Ponta Delgada - Sao Miguel, Mitte Juni bis Mitte August 2016

 

Prolog: Paloma-Fest zum Abschied von den Azoren

 

Alle, die wir eingeladen haben, sind gekommen zu unserem Fest - ausser einzig Flora. 35 Menschen, neue Freunde, die wir kennenlernen durften, weil wir hier so lange bleiben "mussten". Wir sind froh, fast 3 Monate hier verbracht zu haben. Heute ist Festtag. Der Süd-Ostwind tobt, die Wellen brechen gegen die Hafenmauer und tragen salzige Gischt bis zu uns hinter die hohe Mauer. Paloma wird gepökelt, wie wenn sie mitten im Atlantik wäre. Auch Staub fegt über den Platz, Staub aus Afrika. Ausgerechnet zu unserer Party muss es so heftig aus Süd-Ost wehen. Das Schiff schwankt, reisst und tanzt an den Leinen, weil der Schwell bei diesem Wind sogar um die Ecke in den geschützten alten Hafen dringt. Meine Idee, die zwei Musiker auf dem Schiff zu platzieren, kann ich streichen. Bei diesem Schwell wird einem ganz schummerig auf dem Schiff. Das wollen wir unseren Gästen wirklich nicht zumuten. Wir bemühen uns also auf dem Pier, Windschatten für die Musiker zu schaffen. Freunde stellen ihre Kleinbusse so hin, dass eine Bühne für die Musiker entsteht. Paolo, ein lokaler Universalmusiker und Maninho, ein wunderbarer Gitarrist, Sänger und Radiomoderator aus Brasilien, der seit 20 Jahren hier auf der Insel lebt, begleiten diesen Abend mit Gitarre, Piano und Gesang – südamerikanische, verspielte, sehnsuchtsvolle Klänge. Wir haben die beiden in einem Jazz-Restaurant kennengelernt, in dem sie regelmässig spielen. Und sind glücklich, dass wir sie für unseren Abend gewinnen konnten. Die beiden verschmelzen zu einem Wunder-Duo. Alle sind hingerissen. Einmal mehr steht unsere Reise im Zeichen von Musik!

 

Und es sind alle da... Die Musik erklingt und der Wind gehört einfach dazu, stört niemanden. Es ist schliesslich ein Seglerfest. Fernando und Nora kommen als Erste. Sie haben schon am Nachmittag mehrmals vorbeigeschaut und Hilfe angeboten, Tische von zu Hause mitgebracht und Besteck und Krüge. Die Hilfsbereitschaft der beiden ist fast unendlich. Nora schenkt Marc-Anton ein wunderschönes selbstgemachtes Aquarell mit einem Wal drauf zum Geburtstag. Dann kommt Zim. Er arbeitet im Club Naval, fast täglich wechseln wir ein paar Worte mit ihm. Bei ihm hat Elias Opti-Segeln gelernt, zusammen mit anderen Jugendlichen. Zim leiht uns 35 Stühle und drei grosse Tische aus, hilft uns dies alles an den Ponton zu bringen. Die Schweizer Familie, die seit 9 Jahren hier lebt, kommt natürlich auch. Lenny und Amélie, die Kinder von Pascal und Susi, sind inzwischen dicke Freunde besonders von Gabriel und Toja geworden, sie treffen sich so oft wie möglich. Die Familie bringt 60 Muffins mit, unglaublich! Iva, die Co-Direktorin der Stadtbibliothek und Joao, der deutsche Honorarkonsul und Hoteldirektor, kommen auch mit ihren beiden Töchtern. Alle ganz in weiss gekleidet. Heute ist in der Stadt das „White Ocean“ Fest, ein Friedensfest, bei dem sich alle weiss kleiden. Auch Vitor, der clevere und sympathische Hilfsmechaniker von Emanuel kommt mit schöner Frau und kleiner Tochter, ganz in weiss mit einem Hortensien-Strauss – blau schimmernd – wunderschönes Bild. Die Stimmung ist richtig rund. Manche tanzen, begleiten die Musiker mit Schellen. Kinder freuen sich am Hula Hoop. Jungens spielen Verstecken im Werftgelände. Wir plaudern, lachen, feiern, essen, trinken. Und es gibt viele Gründe zu feiern: Unsere neuen Freunde, den Geburtstag von Marc-Anton, den neuen Motor und den nahenden Abschied. „Friends, birthday, new engine, farewell“ - so steht es auf unserer Einladungskarte. Die Karten sind richtig schön geworden. Jede einzelne ein von Hand koloriertes Unikat. Wir haben sie so ähnlich gemacht wie das Hafenbild – Paloma in der Mitte, Delfine und alles Weitere drum herum. Das Hafenbild zu malen war ein echtes Schul-Familien-Projekt. Doch das ist nun schon wirklich lange her und führt uns zurück zu den Anfängen unseres Aufenthaltes auf dieser so lieb gewonnenen Insel.

