden.

 

Zurück auf der Werft wartet dann viel und harte Arbeit auf uns. Wir hatten ja schon einige Tage am Schiff geschafft, ausgeräumt und Chromstahl poliert. Doch jetzt geht es richtig in die Endphase. Das Chromstahl-Polieren ist eine Riesenarbeit. Mir tun meine Schultern nach 3 Tagen so weh, dass ich nur noch mit Schmerztabletten weiterarbeiten kann. Insgesamt poliere ich 5 Tage, Elias hilft auch mit. Dabei geht es nicht nur um Kosmetik und verkaufsfördernden Glanz, sondern um Substanzerhalt und Schutz vor Korrosion. 17 Monate Salzwasser hinterlassen auch auf bestem Edelchromstahl oberflächliche Rostspuren, die weg müssen, damit das Material langfristig gut bleibt. Am Schluss ist alles so schön, wie seit der Erstwasserung vor 23 Jahren wohl noch nie. Marc-Anton ist derweil mit den Innenräumen beschäftigt, räumt aus, macht kleinere Reparaturen. Auch die defekte Backofenverglasung wird ersetzt.

 

Dann kommt das Deck dran. Mit „Teak-Wonder“ machen wir uns an mehreren Tagen in den frühen Morgenstunden ans Werk. Stück für Stück reinigen wir das Deck und überspülen alles mit viel, viel Wasser. Dann wird alles noch einmal mit einer zweiten Substanz Stück für Stück bearbeitet, die die Teak-Farbe wieder zum Leuchten bringt. Drei Tage Schruppen auf Knien. Die Arme schmerzen, ich kann sie nicht mehr über die Horizontale anheben. Mit Elias' und Marc-Antons Mitarbeit geht es flott voran. Das Teak sieht wieder toll aus, wie neu. Sehr befriedigende Arbeit.

 

Paloma erstrahlt in voller Pracht - wirklich ein Traumschiff!

 

Jetzt sind wir froh um unser B&B, das 8 km im Inland liegt. Wir haben dort einen grossen Pool, einen Garten, lustige Hunde (die eine Hündin namens Gin liebt es, mit einem im Pool um die Wette zu schwimmen, wobei sie einen mit schwadernden Pfotenkrallen ständig kratzt und mit der Schnauze anstupst), können Wäsche waschen, grillieren, Bücher lesen und englische Filme schauen. In dieser Abschlussphase tut es gut, ein wenig Distanz aufbauen zu können, den Abschied von der Paloma schon ein wenig zu üben. Gabriel freundet sich mit dem Schreiner auf dem Werftgelände an. Er heisst Damash, hat zwei Töchter und einen Sohn. Später, bei einem Bier, erfahren wir, dass er Buddhist ist und auch vegetarisch lebt. Gabriel darf kleine Arbeiten bei ihm machen. Erst macht er einen Holzhammer (sehr gut zum Nüsse hacken), dann ein Auto (Zitat Damash: „the car is wood, the wheels are wood, the engine is wood, but it would not go“). Dann schreinern Toja und Gabriel eine Holztafel mit Paloma-Aufschrift und Tauben-Verzierung. Als Überraschung für uns und für Paloma zum Abschied. Wir machen Abschlussarbeiten. Marc-Anton übersetzt die deutsche Beschriftung des Elektro-Panels und alle andern technischen Beschriftungen ins Englische. Ich putze, putze und poliere. Das Schiff hat gefühlt zweimal mehr und viel komplexere Innenräume als die grösste 10-Zimmervilla. Die Kinder helfen teilweise mit, putzen das Leder-Sofa und die Kleiderschränke. Möbelpolitur verleiht sogar den Innenräumen neuen Glanz und eine edle angenehme Duftnote. Auch hier geht's nicht nur um Kosmetik, sondern auch um Schutz vor Staub und vor allem darum, künftige Probleme auf sauberem Untergrund rasch und sicher erkennen zu können. Wie gerne hätten wir es so gehabt, als wir das Schiff übernahmen. Wir wollen künftigen Eignern das Leben einfacher machen, als wir es hatten. Damit geht es uns auch um ein gutes Gewissen und einen ehrlichen Verkauf. Wir möchten künftigen Besitzern soweit wir können, helfen, dieses wunderbare Schiff sich gut aneignen und angenehm damit losfahren zu können.

