Zweite Atlantiküberquerung - BVI's bis Azoren, 9.5. bis ca. 1.6.2016

 

Prolog

 

Ich sitze mit den Kindern in der öffentlichen Bibliothek in Ponta Delgada, Sao Miguel. Sao Miguel ist die grösste Azoreninsel, Ponta Delgada eine kultivierte wunderschöne Stadt. Die Bibliothek ist unser Schulzimmer. Die Vizedirektorin eine sehr nette und interessante Frau, die Freude an unserm Familienschulbetrieb hat. Doch zu dieser Freundschaft dann mehr im nächsten Eintrag.

 

Unsere Paloma ist eine Baustelle – mal wieder. Die Crew muss tagsüber raus. Der Motor ist kaputt, ein Ventil gebrochen, ein Kolben zermalmt, der Drehzahlregler geknackst, die Tanks harren der Reinigung, der Generator wird durchgecheckt. Jetzt gibt es bald einen neuen Motor. Dazu wird eine Tragekonstruktion in unserem Deckshaus errichtet, zuerst für das Anheben des alten über 500 kg schweren MAN aus dem Maschinenraum hoch in das Deckshaus. Die grosse Last beim weiter Rausziehen aus dem Niedergang übernimmt dann ein Kranlastwagen. Marc-Anton bleibt tagsüber bei den Arbeitern, hilft wo er kann und sorgt dafür, dass nichts weiter kaputt geht -  setzt also  seine Lehre als Mechaniker fort. Emanuel Oliveira leitet die Reparaturen mit seinem tollen Team. Wir haben richtig Glück mit ihm. Er ist sehr kompetent und engagiert und auch als Mensch angenehm zugänglich. Und ein Handwerker, der sein Metier versteht und gleichzeitig exzellent kommuniziert. Ja, das ist nicht nur bei Ärzten schön, wenn diese beiden Eigenschaften zusammenkommen, sondern auch bei Technikern. Manchmal kommt es uns so vor, als ob wir erst durch die Reparaturen richtig in Kontakt mit Menschen vor Ort kommen.

 

Wohnen werden wir einige Tage in einem zwei Sterne Guest House mitten in einem wunderschönen botanischen Garten mit riesigen alten Bäumen. Die Kinder sind aufgeregt und glücklich, sie haben noch nie in einem Hotel gewohnt. So bringt das Motoren-Unglück auch ungeahnte Abwechslung in unseren Segleralltag.

 

Doch jetzt noch mal zurück.... Immerhin sind wir in der Zwischenzeit 18 Tage über den Atlantik gesegelt, haben 2600 Seemeilen (=fast 5'000 km) geschafft, Stürme gemeistert, Flauten erlebt, einen Motorschaden "abgewettert" –  eben ein Weltmeer überquert mit allem, was dazugehört. Die Fahrt von West nach Ost gilt als anspruchsvoller, gefährlicher, unangenehmer, härter, als die Reise in die Karibik. Dem stimmen wir zu.

 

Wir sind stolz, diese Überfahrt überhaupt gewagt und sogar allein gemeistert zu haben. Viele Segler - auch gestandene und jahrzehntelang erfahrene - trauen sich nicht, den Atlantik in dieser Richtung zu bezwingen. Oder finden es einfach zu mühsam. Viele lassen deshalb ihre Schiffe im Westen, lassen sie von andern überführen oder sogar per Frachter zurückliefern nach Europa, wie wir mehrfach gehört haben, oder versuchen sie in der Karibik oder den USA sogar zu verkaufen. Andererseits haben uns etliche Crews, auch Familien, beeindruckt, die auch diesen Weg zurück selbstverständlich unter den Kiel nehmen, um den Kreis "rund Atlantik" zu schliessen. Auch wir hatten mal erwogen, einen Co-Skipper dafür anzuheuern - und sind jetzt froh, dies nicht getan zu haben. Diese Fahrt wird als mindestens so eindrückliches Abenteuer wie die sonnige und segeltechnisch vergleichsweise unproblematische Ost-West-Fahrt immer in Erinnerung bleiben.

 

Davon gibt es nun einiges zu erzählen.

 

 

  

1. Phase – Schönwettersegeln 9.5. bis 17.5.2016

 

Wir haben so richtig Lust aufzubrechen. Verabschieden am Vormittag in Soper's Hole die SIF mit einem langen Hupen, sie fahren erst mal zu den Bermudas. Wir wollen von hier, den British Virgin Islands, direkt auf die Azoren zusteuern. Wir legen wenige Stunden nach der SIF am frühen Nachmittag ab. Routiniert wird die Mooringboje von den Kindern losgelassen. Der Wind von vorne dreht das Schiff schön quer, wir lassen uns wegtreiben und nehmen langsam Fahrt auf, raus aus der Bucht. Sehr rasch setzen wir  "Festbesegelung": mit drei voll gesetzten Segeln rauschen wir im Lee der BVI's davon. Es gibt wenig Wellen und das Segeln ist daher sehr angenehm, selbst die Kinder geniessen es. Gabriel, mit zwei Scopodermpflastern geschützt, fragt mich fast bittend, ob die Wellen so bleiben? Ich sage ihm, dass dies im Moment so ist und man aber nie weiss, was noch kommt. Aber im Moment ist alles gut. Wir sind uns durchaus bewusst, dass da noch einiges an Wetterküche auf uns zukommen wird.

 

Nicht zu Unrecht hat Hermann, unser Coach der ersten Wochen, geschrieben, dass die Rückkehr im Vergleich zur Hinfahrt kein Honigschlecken sein wird. Die Rückkehr nach Europa hat schon ab Martinique unter den Seglern für viel Gesprächsstoff gesorgt. Wie kommt man am sichersten wieder nach Europa? Die Venga hat sich einen Profiskipper engagiert. Die Enterprise hatte eine Rückführung per Frachter (="Deckspassage") geplant (jetzt bleibt Russ noch ein Jahr in Südamerika). Er rechnete damit, dass die Kosten der anfallenden Reparaturen nach einer Atlantik-Rücküberquerung etwa gleich hoch sein werden, wie die Transportkosten (leider soll er in unserem Falle ziemlich präzise Recht behalten, wobei: man verpasst im Falle einer Deckspassage natürlich das ganze lehrreiche Abenteuer). Unsere Freunde von der Deiopeia haben sich entschieden, ihr Schiff in den USA zu lassen, da ihr Schiff zu wenig stabil für den Nordatlantik ist. Auch wir greifen wenigstens wettertechnisch zu Hilfe, lassen uns täglich neue Wetterinfos per Satellit von www.wetterwelt.de schicken. Ansonsten trauen wir uns und unserem Schiff auch diesen Abschnitt zu.