 

 

 

Leben in Ponta Delgada

 

Eine Woche wohnten wir ja im Guest House im botanischen Garten. Jetzt leben wir wieder auf der Paloma. Am Tag gehört das Schiff Emanuel und seinen Handwerkern und dem Bauherrn und Lehrling Marc-Anton. Der Motor ist draussen, alles wird vorbereitet für den neuen Motor. Dabei kommen natürlich noch einige Überraschungsarbeiten dazu, die auch erledigt werden wollen: Tankreinigung, Batterien umplatzieren, Boilerüberdruckventil ersetzen, Schläuche ersetzen und neu anordnen, Generator warten, etc. Für den neuen Motor müssen zwei Spanten modifiziert und Kielbolzen etwas gekürzt werden. Die Elektrik wird angepasst, da der neue Motor mit 12 Volt versorgt wird. Emanuel und sein Team leisten Massarbeitet. Für alle Probleme finden sich clevere Lösungen. Marc-Anton denkt mit, hilft mit und nutzt die Gelegenheit und putzt Winkel und Ecken im Maschinenraum, die bisher unzugänglich waren. Langsam wird der Raum wirklich zum Tanzsaal. Am Schluss dieses grossen, spannenden und lehrreichen Projektes sitzt ein neuer, wunderbarer Motor in unserem Keller, wie wenn er schon immer dagewesen wäre. Wobei alles wie neu aussieht. Die enorme Arbeit, die da drin steckt, kann man am Ende nur noch erahnen. Die neue Maschine schnurrt im Leerlauf wie eine Katze. Und im Test-Einsatz zur Nachbarsinsel Santa Maria und zurück zeigt sie ihre souveräne Kraft.

 

Am Tag suche ich Beschäftigung ausserhalb der Paloma. Ja, ein Hafenbild sollten wir malen – es ist so Tradition: Wer über den Atlantik segelt und auf den Azoren ankommt, verewigt sich auf der Hafenmauer. Begonnen hat dies wohl in Horta auf Fajal. Dort ist die Hafenmauer scheinbar so dicht bemalt, dass kaum mehr ein freies Plätzchen zu finden ist. Hier ist es anders, die Marina ist relativ neu und wir können uns einen passenden Stein aussuchen. Tage ringen wir um das richtige Motiv, machen Skizze um Skizze. Die Paloma muss drauf und die Schweizer Flagge, so viel steht fest. Alles Weitere wird errungen, erstritten. Elias malt die Paloma, Toja die Delfine, Gabriel einige Monster und ich die Umrisse der Europakarte und die Karibik, die unser Bild einrahmen. Die Schrift mache ich, die Blumen Toja. Marc-Anton muss die Schweizer Flagge malen, das traut Elias nur ihm zu.... Er kommt für den Finish – etwas mehr Rot um die Flagge, Punkte weg, mehr Farbe dort. Dann ist es geschafft. Wir sind sehr zufrieden und haben eine Menge bewundernde Blicke und Kommentare geerntet von Passanten. Wir finden, dass es zur Zeit das schönste Hafenbild in der Marina ist - und sind mit diesem unbescheidenen Urteil nicht die einzigen, wie uns unter anderen Isabella von der Marina und ein Tagestörnanbieter sagen. Ja, wir sind stolz!