 

Dann kommt die zweitletzte Übung: Unsere Ware so zu reduzieren, dass alles ins Auto passt. Dafür gehen wir mehrstufig vor. Jede Tasche wird noch Mal und noch Mal aussortiert. Ziel ist ein Drittel bis die Hälfte der Sachen zu reduzieren, also in die Tonne zu kloppen oder weg zu geben. Schade um vieles. Es ist aber auch sehr befreiend. Ich schmeisse ganze zwei Kleidersäcke in die Kleidersammlung. Wie kann man nur so viele Kleider haben? Mir kommt der Spruch eines Freundes in den Sinn: „Konsumierst du noch oder lebst du schon?“ (Danke Phillipp!). Ich schäme mich für meinen Kleider-Konsum, will es künftig besser machen. Wiederholt stellen wir fest: Wir haben zu viel Materielles – immer noch! Loslassen auch hier. Wenn man einmal anfängt, sich von Dingen zu trennen, geht es immer besser und wird zunehmend zu einem sehr erleichternden Akt. Wir haben uns doch vorgenommen, künftig mit leichterem Gepäck durch das Leben zu gehen und die Ressourcen anders zu nutzen. Also, weg mit irdischem Plunder, wie unser lieber Hausfreund Dani immer wieder sagt und motivierend schreibt. Es tut gut! Zuletzt gibt es tatsächlich kein Hüüfeli 4!

 

Das Beladen des Autos kann losgehen: Marc-Anton steht vor unserem Locker Nr. 3, einer Art abschliessbarem Lagerhäuschen auf der Werft, in das wir alle verbleibenden Dinge verbringen konnten (=Hüüfeli 1). Er schätzt, dass das, was noch da ist, gaaaanz knapp ins Auto passen könnte. Er ist der erfahrene Packmeister und vollbringt ein wahres Kunststück. Mit optimalem Platz-Ausnutzen, Druck und schliesslich Würg passt alles rein in unseren Vito – ausser das Standup-Paddle. Dieses bleibt im Ankerkasten der Paloma und soll entweder später geholt, falls wir Bedarf verspüren in der Schweiz, oder den Nacheignern überlassen werden. Jetzt die Heckklappe des Autos zu und bloss nicht mehr öffnen! So, jetzt, Rösslein hü...

 

Abschied

 

Noch etwas Geduld, die allerletzte Übung wartet noch. Paloma wird zugedeckt mit ihrer Persenning, einer grossen, massgeschneiderten Plane. Alles ganz langsam. Dann nehmen wir uns Zeit für ein Abschiedsritual. Jeder verabschiedet sich von der Paloma mit ein paar Worten des Dankes und ein paar Wünschen und hinterlässt etwas ganz Kleines auf dem Schiff. Marc-Anton hinterlässt einen Schweizer Qualitäts-Kugelschreiber und einen Franken, auf dass Paloma weiterhin hochwertige Pflege i.S. Schweizer Qualität bekommt und sich gut verkaufen lässt. Ich hinterlasse ein Herz aus Zedernholz und wünsche der Paloma, dass sie Menschen zusammen bringt und liebevolle Begegnungen ermöglicht. Elias hinterlässt einen selbst-gefertigten Soft-Schäkel (hält 1,5 Tonnen!) und wünscht der Paloma anregende Abenteuer. Toja hat aus einer Erdnuss ein oranges Kolibri-Vögelchen gebastelt mit Flügeln aus Stoff, sehr herzig. Dieses schenkt sie Paloma, da Paloma immer die schönste in allen Häfen war. Toja stehen Tränen in den Augen und erst dadurch öffnet sich das Tor zu unserer Abschiedstrauer - alle beginnen zu weinen und umarmen sich. Gabi schenkt eine bunte Papageien-Feder – will sie zwischen die Kabel-Innereien verstecken, das findet aber Marc-Anton nicht so gut. So steckt er sie ans Fenster und wünscht Paloma, dass sie weiter so schön in den Wellen schaukelt. Jetzt schluchzen definitiv alle. Nur Gabriel versteht trotz Geheule nicht ganz warum, geht es doch bald in die geliebte Schweiz zurück. Es ist ein schöner Augenblick. Dann lassen wir unsere guten Gedanken bei Paloma, verschliessen die Persenning - und gehen Eis essen!