 

Die Herausforderung dieses Abschnittes liegt darin, dass man sich zwischen nördlichen Sturmtiefs und südlichen Flauten-Hochs hindurchschlängeln muss. Ist man zu südlich, hockt man wochenlang in der Flaute oder muss viele hundert sm Motoren (Wendels mussten im Vorjahr 1000 sm motoren). Fährt man zu nördlich, kommt man zu nah an die Sturmtiefs mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 50 bis 60 Knoten. Die Sturmtiefs bewegen sich leider nicht gradlinig, sondern unberechenbar, mal rauf, mal runter, tendenziell aber immer Richtung Ost. Dadurch wird man gezwungen immer wieder den Kurs zu ändern um einem Tief auszuweichen.

 

Im Moment ist aber alles perfekt. Die Langfahrten-Routine stellt sich schnell wieder ein. Der Körper erinnert sich an die Bewegungen, alles ist vertraut. Die Kinder basteln an einem selbstkonstruierten Monopoly-Spiel. Ein Seevogel besucht uns täglich, dreht ein paar Runden, nimmt ein paar zugeworfene Brotkrumen, fliegt weiter. Wir experimentieren mit dem Spinnaker-Baum um die Genua auszubaumen – Leinenführung, Position, Handhabung. Unser Kurs ist ziemlich vor dem Wind für die ersten paar hundert sm. Die Nächte sind klar und sternschnuppenreich. Wir liegen während der Wache draussen. Einziger Wermutstropfen ist, dass es in jeder Nacht, mit jeden 150-170 sm gen Norden, fast eine Kleiderschicht mehr braucht. Es wird deutlich kühler. Zwischendurch müssen wir auch mal einige Stunden motoren, da Flaute. Dann kommt der Wind wieder und schenkt uns gute Fahrt. Wir sind bislang wiederum begeistert vom Atlantik - auch in diesen Breiten.

 

 

  

 

2. Phase – unter Motor 18.5. bis 19.5.2016

 

Jetzt schläft der Wind immer mehr ein. Wir kommen in eine Calmenzone, die wir - falls nötig - mit unserm alten guten MAN-6-Zylinder und 1'000 Litern Diesel problemlos zu überbrücken gedenken, bis wir an die Südkante des Tiefdruckgürtels mit stärkerem Wind gelangen. Vier Knoten fahrt haben wir noch; dann wird es immer weniger. Unter drei Knoten stellen wir den Motor an. Marc-Anton hatte vor der Abfahrt übrigens extra die MAN-Fahne, einen schönen MAN-Dreieckswimpel, den er irgendwo in den Ersatzteilbeständen fand, unter der Backbordsaling gehisst, um unserem Motor für diese Rückfahrt alle Ehre zu erweisen. Wir wussten ja, dass wir mit längeren Motorstrecken zu rechnen haben. Noch sind runde Wellen da, das Meer wird aber immer flacher, dann sogar so ruhig, dass man tief hinab blicken kann - glasklar.

 

Und dann besucht uns eine Gruppe Delfine. Umspielt unseren Schiffsbug. Und wir können alles sehen, auch das Spiel im Wasser, wie sie sich auf den Rücken drehen, sich umeinander winden, miteinander zum Sprung ansetzen. Ein Glücksmoment des Staunens. Unser Vogel besucht uns auch fast täglich, oder sind es unterschiedliche Einzelgänger? Ansonsten gibt es nicht so viele Tiere – alles einfach blau. Doch da, kleine rosa Häufchen mit blauen gewellten Ränderungen. Portugiesische Galeeren! Wir sehen sie immer häufiger. Alle die gleiche Grösse, etwa 10 bis 15 cm. Wir lesen in Gabriels Tierbuch: Es sind Kolonien, viele Polypen mit unterschiedlichen Aufgaben, die zusammen eine komplexe Tier-Einheit bilden. Ein Polyp bildet ein gasgefülltes rosafarbenes Segel, das auf der Oberfläche schwimmt. Andere Polypen bilden Fangarme bis zu 50 Meter Länge oder Verdauungselemente. Alle Polypen haben sehr giftige Nesseln und können ziemlich weh tun, wenn man sie berührt. Sie können sogar tödlich sein (wahrscheinlich die grösseren), sind daher gefürchtet. In dieser Grösse sehen sie wie hübsche rosa-durchleuchtete Segelschiffchen aus, die wacker durch die Wellen segeln. Schwimmen wäre eigentlich toll, bei diesem ruhigen Meer. Die Portugiesischen Galeeren geben uns aber einen weiteren Grund, dieser gefährlichen Versuchung zu widerstehen. Wir sehen sie zu Tausenden im Verlauf dieser Reise. Wir ahnen einmal mehr, dass die Weltmeere gigantische Biotope sind, deren Bestand man total unterschätzt.

 

Alles ist friedlich, der Motor brummt seit über 30 Stunden, der Autopilot sirrt und pumpt zuverlässig und hält den Kurs, Paloma gleitet majestätisch dahin. Es ist 18. Mai, abends. Nach einem guten Abendessen, einem Bier und einem Sonnenuntergang gehen alle ins Bett. Wir motoren weiter, da der langsam aufkeimende Wind noch zu schwach zum Segeln ist. Marc-Anton richtet sich im Deckshaus für die erste Nachtwache-Schicht bis Morgens um 2h ein. Liegend. Alle halbe Stunde aufstehen, Rundumblick, Plotterblick, "Systemcheck". Und dann wieder leichtes Dösen. Alles ist friedlich... UND DANN:

 

Marc-Anton: Am 19.5.2016, ca. 0045h Bordzeit, nach 36 Stunden Dauerlauf, bricht das Herz unseres Motors: Nach einem metallischen Knall heult die Maschine auf und dreht enorm hoch. Ein unglaublicher Lärm erfüllt das ganze Schiff. Im Maschinenraum unter dem Deckhausboden scheint die Hölle eine Pforte geöffnet zu haben und alle Höllenhunde auf einmal losheulen zu lassen. Ich schrecke panisch hoch. Renne raus ins Cockpit. Es riecht nach heisser Dieselverbrennung wie bei einem Auto, das einen Kavaliersstart hinlegt. Ich sehe im Dunkeln einen Rauch am Heck, der aber sofort verschwindet. Es scheint also kein Öl zu brennen. Sonst würde schwarzer Russrauch hinter uns herziehen. Ich renne zurück ins Deckshaus, checke die Motoreninstrumente. Druck, Temperatur, Batterieladung sind OK. Einzig aber gar nicht OK ist der Drehzahlzeiger, der am Anschlag des Anzeigerunds steht und nicht weiter "hoch" kann, obwohl er offensichtlich gerne würde. Die Drehzahl ist also im Amokbereich, das heisst über dem, was dem Motor per Drehzahlbegrenzer eigentlich erlaubt wäre und sogar über dem, was das Instrument anzuzeigen fähig ist: der Zeiger kann im Instrument nicht höher als 3'000 anzeigen, der Motor dreht aber eindeutig höher. Und begrenzt wäre die Maschine per Drehzahlbegrenzer ohnehin auf nur 2'400 rpm! Inzwischen sind Nicoletta und Elias auch da. Sie Fragen, was los ist. Ich weiss es nicht, rase zwischen Cockpit, Deckshaus und Maschinenraum hin und her, versuche zu verstehen. Toja taucht kurz auf. Mama sagt: Motor kaputt, geh schlafen. Toja bleibt cool und geht wieder ins Bett.