 

Wir gehen, wie im vorherigen Kapitel bereits angetönt, immer wieder am Vormittag in die Stadtbibliothek, um dort Schule zu machen. Manchmal bleiben wir auch in dem kleinen sympathischen Bibliothekskaffee zum Mittagessen. Eine nette Dame und ein distinguierter Herr in Anzug und Krawatte sitzen am Nachbartisch. Gabriel meint, dass dieser Herr sicher der Direktor der Bibliothek sei. Der nette Herr schmunzelt und antwortet auf Deutsch, dass seine Frau die Co-Direktorin der Bibliothek sei – nicht er. Er heisst Joao, spricht sehr gut Deutsch und erzählt uns später, dass er der Direktor des grossen Hotels ist, das vis a vis vom Hafen liegt. Zudem ist er deutscher Honorarkonsul der Azoren. Er sehe unser Schiff jeden Tag vom Büro aus. Iva, seine Frau - und eben Vize-Direktorin der Bibli -, treffen wir von nun an immer wieder in der Bibliothek oder auch spontan in einem Hafenkaffee. Es entsteht eine Freundschaft. Die beiden laden uns zu sich nach Hause ein. Ihre beiden Töchter sind halbflügge und heute nicht zu Hause. Die Familie lebt auf einem alten Landgut, geerbt von Joaos Eltern. Auch die 5 Geschwister von Joao bewohnen eine grosszügige Nachbarparzelle mit Haus und Land. Auf dem Land wurden vormals Orangen angebaut. Eingeteilt ist der Besitz durch vielzählige Trockensteinmauern, aufgebaut aus Vulkansteinen, zum Schutz vor Wind. Und dann gibt es einen Aussichtspunkt am äusseren Rand des riesigen Gartens, mit Blick aufs Meer. Hier haben sie früher Flagge gehisst oder Rauchzeichen gesendet, um den aus England kommenden Schiffen anzuzeigen, dass es reife Orangen zu kaufen gibt. Orangen wachsen heute nicht mehr. Die Produktion wurde nach einem Befall durch eine Krankheit vor über 150 Jahren auf der ganzen Insel gezwungenermassen eingestellt. Im Garten wachsen einige Büsche, Gemüse und Blumen. Auch Gänse und Hühner haben ein Plätzchen. Die Insel insgesamt musste Mitte 19. Jahrhundert nach dem Einbruch der Orangenlandwirtschaft ihre Produktion auf Ananas, Tabak und Tee umstellen. Die einzige Schwarzteeproduktion in Europa, wie wir bei einem Besuch einer der letzten Teefabriken lernen. Die lokalen Ananas schmecken wunderbar saftig und süss. Sie brauchen 18 Monate vom Setzling bis zur reifen Frucht. Sie werden hier in weisslich gefärbten Treibhäusern gezüchtet, was wir auch bei einer Besichtigung erfahren. Die Kinder lieben den grosszügigen etwas wilden Garten von Joao und Iva, möchten am liebsten gleich Holz hacken und den Gänsen ein neues Häuschen bauen. Schön wäre es, aber die knappen Zeitreserven der beiden lassen es leider nicht zu.

 

Wir sind zwar inzwischen schon einige Wochen hier, ahnen aber von früheren Reparaturerfahrungen, dass es mindestens noch zwei bis vier weitere Wochen brauchen wird, bis alles wieder funktioniert. Wir liegen seit langem nun an einer Steinmauer im alten kleinen Hafen, neben dem Hafenkran, wie altes Inventar. Hier kann Emanuel mit Auto und Kran und neuem Motor direkt an das Schiff heran fahren. Der Club Naval, der lokale Segelklub mit 150-jähriger Tradition, liegt direkt neben uns. Immer wieder werden wir gefragt, wie lange wir noch bleiben... „Mindestens noch zwei Wochen“ sage ich immer wieder. Anfangs ahnen wir ja noch nicht, dass wir insgesamt 11 Wochen auf den Azoren bleiben werden. Irgendwann fragt niemand mehr nach, weil wir bereits zum Stadtbild gehören, wie uns die Einheimischen sagen, die neben uns surfen, segeln, stand up paddeln, schwimmen, Tauchtourismus betreiben etc.