 

Denn wir haben etwas Weiteres ja mehrfach gelernt, das ebenfalls und ganz wichtig zu unserer positiven Reisebilanz dazuzählt: Loslassen können, dabei Abschiedsschmerz und Verunsicherung im Weggehen zulassen und ausleben - und dabei traurig und doch frohgemut zugleich weiter zu gehen!

 

Noch einen Tag sind wir im B&B und es gibt immer NOCH etwas zu erledigen. Wir müssen unbedingt Guida besuchen. Sie hat einen Strickladen in der Stadt. Die Kinder hatten sich für dicke Wolle begeistert und wollten unbedingt einen Schal stricken. Inzwischen sind an den Abenden schon zwei Röhrenschals entstanden, alle drei Kinder stricken wie gewiefte Omas. Guida hatte Toja angeboten, dass sie ihr am Schluss ein besonderes Muster rein zaubert. Also müssen wir da unbedingt noch mal hin, die Schals sind inzwischen gestrickt. Sie zaubert verlorene Maschen in den Schal von Toja. Wir kommen ins Gespräch. Ihr Mann ist vor 5 Monaten an Krebs gestorben. Es ist nicht leicht für sie, nach 30 Ehejahren Abschied zu nehmen und neuen Halt zu finden. Über die Kinder freut sie sich. Eine letzte Begegnung, die wir in unsere „Reise-Schatzkiste“ mitnehmen - und zusätzlich zwei warme Schals.

 

 

Heimreise mit Vito

 

Zeit wollen wir uns für die Heimreise lassen, so viel Zeit, wie wir brauchen, damit die Seele nachkommt. Orte wollen wir kennen lernen, die auf dem Weg liegen.

 

Unser Vito macht sich gut. Vollbeladen und doch rassig fahren wir nach Spanien rein. Dabei hören wir die Musik, die sich auf der Reise angesammelt hat. Erster Stop ist Sevilla, nur 3,5 h von Lagos entfernt. Das Landschaftsbild ändert sich ab Spanien komplett. Riesen-Anbauflächen für Olivenbäume – gigantisch – kilometerlang. Jetzt wissen wir endlich und können uns vorstellen, aus was für Gegenden und Plantagen die tausenden von Tonnen Olivenöl herkommen, die wir in den Supermärkten Europas überall finden. Dann Weinbau – Reben schachbrettartig angelegt, soweit das Auge reicht - spanischer Wein. Dann mit Plastik abgedeckte Gemüseplantagen - Paprika, Tomaten, etc. Von einem Hügel geht es abwärts, eine Stadt taucht unversehens auf, an einem Fluss gelegen. Sevilla!

 

In Sevilla wohnen wir in einem kleinen Gästehaus namens „Nuevo Suizo“ (wie passend!), zentral gelegen mit maurischem Baustil. Wir wagen uns mit dem Auto bis tief in die Innenstadt vor, fast bis vor die Hotelpforte. Wir gehen nach dem Einchecken in Richtung Kathedrale, durch die Fussgängerzone ins touristische Zentrum. Vor der Kathedrale ist eine lange Warteschlange. Anstehen mögen wir nicht und eigentlich hat auch niemand so recht Lust auf eine Kirche. Der Pferdekutscher spricht uns an. Die Pferde sind schön. Wir machen eine Stadttour per Kutsche. Es dauert keine 10 Minuten bis Gabriel mit dem Kutscher vorne auf dem Bock sitzt. Dann Altstadtbummel und suche nach einem Restaurant, das auch was Vegetarisches bietet – gar nicht so einfach.