 

Es dröhnt höllisch, macht Angst und ist eindeutig gar nicht gut. Ich stelle mir vor, wie die riesigen Kolben dieses alten 6-Zylinders mit völlig überhöhter Drehzahl hoch und runter jagen müssen und dass das rasch zu schweren Schäden führen kann. Komischerweise kommt mir dabei die Lokomotive Emma im Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" von Michael Ende in den Sinn, die nach einer Höllenfahrt durch das Tal der Dämmerung mit Maschinenschaden in der Wüste liegt und nicht mehr schnauft, weil die Drehzahlüberlastung ihren Dampfkesseltaktgeber brechen liess - gemäss dem Autor ein kleines Metallkölbchen, das ihr den Atemrhythmus vorgab. Später wird sich herausstellen, dass diese in der Situation eigenartig kindliche Assoziation gar nicht so falsch war.

 

Ich versuche, die Maschine mit dem Stopschalter abzustellen. Nichts geschieht, er dröhnt und heult weiter. Dann merke ich erst, dass unser Schiff gar nicht mehr auf Kurs ist. Und wir nur noch wenig Geschwindigkeit haben. Nach gefühlten 20 Minuten, effektiv aber nur etwa 5 Minuten nach dem ersten Knall, merke ich also erst, dass "der Gang" draussen ist. Das explosionsartige Hochdrehen muss also am Getriebe so gerüttelt haben, dass der Leerlauf "rein-" bzw. der Vorwärtsgang "rausgeworfen" wurde. Da die Maschine nicht stopbar ist, mache ich etwas, was vielleicht technisch völlig falsch sein kann, ev. aber schlimmeres verhindert, da es den Motor sofort zähmt: ich lege den Gang ein. Das Getriebe rastet bei über 3'000 Motordrehzahl ein (im Nachhinein: erstaunlicherweise ohne Schaden!), die Drehzahl geht sofort runter auf einigermassen vernünftige 1'800 Touren, Paloma nimmt Fahrt und Kurs wieder auf. Sie dampft mit 8.5 Knoten Geschwindigkeit durch die Nacht. Ich versuche erneut, abzuschalten: keine Reaktion. Ich ahne inzwischen, dass die Gas- und / oder Drehzahlregelung kaputt sein muss. Und dass die zu hohe Drehzahl ein Abschalten mit dem magnetisch funktionierenden Abstellknopf verunmöglicht.

 

Nicoletta hat sich zwar nie gross mit Motoren beschäftigt, aber viel Ahnung von Psychologie und von Verhalten bei Panik. Sie sagt: Mann, wir müssen nachdenken. Der Motor läuft, Du scheinst momentan keine weitere Gefahr zu sehen, die Drehzahl ist halbwegs vernünftig, die Motorenparameter OK. Wir sitzen jetzt ins Cockpit und Du denkst laut nach über alles, was Du von Motoren weisst - und ich hör zu und stelle Fragen. Nachdenken statt Rumrennen. Und dann kommt die nächste Entscheidung von selbst. Genau richtig. Ich hab einfach eine Super Ehefrau und eine gescheite Co-Skipperin!

 

Ich werde ruhiger, wir sitzen raus und denken nach. Ich rekapituliere mein Wissen über Einspritzpumpen, Einspritzdüsen, Drehzahlregler, Gasregler, Ventile, Rauchfarben, Kontrollparameter, etc. Es wird klarer, woran "wir", d.h. unser MAN wahrscheinlich kranken könnte. Wir checken die Bowdenzüge, also die Verbindungen zwischen Gang- / Gashebel und Einspritzpumpe. Alles OK. Aber ohne Effekt. Die Maschine kennt nur noch "Alles oder Nichts", ist ausser Kontrolle. Unter Last ist sie aber nicht im Vollgas-Drehzahlbereich, also ist ev. auch im Innenleben etwas kaputt, da sie nicht mehr volle Leistung bringen kann. Temperatur, Öldruck und Ladung sowie Abgase und Kühlwasserdurchsatz sind normal. Das ist gut. Sonst wäre die Gefahr von Ölverbrennung gegeben, das wäre "brandgefährlich". Trotzdem, mit diesem Befund darf man nicht weiterfahren. Zum Glück haben wir inzwischen etwas mehr Wind. Wir können segeln. Jetzt müssen wir nur noch irgendwie den Motor abstellen. Die Luft abzuwürgen kommt mir nicht in den Sinn. Vielleicht besser so. Die Saugkraft am Lufteinlass ist gewaltig und ich trau mich dazu nicht. Lieber den Diesel abwürgen. Ich schliesse den Tank, öffne den Vorfilterhahn, lasse allen Diesel in der Leitung raus. Der Motor stottert, dreht nochmals kurz auf, ich renne ins Cockpit und siehe da: der Stopschalter wirkt diesmal, bevor dem Motor der Diesel ganz ausgeht.

 

Unglaublich, diese Ruhe plötzlich! Wie schön! Segeln ist eh schöner! Wir setzen die Segel. Bleiben beide im Cockpit, wir sind viel zu "aufgedreht" zum Schlafen - kein Wunder. Ab jetzt segeln wir bis auf die Azoren. Zwischenzeitige Anwandlungen von mir, den Motor ev. doch nochmals testhalber einzuschalten (könnte ja sein, dass "nur etwas ein Bisschen geklemmt hat und wieder gut ist nach einer Phase der Abkühlung"), klemmt Nicoletta - zum Glück - mit Nachdruck ab. Vorweg: der nächste Startversuch wird erst in knapp 2 Wochen im sicheren Hafen unter Beisein des ausgefuchsten Motorenspezialisten Emanuel stattfinden. Sein Kommentar nach 5 Sekunden Geheule und Geratter wird sein: "stop it! This engine is broken!!!"