 

 

 

Wer übrigens herausfindet, was die wunderschöne abstrakte honiggelbe Photographie oben darstellt, erhält beim nächsten Wiedersehen einen kleinen Preis...

 

 

Freunde und aktiver Alltag

 

Wir kennen die Leute vom Club Naval bald alle, und auch die Leute von der Marina, die lokalen Arbeiter und etliche Anbieter von Tauchexkursionen und Walbeobachtungsausflügen. Wir haben mit ihnen allen bald über Wichtigeres zu sprechen, als über unsere Reparatur, nämlich übers Segeln, Surfen und über Lebensgeschichten. Die Menschen hier sind noch wirklich interessiert - und wir an ihnen auch. Der Kontakt ist einfach, da alle englisch sprechen können. Zim leitet mit Antonio die Optimisten-Segelschule (Optimisten - kurz genannt Optis - sind kleine Jollen) und bietet in den Ferien Opti-Unterricht für Schulkinder. Elias darf mitmachen. Jeden Morgen um 9h zieht er seinen Neopren-Anzug an und gesellt sich zu den portugiesischen Kindern. Einige sprechen etwas englisch. Wir melden ihn erst für zwei Wochen an, dann noch mal für zwei. Am liebsten segelt er mit dem neongrünen Segel. Anfangs aufgeregt, nach wenigen Tagen obercool in der Jolle liegend, kreuzt er an der Paloma vorbei raus aus dem Hafen, macht ein Victory-Zeichen und grinst breit. Danach können wir ihn von der Hafenmauer aus erkennen, wie er weit draussen im Opti-Schwarm seine Bahnen zieht. Es macht ihm richtig Spass, auch bei viel Wind und Wellen. Wir gehen davon aus, dass er als bald gewiefter Jollensegler uns auf dem nächsten (letzten) grossen Schlag zum Festland noch zum Abschluss die letzten Feinheiten des Trimmens beibringen wird...

 

Dann treffen wir im Club Naval unsere neuen Surfer-Freunde. Der lustige Mario mit Hündchen und Tochter. Er arbeitet als Steward bei SATA, hat wie die meisten hier nie eine richtige Ausbildung gemacht, ist aber ein Multitalent. Sein grosses Hobby und sein Ausgleich zu dem Job im „fliegenden Käfig“ ist das Windsurfen. Er kommt mit seinem blauen, mit Surfbrettern vollgeladenen Kleinbus wann immer möglich in die Marina. Hat Zeit zum Reden, Lachen und Helfen. Er leiht uns zwei Fahrräder und ein Surfbrett aus. So kann ich mit Elias zusammen aufs Wasser, einer surft und einer begleitet den andern mit dem Stand-Up Paddle (SUP). Mario lädt uns zur Geburtstagsparty seiner 4-jährigen Tochter ein - im Dachgeschoss des Club Naval. Dort sind einige Kinder und viele Freunde, eine Party für alle. Dort lernen wir auch seine Frau kennen. Sie ist auch Stewardess. Mario erzählt uns, dass seine Frau schwer erkrankt ist. Man ahnt hinter der strahlenden Surfer-Fassade auch Trauer. Wir mögen Mario sehr gerne, freuen uns bei jeder Begegnung. Marc-Anton sieht in ihm einen liebenswerten „tragischen Clown“ mit einem grossen Herzen. Am Morgen nach unserem Fest steht er als erster wieder da und hilft uns alle Stühle in den 3. Stock des Club Naval zurück zu tragen. Aus seinem Bus zieht er eine Gitarre, spielt Rockballaden und improvisiert traurige Melodien. „ Ich muss jetzt aufhören, sonst werde ich zu traurig“, sagt er – grosse Muskeln und grosses Herz! Elias ist angetan von dem Gitarrenspiel. Will augenblicklich auch alles über Gitarre lernen. Vertieft sich sogar in der „Singfibel“, in der einiges zur Gitarre steht.