 

Zurück im Gästehaus ruhen die Eltern sich aus, während erst Toja, dann Gabriel und schlussendlich auch Elias mit der Rezeptionistin plaudern. Die Fähigkeit, auf Erwachsene zuzugehen, ein Gespräch zu beginnen, sich zu interessieren, Fragen zu stellen, haben alle Kinder auf der Reise entwickelt. Bei Toja ist diese Fähigkeit zu einer echten Blüte gewachsen. Es braucht nur einen kleinen Raum, ein Lächeln und schon entsteht eine Begegnung. Ein paar offene Fragen, ein Kompliment – und Herzen öffnen sich. Die Stierkampfarena wollen wir besichtigen am zweiten Tag. Sie liegt mitten in der Stadt, ist Schauplatz für die Oper „Carmen“. Wir lernen die interessante Geschichte des spanischen Stierkampfes, seine Hintergründe, die militärgeschichtliche Bedeutung und die heutige Art der Corrida kennen - und revidieren dabei einige Vorurteile, zumindest was die in Sevilla gelebte Form betrifft. Wir hören in der menschenleeren Arena förmlich die temperamentvollen Arien der Oper Carmen vor der Arenamauer und das Tosen der Menge in der Arena, spüren den Schweiss des Tieres, sein Stampfen und die Anspannung des Toreros im Kampfdialog mit dem dampfenden Bullen, obwohl im Rahmen unserer Führung natürlich kein Kampf stattfindet, kein ungeduldiger Bulle hinter der grossen Holzpforte wartet und die Ränge der wunderschönen Arena leer sind und im unschuldigen Morgenlicht blitzen.

 

 

Dann verlassen wir die Arena und stehen schon wieder vor dieser ... Kathedrale. Eigentlich hatten wir beschlossen, nicht rein zu gehen. Irgendwie können wir es aber nicht lassen. Unerwartet kurz ist gerade die Warte-Schlange. Sollen wir nicht doch...jetzt? Mit meinen Eltern haben wir früher immer solche Bauten angesehen. Ich fühle mich fast etwas verpflichtet, unseren Kindern dieses Kulturerbe näher zu bringen. Und immerhin handelt es sich hier um die Kathedrale von Sevilla, die drittgrösste Kathedrale der Welt. Und die Kinder haben noch nie eine echte Kathedrale gesehen. Wir gehen also rein! Das Warten in der Schlange bringt eine unerwartete Vorfreude. Die Innenräume sind bombastisch kunstvoll verziert. Alles riesig mit vielen Nebenräumen, fast zum Verlaufen. Die Gebeine von Columbus liegen hier. Grosser Orangerie-Innenhof mit Wasserkanälen, maurisches Erbe. Wir sind froh, haben wir diese Kathedrale besucht.

 

Jetzt fehlt nur noch Flamenco. Toja hat Lust und ich auch. Die Jungs mässig. Marc-Anton hat als Student alle möglichen Tanzarten gelernt, auch Flamenco, und hat daran keine berauschenden Erinnerungen, es war ihm zuwenig lebensfroh. Wir buchen trotzdem eine Show im Kulturzentrum mit traditionellem Flamenco. Der Tanz und der Gesang und die Gitarrenbegleitung sind sehr kunstfertig und authentisch, auch eindrücklich. So richtig begeistert sind wir aber alle doch nicht: sehr harte Bewegungen, viel dramatischer leidender Schreigesang, melancholisch oder aggressiv-traurig, alles Moll, leidenschaftlich verzerrte Gesichter. Trotzdem eine spannende Erfahrung. Mit dem jungen Gitarrenspieler im Restaurant entsteht dann aber wieder eine kleine schöne Begegnung. Er kommt aus England und studiert in Sevilla Musik. Seine Flamenco-Klänge sind zurückhaltender, zarter. Sie können wir geniessen.