 

Übrigens: Gabriel hat die ganze Episode verschlafen - ein gesunder Schlaf.

 

 

 

3. Phase - Starkwind und Wellenberge 20.5. bis 25.5.2016

 

Mit Grosssegel und Genua segeln wir langsam weiter. Erst am nächsten Morgen wollen wir den Besan (das hintere Segel) wieder setzen, er ist manchmal etwas störrisch, da er sich in den Lazy-Bag-Leinen gerne verhakt.

 

Oh, jetzt haben wir wieder Sorgen. Was ist wohl los mit dem Motor? Werden wir es reparieren können? Werden wir genug Wind haben für die Überfahrt? Fragen und Trauer – schon wieder müssen wir uns abschleppen lassen, können nicht stolz in den Hafen fahren. Aber irgendwie ist die Trauer und die Wut diesmal anders - irgendwie auch gemischt mit Neugier, Gelassenheit und Witz. Wir wissen, dass diese Reparatur eventuell noch viel teurer werden kann als beim Propeller. Wir wissen auch, dass es viel Geduld braucht und immer drei Mal so lange geht, wie man eigentlich plant. Unsere Vorräte an Trauer und Wut über Schiffsreparaturen scheinen aber von der Zeit in Martinique und davor irgendwie aufgebraucht zu sein. Wir fügen uns in unser Schicksal und wir haben auch gelernt, dass es irgendwann geschafft ist, es weiter geht, die Mühe in den Hintergrund rückt. Und dass so etwas immer auch eine interessante und positive Seite haben kann. Wir müssen uns nicht total runterziehen lassen, uns nicht zu sehr in Selbstmitleid baden. Reparaturen machen, Zeit für Anderes nutzen und abhaken. Fertig!

 

Jetzt brauchen wir unsere Konzentration ohnehin für das Wetter. Ein Tief kommt auf uns zu und wir werden unseren Kurs ändern müssen gen Süden, wenn wir nicht Sturmwinde wollen. Und dann kommt der Wind. Erst Rauschefahrt unter Vollbesegelung. Der Wind wird immer stärker, wir nehmen erst den Besan rein und reffen in der Nacht das Grosssegel (2. Reff) und die Genua. Jetzt soll der Wind ruhig kommen.

 

Wir schaffen es nicht ganz, so weit südlich zu kommen, wie gehofft. Landen in der Zone mit 30 bis 35 Knoten Wind (in den Böen bis um 40 Knoten). Das fühlt sich schon recht ruppig an. Das Bimini, das seit über 12 Monaten immer oben steht, reisst leicht ein und wird endlich weggeräumt. Besonders die Wellen sind heftig und werden immer heftiger. Sechs bis sieben Meter hohe Wellen türmen sich auf und brechen immer wieder auf die Paloma nieder. Schräg von vorn, manchmal seitlich, manchmal schräg von hinten - Frontdurchgänge bringen Wechsel in jeder Beziehung. Manche Wellen sind wieder vom Typ "räudig-wütender Hund" und beissen richtig aggressiv zu. Der Schiffsbug taucht tausende Male in die Wellen ein. Die Fussreling liegt oft im Wasser, Sturzbäche ergiessen sich über das Deck, sogar das Deckshaus wird regelmässig gespült. Manchmal knallt es richtig brachial. Wasser kann wie ein Hammer oder tausend Hämmer sein. Es ist nass, wird immer nässer. Es tropft an diversen Stellen im Schiffsinneren herein, vor allem vorne am Bug, der ab jetzt bis zum Ziel ständig überspült sein wird. Zwei Decksfenster lassen dort etwas Wasser durch, bei starkem Regen wären es nur einige Tropfen, jetzt tropft es ununterbrochen. Wir bauen mit aufgeschnittenen Pet-Flaschen, Eimern und vielen Handtüchern Wasser-Auffang-Stationen. Ich bin dem Schiff sehr dankbar, dass es die Betten verschont, die bleiben alle trocken. Ein Bücherregal erwischt es ziemlich und wir werden nach Ankunft mehr als eine Woche brauchen um die Bücher einigermassen zu trocknen. Trotzdem finden wir: Die Paloma bleibt für diese Verhältnisse insgesamt innen erstaunlich trocken und gut bewohnbar, die Situation ist nicht unaushaltbar.

 

Jetzt haben wir seit einem Tag konstant 35 - 40 Knoten Wind. Das ist Windstärke 8, wird auf der Beaufortskala als "stürmischer Wind", von Seglern aber meistens schon als "Sturm" bezeichnet (offiziell beginnt "Sturm" = Beaufortstärke 9 erst bei 41 Knoten, das hatten wir nur zwischendurch in einigen Böen auf der Anzeige). Ein Auslaufen auf Schweizer Seen wäre bei dieser Windstärke hochgradig verboten, die Versicherungen würden nix mehr zahlen. Paloma schafft es gut. Marc-Anton kriegt endlich seinen Starkwindkurs, den er eigentlich gerne vor der Reise mal absolviert hätte. Für uns alle ist es ein neues Erlebnis, es gibt wieder etwas zu lernen:

 

Beim Kochen wirft es mich bei einer besonders hohen Welle nach hinten durch die Küche. Ich pralle mit dem Kopf gegen einen Balken, lande dann auf dem Sofa. Nudelsosse klebt überall an der Wand und am Boden, der Topf steht noch auf dem Schwenk-Herd. Die Kinder helfen aufräumen. Ich bin ziemlich schockiert, dass mir so etwas passieren kann. So was darf einfach nicht passieren, ich hätte einen Schädelbruch haben können. Es ist aber passiert und mir ist fast nichts geschehen. Ich hatte einen dicken Turban auf (Seglerstyle um Haare zu bändigen). Und merke erst später, dass das Tuch voller Blut ist von einer kleinen Platzwunde am Hinterkopf. Von nun an achte ich bei so hohen Wellen peinlich darauf, dass immer nur ein Topf auf dem Herd steht und eine Person den Topf mit einer Hand hält und sich mit der anderen Hand selber sichert. Einmal mache ich zum Mittagessen nur Kartoffelpüree aus der Tüte mit Gemüse. Das kann ich im Wasserkessel machen, geht schnell und minimiert Gefahrenzeit. Ansonsten achte ich sehr darauf, dass auch bei diesen Wellenbedingungen mittags warm gegessen wird. An irgendeiner Normalität muss man sich auch festhalten können.