 

Ein anderer Surfer-Freund heisst auch Mario, alle nennen ihn aber Soap (= Seife) bzw. auf portugiesisch Sabao - wieso sie ihn so nennen, wissen wir nicht. Er ist - neben seinem Job als Teammanager der Security und Feuerwehr auf dem Flughafen - Profisurfer und leitet die Windsurfschule. Ein verrückter Typ, unglaublich vital: segelte früher öfters auf einem Minikatamaran nach Lissabon oder Madeira: 5 Tage nonstop ohne Schlaf, ohne Schutz, nur mit einer Sporttasche auf dem Netztrampolin zwischen den zwei kleinen Rümpfen. Oder dann mit dem Surfbrett nach Santa Maria - 100km in 3h. Dabei hört er nur auf einem Ohr und sieht schlecht. Aber sein kehlig-vitales "Hello Friends, how are you", fast jeden Abend vom Surfbrett oder Rettungsdinghi aus, wird zur lieben Gewohnheit. Unermüdlich holt er bei starkem Wind seine Schäfchen und Freunde von der See vor dem Vorhafen, wenn sie es nicht zurück schaffen aus eigener Kraft. Wir können uns an seine Surfschule einfach anschliessen, gratis. Elias surft raus und ich folge mit dem SUP, dann wechseln wir ab. Mario-Sabao fährt mit dem Motorboot zwischen den Schülern hin und her, gibt Tipps, stellt sich aufs Board um etwas zu zeigen - und rettet im Notfall oder bei Erschöpfung einen nach dem anderen.

 

Die Freundin von Mario-Soap-Sabao ist auch auf der Geburtstagsparty. Sie heisst Clara, ist aus Barcelona und arbeitet als Meeres-Biologin für eine der vielen whale-watching companies. Bisher wollten wir nicht mit einem Touri-Boot unterwegs sein um Wale zu beobachten. Ein paar Wale würden wir dennoch gerne sehen in dieser walfischreichen Gegend. Mit Clara als Begleiterin auf einem kleinen Bötchen könnten wir uns so einen Ausflug nun doch vorstellen. Wir buchen für Sonntag. Leider übernimmt die Chefin von Clara die Begleitung, Clara hatte uns schon vorgewarnt, dass ein abrupter Plan-Wechsel bei ihrer Chefin jederzeit möglich ist. Dennoch – wir sind unterwegs und hoffen auf Wale. Walbeobachter halten mit Ferngläsern Ausschau vom Festland aus und beraten die Boote draussen per Telephon. Sie kennen das Muster der Fontäne, das spezifisch für jede Walart ist. Die Walbeobachtung hat eine lange Tradition auf der Insel, noch aus der Zeit des Walfangs. Unser Walbeobachter hat seinen Beruf von seinem Vater gelernt. Wir fahren ca. 8 sm raus auf das offene Meer. Gabriel wird es natürlich schlecht, ein wenig. Dort, meldet der Beobachter über Handy, soll es Buckelwale oder Grindwale geben. Ein anderes Boot ist auch schon da. Erst sehen wir nur einige Fontänen und dann auch die Finnen und dann die Walrücken. Sechs, acht, nein zwölf Wale liegen dicht nebeneinander im Wasser. Sie sollen bis ca. 20 Meter lang sein. Ein Walbaby ist auch dabei. Ab und zu taucht ein Wal in die Tiefe. Man erkennt es daran, dass er beim Abtauchen seine Schwanzflosse in die Luft streckt – ein oft fotografiertes Motiv. Sie tauchen tief ab, bis 3000 Meter. Fangen dort ihre Beute, Riesenkraken und Fische. Kommen wieder zur Gruppe, geben sich Schutz. Wie riesige Bananen oder U-Boote liegen sie an der Wasseroberfläche, bedächtige Bewegungen. Wir können auf fünf Meter nah an sie heran fahren, sie lange beobachten. Dann meldet der Beobachter vom Land aus, dass er noch eine andere Walart gesichtet hat. Wir rasen mit dem Speed-Boot in die angegebene Richtung, sehen nach einigen Meilen auch eine grosse Fontäne. Fahren weiter in die Richtung und sehen nichts mehr, nur bewegtes blau-graues Salznass. Dann meldet sich der Beobachter wieder, gibt eine neue Richtung an. Wir ändern Kurs, sausen weiter, sehen eine Fontäne. Dann wieder nichts mehr. Der Wal spielt mit uns Verstecken. Noch einige Male wiederholt sich dieses Suchspiel – Jagdfieber kommt auf. Dann geben wir auf, die Kinder haben genug, es ist inzwischen kühl, wir sind schon drei Stunden unterwegs. Auf dem Rückweg legen wir noch einen Stop bei einer Delfin-Gruppe ein, dann wieder Land. Für uns hat es sich gelohnt. Mit dem Segelschiff würden wir niemals den Kurs für eine mutmassliche Walfisch-Fontäne ändern. So sehen wir vom Schiff aus nur die Tiere, die uns besuchen kommen – meist Delfine und Vögel.