 

Nächstes Ziel ist Barcelona, es liegt noch 1000 km vor uns – zu weit für einen "Schlag". Wir halten in Benicassim, an der Mittelmeer-Küste, ca. 300 km vor Barcelona. Kurzer Stop mit Stadtbesichtigung. Gabriel hat so viel Bewegungsdrang, springt auf jeden Baum. Ein Polizist hält und verbietet ihm das Baumspringen – zu gefährlich. Unverständlich für einen gestandenen Blauwasser-Leichtmatrosen und versierten Baumkletterer, aber das kann der Polizist ja nicht wissen.

 

Barcelona – Barcelona, wir kommen! Schon immer wollten wir mal nach Barcelona. Diesmal haben wir ein B&B gebucht, organisiert via „airbnb“. Ich habe mich sicherlich eine Stunde durchgekämpft, bis die online Registrierung überstanden war. Eigentlich ist es eine tolle Sache, bei Leuten in einer fremden Stadt zu Hause zu wohnen. Wir haben eine schöne, grosszügige Wohnung ganz für uns, die nur zu diesem Zweck verwendet wird. Ich denke immer wieder: „Eigentlich müsste hier eine Familie aus Barcelona wohnen“. Barcelona ist so touristisch, dass die Locals in die Peripherie gedrängt werden und die Besucher das Zentrum bevölkern. Ich kämpfe erneut mit einer hartnäckigen Erkältung, die Elias aus der Schweiz mitgeschleppt hat. Auch Marc-Anton hat es erwischt. Die Kraft sich für Neues zu interessieren, ist in diesem reduzierten Zustand begrenzt. So laufen wir den touristischen Landmarken nach. Zu Fuss kommen wir zur Gaudi-Kathedrale „la sagrada familia“, eine Kathedrale, die sich noch immer im Bau befindet. Es ist das wohl wichtigste Wahrzeichen der Stadt. Wir sind total fasziniert von der Formensprache, der überschäumenden Architektur, den Dimensionen - und vor allem vom Projekt "sagrada familia" an sich und davon, dass eine solche Kathedrale noch immer und seit über 120 Jahren im Bau ist. Im Mittelalter und in den Jahrhunderten danach war es normal, dass solche Bauten über Jahrzehnte und Jahrhunderte im Entstehen waren. Hier kann man sich es nicht nur vorstellen, sondern das Entstehen findet immer noch statt. Seit 120 Jahren wird gebaut, immer mit den Mitteln, die aktuell zur Verfügung stehen, sowohl technisch als auch finanziell.

 

Den Gaudi-Park „Güell“ sehen wir uns auch an. Naturformen, grosse verspielte Architektur, Garten mit vielen Kleinkünstlern. Wir lauschen an einem abgelegenen Platz den Klängen eines Hang-Spielers – sphärisch schön. Gabriel sitzt im Baum und lauscht. Zu gerne würde er mitspielen. Schon vor Jahren hat er sich so eine Hang-Klang-Trommel gewünscht. Ist aber richtig teuer, da handgefertigt – habe ich mal abgeklärt. Die Rambla steht noch auf unserem touristischen Programm. Dies ist die touristische Hauptstrasse in der Altstadt, übervoll, Jahrmarkt-Stimmung mit Kleinkünstlern und Buden. In den engen Seitenstrassen gibt es viel Schönes zu entdecken. Einen farbenprächtigen alten Frisch-Markt und alle möglichen Kleinboutiquen. Da bei uns im Moment ein absoluter Kauf-Stop herrscht, wegen Überfüllung von Vito und "Leichtgepäck-Lebensstrategie", macht das Schlendern in den Läden nur halb so viel Spass. Wir spazieren bis zum Hafen. „Eigentlich gehören wir dort hin“, denke ich beim Anblick der Segelschiffe. Es fühlt sich komisch an, ein klein wenig wie schlechtes Gewissen, Paloma so allein in Lagos zu lassen. Marc-Anton sieht das gelassener: „ Das Leben auf dem Schiff haben wir erlebt. Jetzt ist es vorbei und es kommt etwas Neues“.