 

Auch Marc-Anton stürzt. In der Dusche. Eigentlich wollte er - bei Windstärke 7 - draussen im Cockpit mit Salzwassereimern duschen. Da er sich dabei aber schlecht anleinen kann, habe ich es ihm richtig verboten. Ich sah ihn schon als nackten Fisch auf Nimmerwiedersehen über Bord rauschen. Ein Rettungsmanöver ohne Motor bei so hohen Wellen lohnt sich erst gar nicht zu versuchen. Also, ab in die Dusche. Dort gibt es aber keine Haltegriffe. Der Duschkopfhalter ist inzwischen abgebrochen, weil eine heftige Welle den darin sitzenden Duschkopf so grob herumschwang, dass er dabei seine eigene Halterung ausriss... Und eben: Keine Handhalterung in der Duschkabine, Duschen bei Seegang ist also nicht vorgesehen. Und Duschkopfhalter weg, also Duschbrause in der Hand halten beim Duschen. Wie kann man nur so blöd sein und es tun? Aber wenn mann stinkt wie ein seit Wochen ungewaschener Greis, tut man's trotzdem. Und prompt sorgt wieder so eine pünktliche Megawelle dafür, dass Marc-Anton in der Dusche eine Pirouette dreht, dabei aus der Dusche geschleudert wird und schmerzhaft zwischen Klo und Waschbeckentisch zu Fall kommt und eingeklemmt wird. Er knallt dabei fies mit seiner Hüfte auf die Kante. Er jammert wie ein getretener Fussballer, es schmerzt extrem. Sieht schon einen Knochenschaft gebrochen oder einen  Lendenwirbel verkorkst. Zwischen Heulen und Fluchen merkt er, dass alles nass wird. Nicht von aussen, nein: er hat noch immer die laufende (Wasserverschwendung!) Duschbrause in der Hand und spritzt damit das ganze "Badezimmer" voll. In der andern Hand den runtergerissenen Duschvorhang mitsamt Duschstange. Ins Gefluche mischt sich Gelächter. Die Schmerzen in seiner Hüfte werden wie bei mir am Kopf einige Tage anhalten, aber das ist aushaltbar, wenn man eh keine andere Wahl hat und sich auf Schiff und Crew konzentrieren muss.

 

Die Kinder erwischt es praktisch nie. Sie sitzen meist im Deckshaus auf dem zum Bett umfunktionierten Sofa – sicher! Und bewegen sich traumsicher. Ausser Gabriel, der fliegt einmal quer durch den Salon, als er vom Sofa aufstehen will und eine weitere pünktliche Welle sich an Paloma gütlich tut - und donnert in den mit Kissen gepolsterten Herdunterbau. Die Kinder haben es eigentlich die ganze Zeit lustig, die älteren beiden zeigen keine Angst. Keiner wagt sich aber raus ins Cockpit. Elias würde zu Hilfe kommen, wenn wir ihn bräuchten. Gabriel guckt ab und zu raus und fragt ob wir auch angeleint seien. Dann sagt er, wie lieb er uns hat und dass er schon auch Angst hat. Ihm ist Gott sei dank nicht schlecht – alle drei Tage gibt es ein neues Pflaster. Die Kinder sitzen auf diesem Sofa, es gleicht etwas einem Krankenlager. Sie lesen, reden und singen die Singbücher immer wieder durch. Wir lesen vor: Ferien auf Saltkrokant und Jim Knopf. Ablenkung tut gut.

 

Dann ein Aufschrei...das Schiff liegt fast ganz zur Seite ab. Die Fenster des Deckshauses sind jedenfalls im Wasser. Alles fliegt durch die Gegend. Glas zerbricht (Anti-Moskitokerzen in Gläsern), Schrauben und Kleinkram purzeln aus der Werkstatt. Das Hirschgeweih, das Gabriel unbedingt aus den Schweizer Alpen mitbringen musste, wird zum Wurfgeschoss. Panik! Ich sage den Kindern, dass dies nicht schlimm ist, dass die Paloma immer wieder aufsteht, dass das bei so hohen Wellen schon mal passieren darf. Ich singe ein paar „heile Segen“-Lieder. Wir drücken uns fest. Die Kinder sind schnell wieder beruhigt. Dann kommt die Aufräum-Aktion. Nach einer Stunde sieht alles wieder ganz OK aus. Marc-Anton hatte kaum was von dem Chaos unter Deck bemerkt, er war draussen.

 

Es ist eigentlich nicht unbedingt nötig, bei diesem Wetter draussen zu sitzen, draussen hat man aber irgendwie ein besseres Kontrollgefühl und spürt die Verhältnisse besser. Steuern tun wir bei so langen Touren aber fast nie selber. Jetzt bei hohen Wellen schafft es der Windpilot (unser Tschony) leider nicht mehr. Der elektro-hydraulische Autopilot, den wir Elisa nennen, ist im vollen Einsatz. Ich schicke unserer Elisa ab und zu ein mentales Unterstützungsgebet zu. Nicht auszudenken, welche Anstrengung es bedeuten würde, jede dieser Wellen selber am Steuer zu nehmen. Schon nach zwei Stunden habe ich erfahrungsgemäss Muskelkater (das Schiff ist mit 27 Tonnen schwer und die Steuerung muskelzehrend). Auch unserem Back-Ofen gefallen die Wellen nicht. Die Ofentür knallt bei einer Welle so stark nach unten, dass deren Scheibe sich löst und dabei zerbricht. Natürlich wieder in der Nacht – tausende Scherbenstücke in der Küche - zum Glück krümelndes Sicherheitsglas. Ein herber Verlust; jetzt wird es vorerst kein selbstgebackenes Brot mehr geben. Hätte ich die Tür doch angebunden. Marc-Anton trägt diese Schadensmitteilungen am Morgen inzwischen erstaunlich gefasst. Ja, bei Windstärke 8 gibt es halt so einiges neu zu lernen.

 

Und dann wird der Wind ruhiger, das Tief ist vorbei – aber die Wellen, sie bleiben noch lange. Sie werden runder und etwas angenehmer. Beruhigen sich langsam, langsam...

 

Ich wage ein Fenster zu öffnen, weil die Sonne scheint, es ist feucht im Schiff. Wumm...genau dann schlägt eine aus der Reihe tanzende Welle wieder zu.  Alles nass! Das Spielchen passiert ein paar Mal. Auch Marc-Anton erleidet dasselbe mit geöffneten Backskisten. Oder: nur mal kurz die Toilette durchlüften....wumm, alles nass. Einmal ruft Marc-Anton: "Jetzt lasst doch diese Luken zu, verdammt! Ihr wisst doch ganz genau, dass die Wellen nur drauf warten und das extra machen!" Gelächter, kaum mehr Ärger... Dann lassen wir die Fenster halt vorerst zu. Fast alle Handtücher sind im Trocknungs-Einsatz. Sonne Komme!