 

Mit dem Speedboot machen wir noch einen weiteren Ausflug: Fernando, ein Freund von unserem Mechaniker, lädt uns mit anderen Leuten ein, auf seinem Superdinghi nach Vila Franca do Campo zu fahren, um fliegende Menschen bei der Cliff-Diving-Meisterschaft zu sehen. Jedes Jahr findet dieses Springevent auf einer spektakulären Klippe aus 27 Metern Höhe statt (Frauen springen von 20 Metern). Segelschiffe, Motorboote, Paddelboote, Surfer kommen und verweilen in den Wellen schwankend nahe dem Felsen, um die Sprünge live zu sehen. Wir sind zwar nahe dran, die Entfernungen sind dennoch so gross und die Kunstsprünge so schnell, dass man eigentlich nicht richtig viel sehen kann. Marc-Anton geht mit Gabriel an Land wegen dem Geschaukel (hätte ich ihm doch Scopoderm gegeben). Live-on-TV können sie im Hafencafé mehr Details der kunstvollen Sprünge beobachten, als wir unmittelbar vor Ort.

 

Fernando ist Bootsfahrlehrer und auch ein langjähriger Taucher, Perfektionist und wegen Schlafproblemen seit einiger Zeit von seinem Job als Flugzeug-Kraftstoff-Kontrolleur suspendiert. Er ist ziemlich froh, wenn er anderen was zeigen kann, hilfreich ist, Aufgaben hat. Regelmässig erscheint er im Hafen und hilft, wo er kann. So bietet er uns an, das Tauchen einmal auszuprobieren. Bisher hatte ich das Flaschentauchen nie ausprobiert, erschien mir zu aufwendig, auch mit den Kindern. Jetzt kann ich nicht Nein sagen...Auch Toja will es probieren. Dort, wo wir hin wollen, ist die Strasse unerwartet wegen Reparaturen für einige Stunden gesperrt... so ein Ärger. Wir schleppen die schwere Ausrüstung runter in den alten Walfänger-Hafen. Fernando erklärt uns das Wichtigste zum Atmen, die Zeichensprache unter Wasser und weitere Sicherheits-Dinge. Erst nimmt er mich mit, an der Hand. Anfangs muss ich mich auf die Atmung konzentrieren, dann kann ich mich entspannen, Fische beobachten, in die Wasserwelt eintauchen. Es wird mir bald zu kalt bei 18°C mit einem kurzen Neopren-Anzug. Immerhin bleibe ich 32 Minuten unter Wasser und komme auf 18,2 Meter Tiefe, wie mir Fernando später sagt. Toja bekommt keine eigene Flasche, sondern atmet mit dem Octopus-Anschluss aus Fernandos Flasche. Auch ihr ist bald zu kalt, dennoch schafft sie unglaublich stolze 10,2 Meter Wassertiefe und 22 Minuten unter Wasser! Wir feiern mit frischer Ananas und einem Drink die bestandene Tauch-Taufe und bekommen am Folgetag sogar ein Zertifikat ausgehändigt! Ich bin froh, das Tauchen einmal erlebt zu haben. Das eine Mal reicht mir im Moment und Toja aber auch.