 

Unseren dritten Tag in Barcelona verbringe ich mit Husten und erhöhter Temperatur im Bett. Marc-Anton zieht mit den Kindern am Nachmittag los für einen entspannten Stadtspaziergang zu zwei weiteren Gaudi-Häusern, etwas Bewegung muss sein - und ein Gelato darf auch sein. Von Eindrücken sind alle schon voll, überladen. Wir wollen nicht mehr „Touri“ sein, wir wollen ankommen – nach Hause. Jetzt früh ins Bett, Morgen geht es weiter.

 

 

Bis Aix les Bains kommen wir, dort übernachten wir im „Grand Hotel“, einem heruntergekommenen, aber immer noch charmanten Kurhotel. Der Glanz früherer Zeiten ist längst verblasst. Wir schlafen zu fünft in einem mittelmässigen Zimmer – frische Bergluft duftet aber fein! Das Restaurant ist noch immer schön bzw. wieder schön gemacht. Und wie in Frankreich üblich, führt es eine ausgezeichnete Küche. Und sie lassen sich sogar etwas Vegetarisches für uns vier einfallen. Marc-Anton erfreut sich nach wie vor sehr an einem Steak. Gabriel will ja Kellner werden. Hatte bei einigen Gelegenheiten in Restaurants schon geübt, sich die Griffe zeigen lassen beim Einschenken von Wein. Jetzt will er unbedingt auch hier im Grand Hotel sein Können beweisen. Marc-Anton fragt sich, wie das wohl in einem gediegenen französischen Speisesaal ankommen wird. Gabriel lässt sich aber zum Glück nicht davon abbringen und schlendert in der Wartezeit charmant lächelnd beim Nachbartisch umher, beginnt ein Gespräch mit den vier älteren Damen und Herren und - siehe da! - bekommt prompt einen „Kellner-Auftrag“; einer der Gäste war früher selber Wirt und hatte den Blick für motivierten Nachwuchs. Der richtige Kellner sieht Gabriel beim Wein-Einschenken, kommt zu ihm, gibt ihm eine Kellner-Serviette, die er sich um den Arm legen soll, zeigt ihm die wahren Profitricks. Gabriel ist sehr stolz und glücklich und bekommt sein erstes Trinkgeld, den Weinkorken sowie zwei hübsche Flaschen-Verschlusszapfen für seine Sammlung geschenkt.

 

Heute geht es in die Schweiz, Juhee! Wir fahren über das Wallis, haben zwei Pässe vor uns bis wir nach Disentis kommen. Die Stimmung im Auto ist gespalten. Ich klage ständig über Kälte, obwohl die Sonne wunderbar scheint. Toja schimpft über die Bünzligkeit (=Spiessigkeit) der Schweiz, will am Liebsten weiter reisen. Gabi freut sich aufs Ski fahren. Elias freut sich auch, ist aber gleichzeitig ganz verzweifelt darüber, dass ich ihm mit meiner Kälte-Klage die Freude an der Schweiz vermasseln will. Marc-Anton fährt Auto – geliebte Pass-Strassen. Furka und Oberalp. Wir machen mehrere Stopps auf den Passhöhen, bestaunen die Berge, machen sogar Fotos. Marc-Anton erinnert sich an die zahlreichen Bezwingungen per Fahrrad. Die Sonne strahlt – ein versöhnliches Geschenk für uns Wärme-verwöhnte Weltenbummler.

 

 

Und auf dem zweithöchsten Punkt unserer Reise, auf 2'044 müM, auf der Oberalp-Passhöhe (der höchste Punkt war die Furka-Passhöhe eine Stunde davor mit 2'436 müM) sehen wir tatsächlich nochmal einen Leuchtturm stehen - unser vorläufig letztes echtes Leuchtfeuer!