 

Toja wird Marc-Antons Leibärztin. Da er ständig rumwerkelt, hat er immer wieder kleinere Handverletzungen. Jeden Abend inspiziert sie seine Pfoten, identifiziert den Verarztungsbedarf und macht leidenschaftlich und liebevoll gute Nachtverbände. Die beiden kommen dabei immer wieder in manchmal lustige, manchmal hitzige lehrreiche Diskussionen, wie es gemacht werden soll. Das altbekannte Thema: die Ärztin, die "weiss, wie es sich gehört" und der autonome Patient, mit eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen... Marc-Anton ist immer wieder ganz gerührt von der liebevollen Pflege durch seine grosse Tochter.

 

 

 

4. Phase – Ankunft 26.5. bis 27.5.2016

 

Wir bereiten die Ankunft vor. Die muss geplant sein, da Abschleppen nötig sein wird. Marc-Anton schreibt nach Horta. Auch Dani, unser lieber Freund, der unsere Homebase führt, hilft uns von Ferne. Er ist der charmanteste und zuverlässigste Mensch, den es gibt und spricht zudem noch fliessend Portugiesisch, Spanisch, Französisch und Englisch. Er schreibt auf portugiesisch an die Marina, in der Hoffnung, dass wir dadurch die nötige Unterstützung bekommen werden. Erst heisst es, dass Horta für uns keinen Platz hat, dann, nach mehreren erfolglosen emails von uns und einigen Telefonaten Daniels gibt es scheinbar doch Platz. Dann schreibt Horta plötzlich wieder, dass es doch keinen Platz gebe. Wir sollen zuerst im (NB eng bevölkerten) Hafenbecken ankern und dort warten. Das geht aber nicht so gut ohne die Sicherheit eines Motors bei 30 Knoten Wind. Auch Hermann berät uns via Satellitenemail, wie man in Horta am Besten anlandet und welche Verhältnisse in der sehr windigen Strasse zwischen Horta und Pico zu erwarten sind. Wir fragen ihn an, da er Horta als Segler und uns gut kennt. Die Anfahrt zum Hafen verspricht schwierig zu werden durch Düseneffekt mit Windverstärkung zwischen den Inseln. Aufkreuzen wäre nötig. Hermann gibt uns sehr konkrete Tipps, wie wir am Besten in diesen Hafen kommen unter Segeln. Herzlichen Dank Hermann und Dani. Wir haben uns sehr unterstützt gefühlt.

 

Und dann kommt es doch anders. Nach dem nicht-vertrauenswürdigen Hin und Her mit Horta beschliessen wir kurzerhand, "nach rechts abzubiegen" und nochmals 20 Stunden anzuhängen. Also kurzfristige Kursänderung Richtung Sao Miguel und somit noch ein Segeltag mehr bis zur Ankunft. Horta meldet sich noch einmal mit letztlicher Zusage, wir winken aber "dankend" ab. Dafür ist nun die Korrespondenz mit Ponta Delgada, der Marina auf Sao Miguel, richtig wohltuend, seemännisch korrekt und echt hilfsbereit. Die haben alle emails mit Horta "mitgehört" und sind bereit! Ja wir können kommen, ja wir werden natürlich in den Hafen abgeschleppt, ja wir sind sehr willkommen, sie seien schliesslich zum Helfen da, schreibt uns Carlos, der liebenswürdige und fix-organisierte Marinero - Kontrastprogramm zu Horta! Wir sind gerührt, freuen uns!

 

In der letzten Nacht müssen wir die Fahrt "künstlich" reduzieren, sonst kommen wir zu früh an und es bläst immer noch mit 20 bis 30 Knoten. Mit nur einem Segel fahren wir weiter. In der Nacht sehen wir den Leuchtturm von Sao Miguel, am Morgen dann die Insel. Erstmals Land seit 18 Tagen! Doch nun sind wir noch nicht nah genug am Hafen und der Wind beginnt stark abzuflauen - schon lustig! Wind ist nun fast weg. Vom Starkwindsegeln direkt ins trimm-mässige Rumtüfteln bei Schwachwind, um jeden Meter Höhe Richtung Hafeneinfahrt herauszuholen. Wir kreuzen geduldig auf mit wieder voller Segelfläche. Ab 9:00h erwartet uns unser Schlepper und wir wollen doch pünktlich sein! Jede Böe nutzen wir um ein bisschen Höhe zu machen, wie bei einer Regatta. Das macht sogar Spass! Da wird an den Holepunkten, am Traveller, an Niederholern, Liekstreckern und Schoten rumgezüpfelt, was das Zeug hält. Da kommt er auf uns zu, unser Schlepper, bevor wir überhaupt zum Funkgerät greifen müssen. Er hatte uns im AIS schon längst beobachtet. Sagt, dass wir näher an den Vorhafen kommen müssen, von dort kann er uns dann an die Leine nehmen (mit seinem 50 PS Dinghi). Er ist sehr nett und wir sind froh ihn mit uns zu wissen. Er heisst Rui, ist eigentlich Segelmacher und wurde vom Hafen aufgeboten. Wir werden ihm später dankbar Dinge zur Reparatur bringen: Das Bimini, dessen Reissverschluss bei Windstärke 8 etwas einriss, nachdem dieses Sonnendach über 1 Jahr lang unverändert oben stand. Die Sprayhood, welche ein kleines Loch im "Fenster" hat. Und der kaputte Matratzenreissverschluss.

 

Zwei drei gemächliche Kreuz-Schläge noch und wir haben es geschafft. Er nimmt die Leine entgegen und zieht uns in den Hafen. Dort bibbern wir noch kurz beim Anlegen in die Box:

 

Aufstoppen ohne Motor geht nicht so einfach. Wir rufen Jungs von einer liegenden Yacht um Hilfe, hoffen, dass sie die Festmacherleinen annehmen können und dass sie wissen, wie man mit einer Vorspring aufstoppt. Sehr verlangsamt kommen dann auch zwei junge verkaterte Männer angeschlurft, gucken uns müde und unverständig an. Man muss sie rumjagen wie Laien, erst nach dem letzten Moment merken sie, was nötig gewesen wäre. Das Schiff ist mit dem Bug noch drei Meter vom Quer-Steg entfernt, noch in Fahrt, aber schon in der Box. Da gelingt Elias ein Meisterwurf. Vom Schiff aus wirft er die Leine im Bogen elegant über den Poller am Heck – trifft. Zieht geistesgegenwärtig fest und uns damit an den Steg und stoppt uns auf - meisterhaft! Bravo Elias! Wir sind angekommen. Juhee!!! Wir sind stolz! Jetzt sind wir definitiv Starkwindblauwasserlangfahrtensegler.