 

Viel Ausdauer zeigen die Kinder an Land beim Reiten. Auf einem Reiterhof nahe beim Flughafen nehmen sie über mehrere Wochen hinweg regelmässig Unterricht bei Flora, einer sehr netten Portugiesin mit perfekten Englischkenntnissen. Erst sind sie an der Longe, üben „english trott“ mit viel Muskelkater. Dann üben sie die Kontrolle mit den Zügeln in der Reithalle. Traben, auch ausgesessen, Pferd führen, etc. Natürlich lernen sie auch das Putzen, Satteln und alles Weitere. Leider kann Flora zu unserer Abschiedsparty nicht kommen. Sie fehlt in unserer Fest-Runde als Einzige. Die Kinder durften von ihr aber sehr viel lernen. Mit dikaktischem Geschick und offensichtlich grosser Kompetenz hat sie vielleicht einen Grundstein gelegt für ein neues Hobby, das in Marc-Antons Familie grosse Tradition hat.

 

 

 

1. August mit der Salomon

 

Wir erleben übrigens hier auch zwei richtige Schweizer Abende: Die Salomon läuft eines Tages ein. Ein grosser über 100 jähriger Dreimaster aus Eisen. Die Mannschaft besteht aus einem Kapitän, einem Koch, einem Mechaniker, mehreren Sozialarbeitern und Lehrern und 12 Jungs im Alter zwischen 13 und 18 Jahren. Die Jungs haben alle eine nicht ganz einfache Vergangenheit hinter sich. Statt in Sozialeinrichtungen oder unter üblicher Sozial-Fürsorge die jugendlichen, nicht immer ganz gesellschaftsfähigen Kräfte zu kanalisieren, erhalten sie auf dem Schiff die Gelegenheit, zu verantwortungsvollen jungen Männern heranzuwachsen. Eine geballte Ladung Jungmänner also auf kleinem Raum. Es handelt sich um ein staatlich anerkanntes Sozial- und Massnahmenprojekt. Wir erfahren, dass es derzeit in den Schweizer Medien diskutiert wird, auf nicht nur wohlwollende Art. Der übliche dümmlich-rechtspopulistische Groove scheint da selbst in sonst liberalen und sorgfältig recherchierenden Zeitungen wieder einmal durchzuschlagen ("Ferienprojekt im Sonnenschein des Südens" u.ä.). Von Journalisten gezimmerte Texte, die sich offensichtlich kein Bild machen von dem, was wirklich geleistet wird und stattfindet. Vorweggenommen: das Projekt hat eine deutlich höhere Erfolgsquote, als die klassischen sogenannten "Massnahmen", kostet dabei weniger und bereitet besser auf das Leben vor. Wir wissen schon, warum. Weil wir das Leben auf See mittlerweile sehr gut kennen und wissen, dass es weit weg von dem ist, was sich die Landratten normalerweise darunter vorstellen. Es ist eine ausgezeichnete Lebensschule, die mit Ferien und "freier Zeit" etwa soviel zu tun hat, wie ein schwieriger Arbeitseinsatz im Hochgebirge. Wir nehmen Kontakt mit dem Schiff auf, weil es uns interessiert, wie das Ganze funktioniert und weil wir die Leute kennenlernen wollen. Mit grosser Freude reagieren sie auf unsere Avance und laden uns ein: Begeistert nehmen wir die Einladung zum 1.-August-Fest, dem Schweizer Nationalfeiertagsfest, auf der Salomon an. Es wird einer der schönsten 1.