 

 

Disentis – wir sind da! Am Sonntag Nachmittag kommen wir endlich an. Es ist das Ferienhaus, welches Marc-Antons Eltern vor 40 Jahren gebaut hatten. Wir sind den beiden, Grossmama und Grosspapa = Helen und Toni sehr dankbar, dass wir hier anlanden und die ersten Wochen verbringen dürfen. Die Heimreise hat letztlich nur eine Woche gedauert. Nach Hause rennt das „Pferdchen“ halt immer schneller. Und in ein so schönes Zuhause erst recht...

 

 

Auspacken, Betten beziehen, einkaufen und Liliane besuchen – eine Freundin aus der Nachbarschaft. Und erst mal gut schlafen in der klaren frischen Bergluft. Die Jungs wollen dann endlich mal wieder richtig schaffen. Sie reissen das morsche Baumhaus ab, das Marc-Anton vor über 10 Jahren gebaut hat. Sie mähen den Rasen mit dem Handrasenmäher. Errichten eine neue Holzbeige. Zerkleinern Holz mit dem Beil und machen Feuer. Noch zwei Tage haben die Kinder frei. Wir gehen wandern, schwimmen, Pilze sammeln, Blaubeeren pflücken. Grosseltern (Omi und Grossvati) kommen zu Besuch - Wiedersehen mit grosser Freude. Gemeinsam geniessen wir den Spätsommer in den Bergen. Dann beginnt auch die Heim-Schule wieder. Die Kinder lernen eifrig. Besonders Elias freut sich über Struktur und klare Aufgaben. Wichtiges Schulprojekt jetzt: Vorbereitung eines Vortrages, welchen die Kinder vor ihren künftigen Schulkameraden halten werden. Diese Aufgabe wird mit Feuereifer angenommen! Vom Konzept bis zum ersten Vortrag veranschlagt der "Herr Lehrer", wie Marc-Anton genannt wird, etwa 3 Wochen neben den andern Schulfächern. Ein erster Termin entsteht spontan in der Disentiser Nachbarschaft: Esther ist eine sympathische Primarlehrerin im Nachbardorf, Toja wird vor den versammelten Schul-Klassen 1 bis 4 in Esthers Schulhaus Ende Oktober über ihre Welt als Blauwasserseglerin berichten. Damit sich Referentin und Publikum im Vorfeld kennenlernen können, darf Toja drei Wochen vorher bei der Altpapiersammelaktion mithelfen, welche die besagten Schulklassen durchführen. Und Elias darf mit.

 

 

Und langsam, langsam strecken auch wir Eltern unsere Fühler aus. Wir beginnen mit der Suche nach Wohnungen, Häusern, Arbeit. Dafür fahren wir ins Unterland zu den Grosseltern. Noch ist es überhaupt nicht klar, wo wir endgültig landen werden. Für uns ist alles möglich und offen. Zurück ins Alt-Bekannte wollen wir auf jeden Fall nicht. Die Lust weiter Neues zu entdecken, wollen wir bewahren. Wir sind uns bewusst, dass ein nicht einfacher Prozess bevorsteht - eine andere neue Reise beginnt. Die Gefühle schwanken zwischen Zuversicht, Bange und Gelassenheit. Wird es möglich sein, in der wohlgeordneten Schweiz auf eine Art wieder Fuss zu fassen, die etwas anders ist, als unser Leben vor der Reise? Wir sind dazu entschlossen! Und werden darüber vielleicht auch schreiben. Vielleicht in einem Buch über diese Reise, das in den nächsten Monaten aus diesem Blog entstehen könnte, weil uns so viele Menschen, welche diesen Blog lasen, aufgefordert haben, eins zu schreiben - obwohl wir das eigentlich nie vor hatten! Damit zeichnet sich schon ab: ganz gewöhnlich wird es vorläufig vielleicht doch nicht werden...