 

Einige Stunden brauchen wir um das Nötigste im Schiff aufzuräumen. Dann gibt es erst mal ein ordentliches Mittagessen und dann... Bloss nicht müde werden. Jetzt steht der Gang durch die Ämter an und das Klar-Schiff-Machen. Das macht man am Besten im Ankomm-Rausch gleich sofort, auch wenn man fast 3 harte Wochen hinter sich hat. Frisch duschen, saubere Klamotten und sofort los. Ich erledige diese Amtsgänge immer mit den Kindern, Marc-Anton beginnt derweil das Schiff aufzuklarieren. Die Personal-Mischung "Skipperin mit Kindercrew" stimmt die meisten Beamten milde (sofern es Männer sind). Erst in die Marina (wir müssen warten, alle sind zum Kaffeetrinken ausgegangen), dann Zoll (ein Bild von einem Mann mit sehr gepflegtem Vollbart), dann Einreisebehörde und dann noch Fremdenpolizei zum krönenden Abschluss (der Beamte will Marc-Anton dann auch noch sehen). Hier läuft alles aber ausnehmend  freundlich und zügig ab. Man ist willkommen! Der Zollbeamte bietet uns Kekse an. Der Einreisebeamte ist überhaupt nicht böse, dass die Kinder ein Poster angefasst haben – jetzt hängt eine Seite zu Boden. Der Anfang hier ist also wirklich gut. Dann gehen wir ins Städtchen. Frisches Gemüse und Obst brauchen wir unbedingt. Unsere Bestände waren schon in Woche zwei deutlich geschrumpft. Ponta Delgada hat einen tollen Markt. Heute ist Freitag und ca. 20 Stände bieten frische, grossteils lokale Ware an. Ein Paradies!

 

Aufräumen, Trocknen und Putzen bestimmen die ersten Tage. Alle Luken müssen geöffnet und ausgeräumt werden. Vieles ist nass geworden oder mindestens feucht. Paloma hat nochmals einen Härtetest mit Bravour bestanden. Trotz aller Macken: ein super Schiff! Aufhängen, trocknen, säubern. Ein aufwendiger Prozess, zumal sich die Sonne nur einige Stunden pro Tag blicken lässt. Besonders lange brauchen die Bücher. Mit Fön und Trockenlüfter und Sonne versuchen wir sie zu trocknen. Je nach Qualität der Seiten zerfallen einige, andere kleben so sehr aneinander, dass die Oberfläche zerreisst beim Auseinanderziehen. Die meisten Bücher behalten ein Wellenmuster als Andenken, bleiben aber lesbar.

 

 

 

...und erste Tage in Ponta Delgada mit Abschied vom MAN

 

Wir haben etwas Eile. Meike hat sich angemeldet und wird ab Dienstag für knapp eine Woche aufs Schiff kommen. Bis dahin soll Paloma wieder hübsch hergerichtet sein. Wir freuen uns sehr auf Meike. Schade nur, dass wir mit ihr nicht segeln können. Dann mieten wir ein Auto und schauen uns eine Woche diese wirklich schöne, gepflegte und kulturreiche  Insel an. Üppige Vegetation, Vulkanberge, schroffe Küsten, Thermalquellen und -pools. Marc-Anton findet die Insel so schön, dass er sich zum ersten Mal vorstellen kann, an einem Ort für's Leben zu bleiben. Ihm gefällt es hier deutlich besser als in der überhitzten, verlangsamten, abfallreichen Karibik. Mir ist es bisher noch deutlich zu kalt (bei 18 bis 22 Grad), ich sehne mich schon wieder nach mehr Sonne. Die Freundlichkeit und Verlässlichkeit der Azoren-Portugiesen gefällt aber auch mir sehr gut.

 

Beispiel (Marc-Anton): Unser Motorenmechaniker Emanuel ist in seiner Freizeit Instruktor für Jetski-Schüler und betreut offenbar ein Jetski-Rennfahrerteam als Teamtechniker. Dafür fliegt er auch alle paar Wochenenden nach Lissabon. Er sieht bald, dass unsere Buben sich durchaus auch für Motoren begeistern. Schon nach den ersten zwei Kontakten mit uns lädt er uns kurzerhand für das kommende Wochenende ein, in der Bucht vor der Marina ein paar Schnupperfahrten auf Jetskis zu machen. Eigentlich sind wir ja nicht so begeistert von diesen lärmend-nervösen Geräten. Aber probieren wollen wir gerne auch dies. Und: Es wird ein Riesenerlebnis, nicht nur für die Kinder. Wir dürfen zuerst als Mitfahrer, danach sogar am Steuer damit herumkurven. Rasant, lustig! Und einfach sehr liebenswürdig, dass wir zu so etwas einfach so eingeladen werden.

 

A propos Motor: bevor wir im nächsten Eintrag zu der Zeit auf Sao Miguel und dem Einbau des neuen Motors kommen, hier noch das Präludium zu dieser Grossaktion nach dem oben beschriebenen Prä-Präludium.

 

Die zentrale Frage: wie schlimm steht es um den MAN? Emanuel ist ein geschickter Kommunikator. Er lässt schonungsvoll durchblicken, dass es ganz schlimm sein könnte, dass aber auch durchaus die Chance besteht, dass man ihn noch flicken kann. Diese Optionen bestehen tatsächlich, auch wenn uns klar ist, dass wir mit dem Schlimmsten - Exitus und Totalersatz - rechnen müssen. Wir diskutieren Thesen mit ihm auf Grund unserer akustischen, olfaktorischen und bauchmässigen Erfahrungen, die wir hatten auf hoher See.

 

Die wichtigste These: Einspritzpumpe bzw. der darin eingebaute Gasregulator ist kaputt. Zudem als Folge davon möglicherweise ein motorinternes Problem, das aber eventuell reparierbar sein könnte - aber vielleicht eben auch nicht. Ölbrand ist schnell ausgeschlossen, da Ölstand normal und Rauchentwicklung auch. Unter Emanuels Aufsicht starten wir den Motor mit zitternden Fingern. Er heult, nach 2 Wochen Stillstand, auf, wie kürzlich am "jüngsten Tag". Über 3'000 Touren. Emanuel: "stop it!". Stoppen funktioniert diesmal, da die Maschine noch kalt ist. Emanuel steht aber zur Sicherheit bereit, dem MAN mit einem unserer alten Teppiche kurzerhand die Luft abzuwürgen. Ruhe. Emanuel hebt sorgenvoll und Verständnis heischend den Blick aus dem Maschinenraum und sagt: "This engine is broken, I think. I don't like the sound". Wir sind traurig und sagen: "Nonononono!". "OK, let's open it, we will find out, maybe it is reparable, if it is just a valve and the injection pump".