-Auguste, den wir je erlebten. Anfänglich herrscht ein bisschen Verklemmung und Unsicherheit auf beiden Seiten. Die Burschen sind sich solche Besuche nicht so gewohnt und wir müssen auch erst mal rausfinden, wie man Kontakt zu ihnen gewinnt. Aber bald brechen die Dämme. Jeder Junge ist, auch wenn mancher eine wirklich happige Vergangenheit hat, ein interessanter Typ. Viel Potential ist da spürbar. Mancher sehr gewitzt, mancher eigentlich sanftmütig und freundschaftsbedürftig, mancher eigentlich einfach noch ein Kind, ein Bube, ein cleverer Geissenpeter. Bald sind unsere Kinder völlig integriert, helfen mit bei den Essensvorbereitungen und nach dem Essen bei der offiziellen Ämtlihalbstunde, die mit einer militärisch streng-korrekten Manöverkritik und Notenvergabe abgeschlossen wird. Toja und Elias werden von einem der Jungs kletternd bis in die 30-Meter hohe Takelage sicher hochgeführt. Gabi tollt mit den Jungs herum. Wir feiern mit Stolz unsere Nation - ja erstmals in unserm Leben mit der Nationalhymne - stehend und dabei mit der rechten Hand auf dem linken 'rechten' Fleck - wie Fussballer oder sehr ernsthafte Offiziersanwärter. Das gab's noch nie! Zum Abschluss gibt's ein Quiz über die Schweiz. Wir dürfen dabei mithelfen und sind - yepee - in der Siegergruppe. Umarmend verabschieden wir uns von den Jungs, dem Kapitän, den Lehrern, Betreuern, dem Koch und dem Mech. Einige Tage später revanchieren wir uns und laden alle ein zum Nachtessen in unser Lieblings-Chinarestaurant im Ort. Die Salomonen geniessen es offensichtlich und wir mit ihnen! Wir freuen uns, einen Teil von Ihnen an einem ihrer Jahresfeste im November in Rafz vielleicht wiederzusehen. Und jedem Politiker in der Schweiz und Beamten, der die Frage beantworten muss, ob das ein sinnvolles Projekt sei, werden wir begeistert zureden, er soll diesem Jugendschiff bitte ja nicht den Hahn zudrehen (siehe www.jungendschiffe.com). Das ist nun wirklich sehr sinnvoll investiertes Geld, das den Jungs auf dem Schiff und damit auch der Gesellschaft sehr viel bringt. Wir lernen einmal mehr: man muss einfach immer genau hinschauen, bevor man seinen Senf dazu gibt.

 

 

 

Auf zum nächsten Schlag

 

Uns geht es so gut hier auf dieser Insel, dass wir uns erstmals an einem Ort vorstellen könnten, zu bleiben. Wunderbare Menschen, Natur zum Wandern, Wassersport, sehr angenehmes Klima. Eine Bevölkerung, die wirklich neugierig ist auf Neues. Menschen, die Fremde offen, selbstbewusst und freundschaftlich ansprechen. Das Leben hier ist eigentlich perfekt. Der Motorschaden hat uns gezwungen, hier zu verweilen - zum Glück. Und trotzdem - irgendwann nach langer Zeit ist auch bei uns alles repariert und es wird Zeit, weiter zu fahren. Aus Dankbarkeit für die schöne Zeit, die Freundschaften und die gute Arbeit richten wir das eingangs erwähnte Fest aus, das bis in die ersten Morgenstunden dauert. Etliche Gäste sagen, es werde ihnen etwas fehlen, wenn die Paloma nicht mehr am Betonponton liegen werde. Wir umarmen alle innig.

 

Es zieht uns weiter: Bald wollen wir ablegen zum vielleicht letzten langen Schlag: nach Lagos in der Algarve. Wir freuen uns. Die Verhältnisse versprechen einige Tage ruhiges sanftes Segeln bei moderaten Winden und Sonnenschein. Und mit dem neuen Motor dürften auch allfällige Flauten zu einem Vergnügen werden, das hoffen wir!