 

Dann wird der Motor sogleich und am Folgetag Stück für Stück von oben her auseinandergenommen. Zudem wird die Einspritzpumpe, ein kompliziertes, feinmechanisches Gerät, das an der Seite sitzt und etwa den halben Wert eines jeden Diesel-Motors ausmacht, abmontiert. Zylinderkopfdeckel kommen weg. Die Maschinenwelle wird manuell gedreht. Sie stockt aufgrund eines offensichtlich harten metallischen Widerstandes nach 3/4-Drehungen. Sehr verdächtig. Zumal die Maschine diesen Widerstand offenbar nur schon beim jüngsten Zündversuch mit einer Frequenz von 3'000/Minute - also mehrere Dutzend Male in den paar Sekunden - überwunden haben musste. Ich beginne mir langsam auszumalen, was sich da im Inneren "ausmahlt" oder zermalmt... Emanuel: "This is bad news".

 

Dann wird die nächste Zylinderkopfschicht entfernt. Blick auf die Ventile von oben. Für mich sehen alle zwölf Ventile gleich aus. Technische Wunderwerke, mit Federn, Steuerplöppeln, hochpräzisen Ventilen. Emanuel zeigt auf eines der beiden Ventile in Zylinder Nr. 2 und sagt: "Here is the problem, feel it". Ich sehe nichts, fühle höchstens vielleicht eine ganz wenig rauhere Metalloberfläche. Zudem zeigt er mir, dass ebendort die Einspritzdüse festsitzt und nicht entfernt werden kann. Dann ist Feierabend - Zeit zum Nachdenken. Ich habe in der Nacht Gelegenheit dazu. Am Morgen sage ich zu Emanuel, dass es vielleicht gar nicht so schlecht sei, einen neuen Motor in Erwägung zu ziehen. In der Nacht kamen die Vorahnung und die Vorfreude auf einen potentiell neuen Motor so richtig auf - grosse Buben lieben Motoren!

 

Emanuel sieht mich an wie ein Doktor, der erleichtert ist, dass sein Patient beginnt, seine Diagnose zu akzeptieren. Und  beginnt, die Zylinderköpfe ganz zu öffnen, so dass man auf die Kolben sieht. Den vordersten Kopf mit den Zylindern 1 und 2 zuletzt. Und dann wird die Sache klar: Zylinderraum Nr. 2 enthält ein Stück eines Ventils. Die Oberfläche des Kolbens ist tief aufgerauht, zerbröselt. Der Zylinderraum voller Metallkrümel. Die Einspritzdüse "verschweisst". Befund: klar irreparabel. Ich sage sofort: "Juhui, Paloma kriegt einen neuen Motor!"

 

Ursachen? Spekulation. Wahrscheinlich aber mehrere Faktoren: Ermüdung des Gasregulators infolge von Mikroschäden in der Einspritzpumpe, die zurückzuführen sind auf viel zu lange Standzeiten in den letzten Jahren, dabei zuwenig gute (bzw. gar keine) Konservierung in diesen langen Ruhephasen vor unserer Zeit und - wie sich später noch herausstellen wird - schlechte Dieselqualität, die ebenfalls seit Jahren in den grossen Tanks ihr Unwesen getrieben hatte, da konnten auch unsere Grotamar-Kuren nichts dagegen ausrichten.

 

Zum Glück hat Emanuel alles Notwendige an Lager: einen passenden Motor, mit genau dem gleichen Getriebe, auch 6-Zylinder, wie es für diese Schiffsgrösse braucht. Kompakt, robust, ohne Elektronik. Aber neu, 30% kleinerer Hubraum, trotzdem stärker. Mit deutlich geringerem Verbrauch, aber besserer Leistung und Kraft. Wir werden ihn technisch etwas bändigen müssen, damit kein Bube damit Blödsinn anrichtet. Ein Yamaha. Im Herzen ein bewährter Toyota, der von Yamaha marinisiert wurde. Der Motor, der in den Toyota-Jeeps vom Rotem Kreuz, den Blauhelmen, den Paris-Dakar-Freaks gefahren wird - und von westlichen Grosstadtindianern ebenso wie leider auch von irregeleiteten religiösen Fanatikern in den wüstenähnlichen Gegenden im  nahen Osten. Wir sind also in illustrer Gesellschaft damit! Für mich als Qualitätsmanagementfreak das Richtige: eine über hunderttausendfach bewährte Maschine aus dem Land und den Fabriken, in welchem/n das Qualitätsmanagement mit Hilfe des legendären Mr. Deming im Auto-, Motoren- und Musikinstrumentenbau quasi erfunden worden war.

 

Also wird der alte MAN für seine Dienste gebührend verdankt und mit allen maritimen Ehren und von der Toja arrangiertem "Flaggenbegräbnis" verabschiedet. Und dann mittels einer eigens dafür gebauten Spezialkonstruktion aus dem Maschinenraum in das Deckshaus und von da mit dem Lastwagenkran aus dem Schiff gehoben. Wie ein alter 500 kg schwerer Schatz. Massarbeit ohne Kratzer am Schiff. Das Bergungsteam um Emanuel und die Paloma-Crew feiert dies mit Lachen, Daumen Hoch und Fotosession! Jetzt kann's dann losgehen mit einer Grossreinigung des ausgeräumten Maschinenraums, kompletter Tankreinigung. Zudem soll dabei auch gleich der Generator einmal raus für eine Überholung.

 

Budgettechnisch ist das Ganze natürlich (fast) katastrophal. Aber wir haben gelernt, mit Solchem umzugehen. Unsere Reise ist, seitdem ihre Planung vor 4 Jahren begann, ohnehin eine grosse Lektion in Sachen Akzeptieren und Stehen-Zu-Dem, was ist und was das Leben fordert. Und es dabei auch zu geniessen. Deshalb entscheiden wir zuversichtlich, diese Baustelle mit Emanuels Team so rasch wie möglich anzupacken. Und diese schöne Azoreninsel und ihre netten Menschen mehrere Wochen lang genauer kennenzulernen...

 

 

Legende zur obigen Teamfoto des Bergungsteams:

 

vordere Reihe von links nach rechts: Victor, Emanuel Oliveira (Inhaber von Tecninautica und Obermechaniker), Nicoletta, Marc-Anton, José

mittlere Reihe: Elias, Toja, Gabriel

hinterste Reihe: Ruben

Fotograf: Eugenio, der im mittleren Bild am linken Bildrand Hand anlegt beim Rauskranen

 

Und unten Elias mit Emanuel am Jetski-Fräsen.

 

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